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13. März 2010, 10:04 Uhr

Was vom Einsturz übrig blieb

Ein Haus ist im Erdboden versunken, zwei Menschen starben in den Trümmern - das erschütternde Resultat eines Bauskandals, der ganz Deutschland bewegte. Aber was wurde eigentlich aus den Dokumenten, die im Kölner Stadtarchiv eingelagert waren? Eine Ausstellung zeigt die Rettungsversuche. Von Anja Lösel

Kölner Stadtarchiv, Köln, Severinstraße, Gropiusbau

Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs vor einem Jahr hat zahlreiche historische Urkunden zerstört© DPA

Die Severinstraße ist öde und traurig geworden, immer noch klafft da das schreckliche Loch, gerissen vor rund einem Jahr, als das Kölner Stadtarchiv im Erdboden versank. Pfusch am Bau, stellte sich nun heraus. Ein paar Arbeiter hatten die Eisenträger, die sie eigentlich in den neuen U-Bahn-Schacht einbauen sollten, einfach verscherbelt. Das Ergebnis: eine Katastrophe.

Am 3. März 2009 stürzte das Kölner Stadtarchiv in die Baugrube, sackte einfach weg. Und mit ihm das Gedächtnis der Stadt: 30 Kilometer Regale mit 60.000 Urkunden, einer halben Million Fotos, Tausenden von Dokumenten, Nachlässen, Handschriften, Karten, Plänen.

Max Plassmann hatte grade zwei Wochen zuvor seine neue Stelle am Kölner Stadtarchiv angetreten, er saß an seinem Arbeitsplatz, als es knirschte. Jemand schrie: raus. Alle rannten. Und kaum waren sie draußen, ging das Haus in die Knie. Was fühlte er da?

"Ach, wissen Sie", sagt er, "das ist nicht so wichtig." Wut? Angst? Trauer? Emotionen will er nicht zulassen. "Es ist viel zu retten. Das war das Wichtigste."

Nasses wurde erst mal eingefroren

Und sie retteten. Schnell musste es gehen, denn von unten drückte das Grundwasser, von oben drohte der Regen. Erst mal brachten sie alles in eine große Möbelhalle und verteilte dann die versehrten Bücher und Papiere auf 19 verschiedene Archive in ganz Deutschland. 85 Prozent der Bestände konnten geborgen werden, aber wie? "Ein Drittel ist stark zerstört", sagt Plassmann. Nasses wurde in Folie verpackt und erst mal eingefroren, anderes in Trockenkammern erwärmt, um Schimmel zu verhindern.

Der Nachteil der Blitzaktion: Niemand weiß mehr genau, was wo gelandet ist. Einige Bücher oder Mauskripte liegen zur Hälfte hier, zur anderen dort, keiner weiß so genau, was wo ist, denn es musste ja alles so schnell gehen. Die Teile wieder zusammen zu fügen, zu ordnen und zu restaurieren, wird Jahrzehnte dauern. Eine Sisyphusarbeit. "Ich werde das Ende der Restaurierungsarbeiten wohl nicht im Amt erleben", seufzt Bettina Schmidt-Czaja, die Archivleiterin. Blass und schmal steht sie vor den zerfetzten Büchern, die nun wie Mahnmale in den Vitrinen liegen. Trauer? "Die wäre nicht zu ertragen", sagt sie. "Wir müssen nach vorne blicken und arbeiten. Alles andere bringt ja nichts." Ja, es ist ein wenig so, "als wenn jemand gestorben wäre", sagt sie. "Aber tot sind die Bücher nicht, nur sehr krank."

Fotos von den Rettungsarbeiten hängen an der Wand: erschöpfte Feuerwehrleute, aufgeweichte Papiere, blaue Tonnen, in denen man die Fetzen gesammelt hatte. Noten von Jacques Offenbach waren unter den Trümmern, Fotoalben aus dem Kölner Karneval, wertvolle mittelalterliche Folianten genauso wie Sozialhilfe-Unterlagen der Stadt Köln. Das Archiv ist eines der ältesten überhaupt, gegründet im 15. Jahrhundert. Mehrere Kriege hat es überstanden. Und nun das.

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KOMMENTARE (3 von 3)
 
love-and-flow (13.03.2010, 23:34 Uhr)
(korrektur)
ups.

der eigentliche skandal ...ist doch die tatsache, dass während des u-bahn baus [...] wohl keinerlei maßnahmen zum schutz des gebäudes oder der archivalien getroffen worden sind.
love-and-flow (13.03.2010, 23:30 Uhr)
der eigentliche skandal
...ist doch die tatsache, dass während des u-bahn baus, der zu diesem zeitpunkt schon seine weithin sichtbaren zeichen (in form von rissen in den wänden, zerbröselnden decken in kirchen, bis hin zu stützen an einem geneigten kirchturm) in der kölner altstadt hinterlassen hatte. ebenfalls weit bekannt ist die schwierigkeit des kölner bodens, der nicht zuletzt aufgrund des II.ten weltkriegs einer mit historischem material gesättigten bauschuttgrube mit hohem grundwasserstand gleicht. man musste sich also keine sorgen machen, dass das archiv in einem loch versinken könnte, dass keine dreißig meter tief ist und vom archiv durch mehrere meter erde und eine betonmauer getrennt ist. es ist ja auch nirgends auf der welt, auch nicht in amsterdam, von den gleichen firmen gebäude mittels u-bahn-bau gefährdet worden.

hier standen nicht nur die firmen und die stadt, hier standen mindestens auch das land und die archivleitung selber in der verantwortung.

abgesehen also von den baumängeln wäre es angeraten gewesen, die archivbestände solange auszulagern, bis die baustelle beendet worden ist. hierfür gibt es noch einen weiteren grund: in dem artikel wurde die einwirkung von zementstaub auf die dokumente erwähnt. der muss während der bauarbeiten reichlich in der luft gelegen haben und auf besucherkleidung ins archiv getragen worden sein.

man muss sich und darf sich jetzt auch fragen, ob die lage des archivs überhaupt
gut gewählt war: mitten in einer stadt, nicht weit vom rhein, und eben nicht gerade auf fels gebaut.

ich möchte der archivleitung jetzt keine versäumnisse vorwerfen. aber zwei persönlichkeitsmerkmale von archivaren, die ich glaube feststellen zu können, haben sich doch dazu verschworen, das ihrige zu tun: erstens wollen archivare gerne große, zentrale archive haben. sie sagen, man könne sonst kaum effizient forschen. warum das immer noch so ist, darauf komme ich in punkt zwei zurück. jedenfalls ist bei einer vergleichbaren katastrophe der verlust aus einem großen archiv potentiell größer als bei einem kleinen, einfach weil mehr masse da ist.

zweitens sind archivare gern knauserig mit digitalisierten editionen. es ist immer wieder zu hören, wie langsam und eingeschränkt die archive digitalisiert werden. das und weil ein paar zusätzliche arbeitsplätze an einem oder mehreren weiteren standorten natürlich viel zu teuer sind (um auf altes papier aufzupassen) führt dazu, dass sich städte und archivare große, zentralisierte archive wünschen. wir haben von denen jetzt eines weniger. vielleicht ist ihre zeit ja jetzt gekommen. das gebäude als solches wenigstens, dass hässlich wie der müllraum eines parkhauses war, wird gewiss jetzt schon von vielen nicht vermisst.

es sollte ein grundsatz werden, das mindestens bei nachgewiesenem interesse eine handwerklich korrekte digitale kopie eines beliebigen archivierten werkes zu einem subventionierten preis erstellt wird (google rechnet derzeit mit ca. 40US$ je buch; so billig wird es für diesen zweck nicht zu haben sein).

in dem artikel war auch von den vielen papierschnipseln die rede. ich bin ganz sicher, dass man schon bei der gauckschen behörde angfragt hat, ob man sich deren famose papierschnipsel-suchmaschine ausleihen kann? die arbeiten ja schon seit 20 jahren am zusammenpuzzlen und können das wohl.
grasi (13.03.2010, 16:21 Uhr)
Ich versteh nicht
...warum die Restaurierung nun auch wieder von Stiftungs- und Steuergeldern durchgeführt werden soll. Ein Schuldiger ist doch nun eindeutig auszumachen und zumindest die Versicherung der Baufirma müßte diesen Schaden tragen.
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