Der argentinische Oberleutnant Leonardo Cicarello ist der Chef des UN-Konvois nach Leogane. Er steigt aus und sondiert die Lage. Er braucht einen Platz, an dem er die Sicherheit der deutschen Helfer und ihrer haitianischen Mitarbeiter garantieren kann. Er entscheidet sich für den Hof des Gebäudes, das vor dem Erdbeben das Rathaus war. Ohne dass sie dazu aufgefordert worden wären, stellen sich die Menschen auf dem Platz schnell in eine Schlange auf einer Seite des Hofes. Sie drücken und schreien, die Helfer sollten sich beeilen.
Doch die Schlange hat sich vor dem falschen Eingang gebildet. Die Militärs entscheiden sich für eine Tür im stehen gebliebenen Teil der Umfassung. Die lässt sich von zwei Männern in Uniform blockieren. Zwischen ihnen kann sich immer nur ein Hilfesuchender durchquetschen. So kann das Chaos wenigstens einigermaßen unter Kontrolle gehalten werden. Doch es ist nicht leicht. An einer anderen Stelle ist die Mauer des Hofs eingestürzt. Es erfordert die ganze Kraft der Soldaten, die dort andrängende Menge zurückzuhalten. "Kannst du den Leuten erklären, dass sie ruhig bleiben sollen, dass jeder etwas bekommen wird?" fragt Cicarello einen haitianischen Helfer. Der tut sein Bestes, aber er kann sich kein Gehör verschaffen. Der Konvoi hat es versäumt, ein Megafon mitzunehmen.
Als die Hilfsgüterverteilung endlich beginnt, löst sich die Schlange sofort in ein drängendes Knäuel auf. Die ersten, die sich hereinquetschen, sind die stärksten Männer. Sie bekommen nichts. Oberleutnant Cicarello lässt sie von seinen Soldaten sofort wieder hinauswerfen. Er will klar machen: Zuerst sind die Frauen an der Reihe. Viele Männer draußen suchen resigniert nach einem Fleckchen Schatten. Joseph Carlo, 28, ist einer von ihnen. "Ich habe seit drei Tagen nichts mehr gegessen", sagt er. "Ich habe furchtbaren Hunger." Beim Erdbeben hat er seine fünfjährige Tochter und seine Eltern verloren. Vorher arbeitete er als Mechaniker in einer Werkstatt, die es heute nicht mehr gibt. Was er nun tun wird? "Keine Ahnung", sagt er und schüttelt den Kopf. Seine Augen füllen sich mit Tränen.
Die Frauen, die nun eine nach der anderen eingelassen werden, wirken erschöpft. Sie atmen schwer, doch sie lachen befreit und ordnen ihre im Gedränge aus der Form geratenen Kleider. Gleich wird es etwas geben. Jede bekommt zwei Kanister mit Wasser, 50 Tabletten zur Wasseraufbereitung, eine Decke, eine Plastikplane und ein Stück starken Faden, um sie irgendwo festmachen zu können. Der Druck von draußen lässt jetzt nach. Nur noch ab und zu schreien die Soldaten: "Zurück!" Manche Frauen werfen den Uniformierten Handküsschen zu und versuchen so, sich schneller Zutritt zum Hof mit den Hilfsgütern zu verschaffen.
Drei Stunden dauert die Verteilung. Am Ende versagt Oberleutnant Cicarello die Stimme. Er ist erleichtert, dass alles ohne Gewalt von statten ging. "Es ist normal, dass die Menschen ungeduldig sind", sagt er. "Sie haben alles verloren und sind bereit, alles zu tun, um auch nur ein bisschen zu bekommen." Auf dem Rückweg denkt ein Caritas-Mitarbeiter schon an den nächsten Tag: "Morgen wird es schlimmer", sagt er. "Morgen verteilen wir Lebensmittel."