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"Wer sich heute als links sieht, ist doch ein Fisch im Strom"

NEON trifft bis zur Wahl junge Politiker dort, wo sie offen reden: in der Kneipe. Unser Autor hat so viel mit seinem Gesprächspartner gemeinsam, dass sich für die CDU eine einmalige Chance bietet: ihn zu bekehren.

Für Paul Ziemiak blieb es bei nur einem Bier: Seine Frau erwartete ihr Kind, er musste fahrtüchtig sein.

Für Paul Ziemiak blieb es bei nur einem Bier: Seine Frau erwartete ihr Kind, er musste fahrtüchtig sein. Eine Woche nach unserem Treffen wurde er Vater.

Gehen zwei Deutschpolen in eine Bar. Die liegt in Herne, unweit jener Städte zwischen Ruhrgebiet und Sauerland, in denen beide aufwuchsen. Nicht nur das eint sie. Beide sind knapp über 30, ihre Familien flohen kurz vor dem Fall der Mauer aus Polen in die BRD, beide lernten erst im Kindergarten Deutsch, zu Hause sprachen sie Polnisch, und jetzt haben sie sich auch noch, ohne Absprache, dieselbe Kombi aus Upper und Downer bestellt, Cola und Grevensteiner Landbier. Nur ist der eine, Paul Ziemiak, als Politiker hier, als Vorsitzender der Jungen Union, gepflegter Bart und Lederschuhe. Der andere bin ich, der Reporter, ruppiger Bart und Sneaker.

Als ich vor unserem Treffen von den vielen Gemeinsamkeiten las, ertappte ich mich dabei, in eigenen Erinnerungen zu schwelgen; von Ziemiaks Biografie zu lesen fühlte sich heimelig an. Um dieses Gefühl, alles andere wäre ja unprofessionell, zu meiden, habe ich mir mehr als vor jedem anderen Interview vorgenommen: Lass dich nicht einwickeln, Skrobala! Mal sehen, ob das klappt.

Mit Paul Ziemiak in der rechten Ecke

Wir sitzen einander nun an einem Tisch in der Kostbar gegenüber, vom Eingang aus gesehen in der rechten Ecke, diesen Platz hat Ziemiak gewählt, er sitzt hier öfter mal. Er mag das Ambiente, "sauber und modern", wie er sagt, es zeichne ein anderes Bild des Ruhrgebiets als nur das der urigen Eckkneipen. Ziemiak mag auch die Menschen in der Kostbar, potenzielle Wähler aus seinem Wahlkreis Herne-Bochum II, die ihn im September für die in den Bundestag bringen könnten.

Ziemiaks Sound erinnert mich an die kumpelhafte Volksnähe, die man eher Sozialdemokraten zuschreibt, Gerhard Schröder etwa. Der JU-Vorsitzende leitet seine Antworten immer mal mit "Ich sach mal so" ein, sein "wir" ist oft ein "wa", sein "Spaß" hat ein kurzes "a". Er klopft auf den Tisch, wenn er den Silben seiner Sätze mehr Kraft verleihen will. So. Dieses "so" hängt er manchen Sätzen an, als wolle er sie dadurch in Stein meißeln. Sätze, die wiederum wenig mit Sozialdemokraten gemein haben, sondern oft rechts von Ziemiaks Chefin angesiedelt sind. Zum Beispiel zur Flüchtlingskrise.

Ziemiak und mich eint auch die Geschichte einer Flucht, als kamen wir beide 1988 in der Erstaufnahmeeinrichtung Unna-Massen unter und lebten später zunächst in Notwohnungen, ein Zimmer für die ganze Familie.

Ziemiak sagt zwar, er wolle das gar nicht gleichsetzen mit der Lage heutiger , was ich auch unpassend fände. Dann schiebt er aber nach: "Ich finde es schon bemerkenswert, dass wir heute sagen, jeder habe innerhalb kürzester Zeit Anspruch auf eine Wohnung mit mehreren Zimmern, weil alles andere unmenschlich sei." Instrumentalisiert er seine eigene Fluchterfahrung nicht gerade doch?

Das berühmte "Wir schaffen das"

Vor zwei Jahren forderte Ziemiak sogar eine Obergrenze für Flüchtlinge, ein Begriff, bei dem mir ein Schauer über den Rücken läuft. Merkel lehnte eine Obergrenze stets ab, stattdessen prägte sie ihren berühmtesten Satz "Wir schaffen das". Ziemiak zerlegt die Aussage: "Was heißt 'wir'? Und was heißt 'das'? Diese Fragen sind, zumindest für mich, nie abschließend beantwortet worden." Dieses stichelnde, aber nie vermessene rhetorische Nachfragen, auch das gehört zu Ziemiaks Art.
Paul Ziemiak ist seit drei Jahren Chef der Jungen Union, das politische Theater kennt er.

Als ich zu fragen beginne, startet er auf seinem Handy sofort die Sprachaufzeichnung. Mit am Tisch sitzt sein Wahlkampfleiter, der fast immer auf sein Handy guckt und ab und zu kichert, vielleicht, um die Gags seines Chefs zu pushen, vielleicht auch schlicht, weil er auf dem Handy gerade über ein witziges GIF stolpert.

Dass Ziemiak ein Medienprofi ist, merkt man auch daran, wie fix er einigen Antworten den Satz "Das bitte nicht schreiben" anfügt. Dabei ist das undruckbar Gesagte nie wirklich spektakulär. Ziemiak ist sich dessen, was er hier tut, sehr bewusst, dazu passend antizipiert er manchmal meine Fragen, etwa zur Obergrenze: "Wenn du Obergrenzen forderst", sagt er zu sich selbst, "dann wäre 1988, hätte so etwas damals für Aussiedler gegolten, deine Familie vielleicht nicht in die BRD gekommen. Dann wärst du gar nicht Politiker in Deutschland geworden." Total berechtigter Einwand, finde ich. Ja, und was antwortet er darauf? Ziemiak windet sich, das Gedankenspiel ist ihm zu abstrakt: "So ein Vergleich überschreitet die Grenzen dessen, was man beantworten kann. Man muss auch daran denken, dass die Möglichkeiten eines Landes endlich sind. " Den Widerspruch zwischen seiner Geschichte und seiner Haltung löst er nicht auf.

Die doppelte Staatsbürgerschaft

Eines seiner aktuellen Themen ist der Doppelpass. Eine Gruppe um ihn und Jens Spahn erzielte eine knappe Mehrheit für einen Vorschlag, den Merkel ablehnt: die Wiedereinführung der vor drei Jahren abgeschafften Optionspflicht. Die besagt, dass viele, denen bisher die doppelte Staatsbürgerschaft zustünde, sich für einen Pass entscheiden müssen.

Kann man sich, wenn man in Deutschland als Nachfahre von zum Beispiel Türken zur Welt kam, nicht zu einem Teil als Deutscher fühlen und zum anderen als Türke? Ähnlich wie ja Ziemiak und ich uns als Deutsche mit polnischen Wurzeln begreifen und beide Pässe haben dürfen? Und ist es nicht hinderlich für Integration, ein Schlagwort, das bei Ziemiak oft fällt, zu sagen: Jetzt entscheide dich aber? "Das Gegenteil ist richtig", sagt Ziemiak. "Am Ende muss man sich entscheiden, das ist ein faires Angebot", er bleibt dabei. Und spitzt zu: "Der Pass ist nicht das Einsteigerangebot für Leute, die hier leben wollen." Menschen, die schon lange hier leben, das sind ja keine Einsteiger, sage ich. "Eben", so Ziemiak, "und trotzdem sind die meisten nicht bereit, die türkische Staatsbürgerschaft aufzugeben; so wichtig scheint ihnen die deutsche nicht zu sein." Ziemiak legt nach, spricht von Fußballvereinen, da müsse man sich ja auch für einen entscheiden. Quatsch, sage ich, das sei doch eher wie eine neue Lieblingsband zu entdecken, die neben der alten Bestand hat. "Der Vergleich hinkt ja von vorne bis hinten!", ruft Ziemiak. Das Gefühl, dass wir etwas gemeinsam haben, löst sich in unserer inzwischen hitzigen Diskussion für mich auf.

Zwischen "Klartext" und Populismus

Wie fern wir uns sind, zeigt sich immer klarer: Alternativ zu sein, bedeutete für mich früher, als Schüler auf einem katholischen Gymnasium Rockmusik zu hören und nicht mehr zum Friseur zu gehen. Für Ziemiak: "Kohl war abgelöst, Schröder wurde Kanzler. Alternativ zu sein hieß, nicht für Schröder zu sein und sich in der JU zu engagieren." Ziemiak versteht auch seine heutige Politik als "gegen jeglichen Mainstream" gerichtet, wiederholt selbst die Beispiele dafür: Obergrenze, Doppelpass. "Wer sich heute als links sieht, ist doch ein Fisch im Strom." Von ihm aber könnten "die jungen Leute Klartext erwarten", sagt er, "nicht immer dieses politisch korrekte Drumherumreden". Beispiel? "Ich glaube, die Mehrheit der jungen Menschen möchte nicht, dass ein Urteil im Namen des Volkes von einer Frau mit Kopftuch verkündet wird. " Dabei wirkt das, was Ziemiak da sagt, auf mich gar nicht so sehr gegen den Mainstream, sondern eher, als reite er auf der nicht so kleinen Welle der Populisten mit.

Als die Kostbar jetzt, Mitternacht, schließt, drückt jeder Stopp auf dem Smartphone, ich sage "Danke" und "Dziekuje", Ziemiak "Bitte sehr" und "Prosze bardzo". Gehen zwei Deutschpolen aus einer Bar. Sie sind sich nah und doch so fern.

Dieser Text ist in der Ausgabe 8/17 von NEON und auch digital für das Tablet auf iOS und Android erschienen. Hier können Einzelhefte des Magazins nachbestellt werden.

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