Das Programm der ARD ist für junge Zuschauer ungefähr so attraktiv wie Blasentee und Treppenlifter - von Ausnahmen wie Sport einmal abgesehen. Und dem einzigen Vorzeigejugendlichen: Oliver Pocher. Bericht über eine Anstalt, die mit ihrem Publikum vergreist. Von Alexander Kühn

Oliver Pocher, hier mit seinem ergrauten Ziehvater Schmidt© Marco Grob/ARD
Die ARD und die jungen Zuschauer, das muss man sich ungefähr so vorstellen wie Erdbewohner auf der Suche nach Außerirdischen. Keiner weiß, wie weit sie entfernt sind. Ob sie dieselbe Sprache sprechen. Ob es sie überhaupt gibt. Hin und wieder funkt man eine Botschaft in den Orbit, hallo, ist da wer? Bei den jungen Zuschauern: noch größeres Befremden. Halb unter Schmerzen, halb belustigt erzählt man sich beim Westdeutschen Rundfunk den Dialog zweier Teenagermädchen, von einem Redakteur aufgeschnappt in der Kölner Straßenbahn, Anfang des Jahres, als im Ersten gerade die Sendung von Bruce Darnell gestartet war. "Du, auf Pro Sieben kommt wieder ,Germany's Next Top Model‘!" "Aber ohne Bruce." "Der hat doch jetzt 'ne eigene Show!" "Ja, auf so einem komischen Sender, ich glaub, den kriegen wir gar nicht." Bruce im Ersten, das war wie Disco im Altersheim: Warum sollten junge Menschen sich dorthin verirren? Mangels Zuspruch war das Experiment rasch beendet.
Und so sieht ein Tag mit dem Ersten aus: vormittags Besuche bei "Familie Dr. Kleist" und in der Sachsenklinik, mittags Kalbfleischkochen am "ARD-Buffet", dazu Adventskranzflechten und Friseurtipps; nachmittags Herzeleid mit "Sturm der Liebe" und "Rote Rosen", ein Ausflug in den Zoo zu "Nashorn, Zebra & Co.", am Vorabend imitiert man mit "Verbotene Liebe" und "Marienhof " ein bisschen RTL, vorm Insbettgehen gewährt in einem Wörtheroder Wolfgangseefilm Christine Neubauer noch einen Blick in ihr Dekolleté.
Die öffentlich-rechtlichen Sender sind für junge Menschen ungefähr so relevant wie Treppenlifter oder Blasentee. Die Hälfte der Zuschauer von ARD und ZDF sind älter als 65, nur fünf Prozent unter 30. Dass die Zuschauer des Zweiten im Schnitt noch ein Fitzelchen älter sind, 60 statt 59,3 Jahre, vermag die Kollegen vom Ersten kaum zu trösten. Denn was die Geschwindigkeit der Vergreisung angeht, ist das Erste Deutsche Fernsehen nicht zu schlagen: In den vergangenen 15 Jahren stieg der Altersschnitt der Zuschauer um elf Jahre.
Eines Tages, so hatte man sich das lange schöngeredet, wenn die jungen Menschen an Jahren und Einsicht gereift seien, würden sie zurückkehren in den Schoß der Öffentlich-Rechtlichen. Aber was heißt zurück? Bereits der von ARD und ZDF betriebene Kika erreicht weit weniger Kinder als der private Konkurrent Super RTL. Jugendliche wachsen nicht mit drei Programmen auf, sondern mit 300. Ihre Heimat sind Pro Sieben, RTL, mehr noch Youtube und Studi-VZ. Sie richten ihr Abendessen nicht nach dem 20-Uhr-Gong im Ersten aus; bei Zuschauern unter 50 ist Peter Kloeppel mit "RTL Aktuell" längst auf Augenhöhe mit der "Tagesschau".
Wie derangiert das Bild der ARD ist, berichtet hinter vorgehaltener Hand ein Hierarch vom Südwestrundfunk: "Mein Sohn traut sich in der Schule nicht zu sagen, dass er das Erste schaut. Unser Image ist nicht gut. Wir haben zu wenig Programm für junge Leute. Das ist zum Verzweifeln." Es müsste einer kommen, der mit einem Riesenrums den Laden auf Vordermann bringt. Jemand, der das Haus nicht sprengt, ihm aber einen frischen Anstrich verpasst.
Auftritt Volker Herres, 51. Seit 1. November ist er Programmdirektor des Ersten. Sein Vorgänger Günter Struve, der jetzt mit 68 für sehr viel Geld ein Büro im sonnigen Los Angeles beziehen durfte, um für seinen alten Arbeitgeber den amerikanischen Markt zu beobachten, hatte die Quote mit Volksmusik und Heimatfilmen nach oben getrieben - und mit ihr das Alter der Zuschauer. Womit wird Herres sich in die Geschichtsbücher einschreiben?
Wenn man ihn in diesen Tagen in München besucht, wo er von seinem Büro aus auf die Oktoberfestwiese schauen kann, erlebt man ihn zurückhaltend. "Programmdirektor ist der schönste Job, den ich mir vorstellen kann", sagt er. Dass die ARD sich vor Kurzem die Bundesliga gesichert hat, macht ihm gute Laune; dass er gerade um die Rechte an den Olympischen Spiele bangen muss, drückt erheblich auf sein Gemüt. Denn wenn etwas junge Zuschauer garantiert, dann Sport.
Und sonst? Findet er sein Programm mutig? "Das ist nicht das zentrale Kriterium. Manche denken auch, es wäre mutig, eine Handgranate in der Hand zu halten und den Stift rauszuziehen." Vorsichtig sein. Bloß nicht zu viel ankündigen. "Wir haben keinen Grund zu radikalen Veränderungen. Wir brauchen keine Revolution. Aber wir haben ein paar Problemzonen, mit denen wir uns beschäftigen müssen." Die größte Problemzone ist die ARD selbst. Wer verstehen will, warum die ARD so schwer zu verjüngen ist, muss die ARD verstehen.
Jedes Jahr kassiert sie fast 5,4 Milliarden Euro Gebührengelder. Beschäftigt 23.500 Mitarbeiter, leistet sich 55 Radiosender, dazu Orchester, Big Bands, Chöre, digitale Fernsehkanäle und Beteiligungen an Phoenix, Arte, 3Sat und dem Kinderkanal. Hauptgeschäft sind die dritten Programme und eines, das alle Landesanstalten gemeinsam bestreiten: das Erste. Wenn jemand ARD sagt, meint er meist das Erste, die Mutter des deutschen Fernsehens, gestartet zum Weihnachtsfest 1952. Genau genommen gibt es keine ARD. Es gibt neun konkurrierende Landesanstalten. Kleine Reiche mit Intendantenfürsten, von denen jeder mal für ein Jahr Vorsitzender sein darf. Das Verhältnis der Sender untereinander: Hauen und Stechen. Ein NDRModerator sagt: "Es ist wahrscheinlicher, dass Pro Sieben oder Sat 1 sich freuen, wenn wir einen Erfolg landen, als dass BR oder WDR ihn uns gönnen."

Nonnen-Serie "Um Himmels Willen"© Barbara Bauriedl/ARD
Aufgabe des Programmdirektors ist es, die Provinzfürsten zu einen. Wer etwas ändern will, muss sanft vorgehen. Als Herres jüngst in einem Interview anklingen ließ, die bestehenden sechs Politmagazine mit unterschiedlichen Namen und Moderatoren seien weniger schlagkräftig als es, wie bei andern Sendern üblich, eine einheitliche Marke sein könnte - da ging ein Aufschrei durch den Senderverbund: Da will uns einer was wegnehmen! Wenn man fragt: Was tut ihr im Ersten für die jungen Zuschauer? Dann antworten alle: Pocher, Pocher, Pocher. Ja, Harald Schmidts Fangemeinde hat sich verjüngt, seit ihm Oliver Pocher zur Seite steht. Das macht das Erste kaum frischer, aber zumindest hat man jetzt einen Vorzeigejugendlichen. Im Oktober bereiste Pocher Deutschland, um den ARD-Werbekunden das Programm 2009 zu präsentieren - wobei er sich eher darüber lustig machte.
Bereits im März hatte man ihn als Experten eingeladen zu einem Forum der ARD-Gremien mit dem sperrigen Titel: "Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Jugend - ein (noch) seltenes Paar." Pocher, in T-Shirt und Nadelstreifenanzug, gab zu Protokoll: "Es fällt mir schon schwer, Sendungen der ARD anzuschauen. Ehrlich gesagt gibt es keine Sendung, die 14- bis 29-Jährige wirklich anspricht."
Neulich tagten die Intendanten und Gremienvorsitzenden im verschneiten Saarbrücken, Kamingespräche hinter verschlossenen Türen. Der scheidende ARD-Vorsitzende Fritz Raff stellte ein Jugendkonzept vor. "Wir müssen multimedial denken", rief er seinen Kollegen zu. "Die Leute aus den Online-Redaktionen müssen ins System drängen, die sprechen die Sprache der Jugend. Wir brauchen mehr Turnschuh- Redaktionen!" Der künftige Vorsitzende, Peter Boudgoust vom SWR, nickte: "Wenn über 50-Jährige für Jugendliche Programm machen, hat das oft etwas Tragikomisches. Wir können den jungen Leuten ja nicht mit vorgehaltener Waffe unser Programm reinzwingen!" Zur Gründung eines Jugendkanals, wie ihn manche forderten, konnte man sich nicht durchringen.
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 51/2008