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30. Oktober 2010, 18:58 Uhr

Die neue Macht der Medien

Das Fernsehen überträgt die Schlichtungsgespräche zu "Stuttgart 21" live, Wikileaks hat erneut 400.000 Geheimdokumente veröffentlicht. Beides zeigt die wachsende politische Bedeutung der Medien. Von Bernd Gäbler

 
Medienkolumne, Bernd Gäbler, Sat1,  RTL, ProSieben, Privatsender

Diese Menschen bescherten Phoenix Traumquoten: Die Schlichtungsgespräche zu "Stuttgart 21" wollten rund zwei Millionen Menschen live verfolgen© DPA

Wer Zeit und Geduld hatte, konnte am Freitag wieder Phoenix oder den SWR einschalten, um live die Schlichtung zu "Stuttgart 21" mitzuverfolgen. Parallel gab es einen Live-Stream im Internet, in Stuttgart wurde auch wieder Public Viewing angeboten. Gegner und Befürworter des Bahnhof-Projekts haben sich auf diesen Prozess geeinigt. Was er am Ende sachlich bringen wird, ist noch unklar; klar ist aber, dass die Öffentlichkeit des Diskussions- und Verhandlungsprozesses selbst von eigenständigem Wert ist. Alle Fakten und Argumente sollen auf den Tisch. Nur so sei die gespaltene Bürgerschaft in Baden-Württemberg zu befrieden.

Der "Runde Tisch" ist keine TV-Show

Obwohl der Sender Phoenix nach der ersten Folge der neuen Staffel "Stuttgart 21", die vorerst als siebenteilige Serie konzipiert ist, stolz die mit 1,86 Millionen Zuschauern zweithöchste Einschaltquote aller Zeiten verkündete, war die neunstündige Pilotsendung am 22. Oktober kein Sehvergnügen. Zwar haftete dem Arrangement etwas fast Magisches an, denn Befürworter und Gegner durften für die sieben Runden je sieben Sprecher und sieben Gutachter nominieren; aber bald war der Zauber dahin. Begeistern konnte zunächst noch der schon etwas gebeugt auftretende Moderator mit dem knittrigen Charakterkopf, aber bald schon schwankte der störrisch-greise Heiner Geißler zwischen schnellen, bellenden Zurechtweisungen der Diskutanten einerseits und breit mäandernder Diskussionsführung andererseits hin und her. Aber er machte immer wieder auf die Ansprüche der Zuschauer aufmerksam, etwas verstehen zu wollen.

Als typischer TV-Effekte konnte noch verbucht werden, dass Boris Palmer, grüner OB aus Tübingen, der als Wortführer der Bahnhofs-Gegner sprach, eine schrill-grüne Krawatte trug, während EX-SPD-Abgeordneter Peter Conradi seine Bütterchen mümmelte. Die baden-württembergische Verkehrs- und Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) wagte sogar, dem Diskussionsleiter patzig Widerworte zu geben, während Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) lieber die Klappe hielt, wenn er joviales Landesvater-Gucken einübte. Der Vertreter der Bundesbahn trug zwar eine modische Brille, aber Debattenkultur war ihm sichtbar fremd. Da konnte der gewieftere Boris Palmer punkten. Das war es aber auch schon an klassischen Talk-Show-Eindrücken. Ein riesiges Show-Potenzial hat diese Schlichtung nicht. Auch die zweite Runde war diesbezüglich kaum unterhaltsamer.

Spannend wie ein Oberseminar in Stadtplanung

Länglich ging es um "Pendel-Verkehre" und "Querungen", um "Zug-Taktungen" und das Beispiel Zürich. Mit einem Wort: das meiste war hochkomplex und folglich gähnend langweilig. Das ist auch gut so, mögen ernsthafte Politiker denken. Politik ist eben keine Show. Immerhin lernen die Menschen so: Demokratie ist anstrengend und für demokratische Entscheidungen muss man weite Felder fachlichen Gedankenguts durchpflügen. Sinnvoll sind die Übertragungen vor allem, weil sie anschließend im Netz in hunderte von Feeds und Einzelsequenzen zerlegt werden, die dann weiter kommentiert und erörtert werden. Das ist ein neues Phänomen. Besonders die Kritiker nutzen es. Mitnichten treten sie als Repräsentanten einer "Dagegen-Kultur" auf, sondern als kenntnisreiche Experten voll hochgradiger Detailfreude. Der Triumphator dieser neuartigen Medien-Mediation ist der "informierte Bürger", was für die Demokratie ja nichts Schlechtes ist.

Allerdings transportieren die Stuttgarter Runden auch eine Illusion - als gebe es eine ideologie- und zweckfreie, "reine" Sachpolitik. Mitnichten. Es werden vorab Wertentscheidungen über das Gewicht des Nahverkehrs, die Bedeutung der Pendler, die Rolle der Infrastruktur getroffen. Dennoch wird es nach der "Stuttgart 21"-Schlichtung - wie immer sie auch ausgehen mag - kein Zurück zum vorherigen Status geben. In Zukunft werden auch parlamentarische Untersuchungsausschüsse oder Hearings des Bundestages zu wichtigen Gesetzesvorhaben live in Netz und TV übertragen werden müssen.

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

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Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

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