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11. Februar 2009, 16:21 Uhr

Mrs President

Harvard-Absolventin und Mutter, Stilikone, Vorbild für Schwarze - noch nie hat eine amerikanische First Lady die Welt so sehr fasziniert wie Michelle Obama. In der neuen Rolle steht der selbstbewussten Frau nun ihr Meisterstück bevor: Gattin des mächtigsten Mannes der Welt zu sein, ohne sich zu verlieren. Von G. Di Grazia, S. Luxat und J. Ch. Wiechmann

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Michelle Obama steht oft im Mittelpunkt - und so auch ihre Garderobe. Daher lässt sie sich immer wieder etwas Neues einfallen© Nicholas Kamm/AFP

Die alten Sklavenhütten stehen noch immer an der Küste von South Carolina, wo Michelle Obama als Kind einst ihre Ferien verbrachte. Auch die alte Sandstraße ist noch da, Slave Street genannt, und im Dorf leben Weiße und Schwarze noch immer so getrennt wie damals, als ihr Ururgroßvater Jim Robinson als Sklave auf den Reisplantagen arbeitete. Irgendwann in den 30er Jahren schlug sich Michelles Großvater Fraser aus dem rassistischen Süden nach Chicago durch, und als sie es 50 Jahre später nach Princeton und Harvard schaffte, sahen sich die Robinsons als Verkörperung des amerikanischen Traums, am Ende einer fast unwirklichen Familienreise von den Sklavenfeldern des Südens auf die Eliteuniversität der USA.

Seit zwei Wochen nun lebt sie, Michelle Robinson Obama, in jenem Weißen Haus, das einst von Sklaven miterbaut wurde. Sie nennt ihr neues Leben "noch etwas surreal". Sie hat sich als First Lady mit den 35 Badezimmern vertraut gemacht und den 132 anderen Räumen. Sie hat die mehr als 100 Bediensteten kennengelernt und ihren ersten Empfang ausgerichtet, für die Frauenrechtlerin Lilly Ledbetter, die seit Jahrzehnten für die faire Bezahlung von Frauen kämpft. Sie ließ Aprikosenkuchen, Apfelmuffins und Obstteller servieren und rief allen zu: "Fühlt euch frei, zieht herum, berührt alles." Es war ihr bisher einziger offizieller Termin als First Lady der USA. Michelle Obama will es langsam angehen.

"America's Next Top Model"

Doch die Welt da draußen, das weiß sie nur zu gut, giert nach jedem Detail ihres neuen Lebens. Sie hat den Innenarchitekten von Steven Spielberg und Cindy Crawford für die Neugestaltung des Weißen Hauses ausgewählt, heißt es. Sie bevorzugt Möbel der Kette Pottery Barn. Sie legt Wert auf "sauberes Essen", frei von chemischen Zusätzen. Sie will Picknicks auf dem Rasen des Weißen Hauses veranstalten und einen Gemüsegarten anpflanzen und ihren eigenen Modestil entwickeln. Das "Time Magazine" nennt sie "America's Next Top Model", die "Washington Post" "Führerin der modischen Welt", ihre Umfragewerte sind die besten einer Präsidentengattin seit 30 Jahren. Die Faszination, die selbst enge Freunde überwältigt, spiegelt die Sehnsucht der Menschen nach einer neuen glanzvollen Epoche wider und die unendliche Neugier auf die erste schwarze First Lady, 1,80 Meter groß, 45 Jahre alt, attraktiv und stark, Ghetto-gestählt und Harvard-geschult. "Sie hat Intelligenz, Schönheit, Stil und - Trommelwirbel bitte - einen Hintern", schreibt die Essayistin Erin Aubrey Kaplan.

Michelle Obama sieht sich selbst als eine ganz normale Frau, und vielleicht erklärt das die Faszination, mit der die Welt sie umarmt. Sie ist glamourös und intellektuell, gesellschaftlich engagiert, aber ohne eigenen politischen Ehrgeiz. Eine fürsorgliche Mutter, die es irgendwie schafft, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen und immer toll auszusehen. Sie ist eine emanzipierte Frau die daraus keinen Machtkampf macht. Und sie stillt die Sehnsucht nach einer heilen Welt, in der Kinder um acht zu Bett gehen und Eltern verliebt über das Tanzparkett schwingen. Michelle begeistert und verwirrt, weil es so jemanden wie sie im Weißen Haus noch nicht gegeben hat. Ihr Sozialmärchen ist das einer Evita, doch nicht ein Prinz hat sie aus der Armut gezogen, sondern sie selbst war der Boss ihres Prinzen damals bei der Anwaltskanzlei Sidley Austin. Sie wird mit Jackie Kennedy verglichen, doch viel mehr als die Position der First Lady teilen die beiden nicht: weder Herkunft noch Bildung, weder Aussehen noch Alter. Michelle Obama sieht stets elegant aus, doch bei ihr hat man immer das Gefühl, sie könnte ihren Mann gleich zu einem Basketballmatch herausfordern.

Sie ist "Mrs President" von nebenan. Sie liest die Klatschzeitschrift "US Weekly", trägt auffallenden Modeschmuck zum Designerkleid, sie hasst Strumpfhosen ("reißen immer") und bevorzugt Schuhe mit niedrigem Absatz. "Ihr werdet es noch heute Abend bereuen", mahnt sie junge Mitarbeiterinnen auf High Heels. Sie ist eine moderne Frau, doch sie bleibt selbst in Zeiten einer fast schon hysterischen Obamania auf dem Boden.

Die ersten Entscheidungen hat sie getroffen in diesem Job als First Lady, für den es keine Gebrauchsanweisung gibt und keine Richtlinie und schon gar keine Erwähnung in der Verfassung. Sie will weder ein Büro im West Wing haben noch sich in die Politik ihres Mannes einmischen, wie es Hillary Clinton tat. Sie will im Weißen Haus erst mal "Mom-in-Chief " sein, eine Fulltime-Mutter, ihren 300.000-Dollar-Job als Vizepräsidentin an den Kliniken der Universität von Chicago hat sie am 9. Januar gekündigt. Sie will sich Militärfamilien und deren Nöten zuwenden und dem Konflikt vieler Frauen, unter dem sie selbst lange gelitten hat: Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Sie will das Weiße Haus öffnen für Künstler und Dichter und die Bürger der Stadt Washington, in der jeder dritte Bewohner als Analphabet gilt.

Vorbild sein

Vor allem will sie Vorbild sein für eine angeschlagene Nation: eine schlanke Frau in Zeiten weitverbreiteter Fettleibigkeit. Eine disziplinierte Sportlerin in Zeiten der Bewegungsarmut. Ein strenge Mutter in Zeiten von Junkfood und exzessivem Fernsehkonsum. Eine verliebte, noch immer turtelnde Ehefrau nach 16 Jahren einer nicht immer einfachen Ehe. "Das ist eine Menge", sagt ihre gute Freundin Cheryl Whitaker, "aber wenn es jemand schafft, ist es Michelle." So nennt man sie. Nur Michelle. Der Vorname reicht. Wie bei Diana. Oder Evita.

Whitaker ist eine ihrer besten Freundinnen. Die Obamas und Whitakers haben den Hawaii-Urlaub im Dezember zusammen verbracht und wollen die Tradition gemeinsamer Urlaube auch im Weißen Haus beibehalten. Die Frauen waren füreinander da während der Schwangerschaften, ihre Kinder sind etwa gleich alt, "ich bin Michelle auf ewig dankbar, dass sie mich überzeugte, Kinder zu kriegen", erzählt Whitaker. "Mit ihrer unendlichen Energie hat sie auf mich eingeredet, dass wir großartige Eltern wären, bis wir nachgaben. So ist Michelle."

Whitaker gibt das Interview in der Mittagspause ihrer Arbeit im Westen Chicagos. Sie ist Dozentin an der Rush-Universität und so beschäftigt wie ihre Freundin Michelle. Whitaker hat die ersten Tage im Weißen Haus mit der First Lady verbracht. Die Freundinnen wissen, dass sie nicht mehr so leicht shoppen gehen können oder am Abend mal Scrabble spielen, aber sie errichten nun eine Art Shuttleservice zwischen Chicago und Washington. Sie sehen sich als eine Art Abschirmdienst in Zeiten der Volkshysterie. Michelle hat Chicago nie verlassen außer fürs Studium, erzählt Cheryl Whitaker. Sie sei durch und durch ein "South Side Girl", diszipliniert, fleißig, ehrgeizig, ein Arbeiterkind. "Und plötzlich sind alle Obamas Popstars. Wie tragen die Mädchen ihr Haar? Welches Kleid tragen sie? Kein Magazin, das sie nicht auf den Titel packt."

Keine neue Jackie

Eines ist schon klar geworden in diesen ersten Tagen: Die Tochter eines Mitarbeiters der städtischen Wasserwerke und einer Sekretärin hat schon jetzt mehr Macht über Mode und Stil, über die kollektive Fantasie als jede andere Frau dieser Welt. Selten war ein Hype um das Äußere einer First Lady so groß wie bei ihr. Doch sie ist keine neue Jackie, kein Accessoire ihres Mannes. Kennedy trug vorzugsweise französische Haute Couture, entwarf selbst mit.

Michelle Obama übersetzt dagegen die "Change"-Rufe Baracks in die Mode. Sie interessieren Designer, deren Biografien sich ähnlich lesen wie die ihres Mannes: Isabel Toledo, Einwanderin aus Kuba, entwarf das sonnige Etuikleid, das Michelle Obama zur Parade für die Amtseinführung trug. 14 Meter feinster St. Gallener Guipure-Spitze verarbeitete die Designerin für das Ensemble. Der junge Jason Wu, Immigrant aus Taiwan, kreierte die einschultrige Chiffonrobe, mit Organzablüten und Swarovski-Kristallen übersät, mit der die First Lady den Ball der Bälle eröffnete.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 07/2009

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
mupfeline (15.02.2009, 20:24 Uhr)
Wäre es nicht besser, die
Hofberichterstattung etwas klein/kleiner auszurichten und mit den Lobeshymnen auf die First Family zu warten bis die Amtszeit - oder meinetwegen die 2. Amtszeit - vorbei ist. DANN, danach wird das Fazit gezogen und auf die Summe geschaut. Vorher nicht.
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