Atemlos im flachen Wasser

12. November 2012, 08:30 Uhr

Sie war zwar nicht so öde wie manch andere Polit-Talkshow, bot im Gegenzug aber wenig Tiefe und Inhalt. Mit der Premiere von "Absolute Mehrheit" wurde Stefan Raab Jauch und Co. noch nicht gefährlich. Von Bernd Gäbler

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Der lächelnde Bundesadler wacht über Stefan Raab (vierter von links) und seinen Gästen in der ersten Ausgabe von "Absolute Mehrheit"©

Allzu gleichförmig sind die gängigen Talkshows. Und ein jüngeres Publikum schaut gar nicht erst zu. Das ist nicht nur Stefan Raab aufgefallen. Der aber wagt eine Alternative: "Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen", heißt die Show, mit der er am Sonntagabend Premiere feierte.

Was war anders?

An der Wand hängt ein Bild von Joachim Gauck, der Bundesadler mit den Buchstaben A und M (für "Absolute Mehrheit") auf dem Bauch lächelt ein wenig und Stefan Raab trägt nicht Jeans, sondern Anzug. So geht es los. Dann erklärt der Erfinder von "TV total", "Wok-WM" und "Promi-Turmspringen" etwas arg länglich, was sein Politik-Talk alles sein soll. Immer wieder fällt dabei in den ersten Minuten das Wörtchen "seriös". Darauf legen Raab und sein Co-Moderator Peter Limbourg, der Chefredakteur der ProSieben-Gruppe, unbedingt Wert. Natürlich soll auch alles ganz anders sein als die üblichen Talkshows: temporeicher, kecker, lustiger, weniger Floskeln - und vor allem mit ständigem Feedback durch das "votende" Publikum.

"3 Themen, 5 Meinungen und 100.000 Euro" schreit der Trailer und betont locker geben sich auch die Diskutanten: Thomas Oppermann (SPD), Wolfgang Kubicki (FDP), die Internet-Unternehmerin Verena Delius und Jan van Aken (Linke). Schlips trägt nur der als Ersatz für den Umweltminister Peter Altmaier eingesprungene CDU-Mann Michael Fuchs. Mit nur knapp über 9 Prozent Zustimmung muss der auch als Erster die Segel streichen. Die CDU hat die Bedeutung des Raab-Talks offenkundig unterschätzt. Am Ende lag Kubicki, der stets am souveränsten den Volkstribun gab, klar vorne, die absolute Mehrheit und damit den 100.000 Euro-Gewinn aber erreichte er nicht. Auf Platz zwei kam Jan van Aken. Der parlamentarische Geschäftsfüher der SPD, Thomas Oppermann, konnte froh sein, es überhaupt ins Finale der besten drei geschafft zu haben. Dieses Übergewicht für FDP und Linke gab es bei Raab übrigens auch schon im September 2009 in seiner "TV total"-Sendung unmittelbar vor der Bundestagswahl.

Wie war er nun, der Talk?

Das Problem der meisten Talkshows ist, dass sie ein Gespräch nur simulieren, es im Ritual einer perfekten Dramaturgie ersticken. Das Problem bei Raabs "Absolute Mehrheit" war, dass ein Gespräch im Sinne eines Austauschs von Argumenten gar nicht erst zu Stande kam. Im Prinzip war alles nur ein Abfeuern pointierter Statements. Dabei kann man als "Diskutant" natürlich einen besseren Eindruck machen und einen schlechteren. Beim ersten Thema ("Steuergerechtigkeit") lief dies noch ganz munter und teilweise überraschend. Hier machte Punkte, wer klüger wirkte als die verbreiteten Vorurteile über seine Partei - also Kubicki und van Aken. Das zweite Thema ("Energiewende") wurde so konventionell abgehandelt wie in jeder anderen Talkshow auch und beim dritten Thema ("Internet") wurde es endgültig arg flach. Wer sich nur gelegentlich mit Politik befasst, mag das ein oder andere interessante Argument vernommen haben, für die meisten aber war es wohl aufschlussreicher zu beobachten, wie die Politiker agierten. Da machte der vielen unbekannte Herr Fuchs von der CDU natürlich am wenigsten her. Etwas unklar blieb auch, warum man im Konzert konkurrierender Parteivertreter für eine Unternehmerin abstimmen soll. Raab hat es Spaß gemacht, erklärte er zum Schluss und die Politiker hätten ja auch menschlich gewirkt. Stimmt. Sehr viel tiefer aber gingen die gewonnenen Erkenntnisse auch nicht.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie sich Stefan Raab in Sachen Politik schlug und ob ProSieben die neue Heimat des politischen Diskurses werden wird.

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