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22. Januar 2010, 16:08 Uhr

Im Epizentrum der Not

Sie drücken und schreien

Der argentinische Oberleutnant Leonardo Cicarello ist der Chef des UN-Konvois nach Leogane. Er steigt aus und sondiert die Lage. Er braucht einen Platz, an dem er die Sicherheit der deutschen Helfer und ihrer haitianischen Mitarbeiter garantieren kann. Er entscheidet sich für den Hof des Gebäudes, das vor dem Erdbeben das Rathaus war. Ohne dass sie dazu aufgefordert worden wären, stellen sich die Menschen auf dem Platz schnell in eine Schlange auf einer Seite des Hofes. Sie drücken und schreien, die Helfer sollten sich beeilen.

Doch die Schlange hat sich vor dem falschen Eingang gebildet. Die Militärs entscheiden sich für eine Tür im stehen gebliebenen Teil der Umfassung. Die lässt sich von zwei Männern in Uniform blockieren. Zwischen ihnen kann sich immer nur ein Hilfesuchender durchquetschen. So kann das Chaos wenigstens einigermaßen unter Kontrolle gehalten werden. Doch es ist nicht leicht. An einer anderen Stelle ist die Mauer des Hofs eingestürzt. Es erfordert die ganze Kraft der Soldaten, die dort andrängende Menge zurückzuhalten. "Kannst du den Leuten erklären, dass sie ruhig bleiben sollen, dass jeder etwas bekommen wird?" fragt Cicarello einen haitianischen Helfer. Der tut sein Bestes, aber er kann sich kein Gehör verschaffen. Der Konvoi hat es versäumt, ein Megafon mitzunehmen.

Die Stärksten drängen sich nach vorn

Als die Hilfsgüterverteilung endlich beginnt, löst sich die Schlange sofort in ein drängendes Knäuel auf. Die ersten, die sich hereinquetschen, sind die stärksten Männer. Sie bekommen nichts. Oberleutnant Cicarello lässt sie von seinen Soldaten sofort wieder hinauswerfen. Er will klar machen: Zuerst sind die Frauen an der Reihe. Viele Männer draußen suchen resigniert nach einem Fleckchen Schatten. Joseph Carlo, 28, ist einer von ihnen. "Ich habe seit drei Tagen nichts mehr gegessen", sagt er. "Ich habe furchtbaren Hunger." Beim Erdbeben hat er seine fünfjährige Tochter und seine Eltern verloren. Vorher arbeitete er als Mechaniker in einer Werkstatt, die es heute nicht mehr gibt. Was er nun tun wird? "Keine Ahnung", sagt er und schüttelt den Kopf. Seine Augen füllen sich mit Tränen.

Die Frauen, die nun eine nach der anderen eingelassen werden, wirken erschöpft. Sie atmen schwer, doch sie lachen befreit und ordnen ihre im Gedränge aus der Form geratenen Kleider. Gleich wird es etwas geben. Jede bekommt zwei Kanister mit Wasser, 50 Tabletten zur Wasseraufbereitung, eine Decke, eine Plastikplane und ein Stück starken Faden, um sie irgendwo festmachen zu können. Der Druck von draußen lässt jetzt nach. Nur noch ab und zu schreien die Soldaten: "Zurück!" Manche Frauen werfen den Uniformierten Handküsschen zu und versuchen so, sich schneller Zutritt zum Hof mit den Hilfsgütern zu verschaffen.

"Morgen wird es schlimmer, dann gibt es Lebensmittel"

Drei Stunden dauert die Verteilung. Am Ende versagt Oberleutnant Cicarello die Stimme. Er ist erleichtert, dass alles ohne Gewalt von statten ging. "Es ist normal, dass die Menschen ungeduldig sind", sagt er. "Sie haben alles verloren und sind bereit, alles zu tun, um auch nur ein bisschen zu bekommen." Auf dem Rückweg denkt ein Caritas-Mitarbeiter schon an den nächsten Tag: "Morgen wird es schlimmer", sagt er. "Morgen verteilen wir Lebensmittel."

Von Cecibel Romero, Leogane
Seite 1: Im Epizentrum der Not
Seite 2: Sie drücken und schreien
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
Julian2225 (24.01.2010, 04:08 Uhr)
HBBAER,
ein super Beitrag und der eigentliche Artikel!!! Leider zu antiamerikanisch und zu nah an der Realitaet um von vielen wahrgenommen zu werden!

Das heisst halt "american interest" und falls das Interesse nachlaesst wird die heisse Kartoffel halt fallengelassen...siehe Irak, in den 80zigern und 20Jahre spaeter, siehe Chile, Nicaragua etc etc etc und auch Afghanistan wo Deutsche an dem "american interest" beteiligt ist!

und das Rettungsfluege am Landen gehindert werden zeigt das eigentliche Chaos das herrscht, nicht nur bei der Bevoelkerung Haitis!
mr.quick (23.01.2010, 06:34 Uhr)
@ hbbaer
machen Sie eine Homepage.. lassen Sie die Welt es wissen.. tragen Sie weiter Informationen zusammen mit vielen Informativen links zu diesem Thema..
hbbaer (23.01.2010, 06:21 Uhr)
Lesen Sie lieber die Wahrheit:
Die ungeheuren Opferzahlen und das Leiden, das die Menschen in Haiti durch das Erdbeben vom 12. Januar hinnehmen mussten, haben ein ungeheures internationales Verbrechen des US-Imperialismus bloß gelegt. Er hat diese Katastrophe vorbereitet, indem er das Land ein Jahrhundert lang unterdrückte und nun versucht, das Unglück für seine eigenen Ziele auszunutzen.

Die schätzungsweise 200.000 Toten, 250.000 oder mehr Verletzten und die drei Millionen Obdachlosen sind nicht einfach Opfer einer Naturkatastrophe. Die fehlende Infrastruktur, die schlechte Qualität der Gebäude in Port-au-Prince und die Macht- und Hilflosigkeit der Regierung Haitis gegenüber dem Schicksalsschlag sind ebenfalls ausschlaggebende Faktoren in dieser Tragödie.

Diese sozialen Bedingungen sind das Ergebnis einer langen Beziehung zwischen Haiti und den Vereinigten Staaten, die das Land seit seiner ersten fast 20-jährigen Besetzung durch US-Marines im Jahre 1915 de facto als koloniales Protektorat behandelt haben.

Im weiteren Verlauf der Geschichte unterstützten die USA die dreißigjährige Diktatur der Duvaliers, denen sie mehrere Kredite gewährten, die auf deren privaten Konten landeten, und die die arme Bevölkerung von Haiti zurückzahlen musste.

In den 1980er und 1990er Jahren setzte Washington eine Politik der freien Marktwirtschaft durch. Das bedeutete die Beseitigung aller Schutzmechanismen für die Landwirtschaft Haitis und die Privatisierung von Staatsunternehmen und staatlichen Dienstleistungen. Die Folge waren Massenarmut, die Abwanderung ruinierter Bauern in die Elendsviertel der Hauptsstadt Port-au-Prince sowie die Untergrabung der Regierung und der Infrastruktur des Landes. Das alles hat zu den verheerenden Auswirkungen des Erdbebens beigetragen.

Jetzt sind Millionen Bewohner Haitis unter den Augen der Weltöffentlichkeit alleingelassen worden, ohne medizinische Versorgung, Lebensmittel, Wasser oder Unterkünfte, weil amerikanische Militärtransporter Tausende Soldaten und Marines eingeflogen und damit den Flughafen blockiert haben. Währenddessen patrouillieren amerikanische Kriegsschiffe und Schiffe der Küstenwache vor den Küsten Haitis, um zu verhindern, dass irgendjemand dem Elend entfliehen kann.

Das Fehlen einer konzertierten Rettungsaktion ist kein Zufall. Ebenso wenig ist das schrecklich langsame Eintreffen von Lebensmitteln, Wasser und Medizin in auch nur halbwegs ausreichender Menge eine Frage unzureichender Logistik. Die Behauptung des amerikanischen Militärs, dass es nicht möglich sei, die traumatisierten Überlebenden des Erdbebens nur 700 Meilen vor der amerikanischen Küste mit Wasser Nahrung und anderen Lebensnotwendigkeiten zu versorgen, ist eine verachtenswerte Lüge. 2003 war es möglich innerhalb von gerade einmal zwei Wochen eine Viertelmillion Soldaten in den weit entfernten Irak zu transportieren und Bagdad zu erobern.

Wir haben es hier mit einer bewussten, bedrohlichen Politik zu tun, die von grober Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leben charakterisiert ist und an Völkermord grenzt.

In der Obama-Regierung und der herrschenden Elite Amerikas wurden ganz bestimmte Überlegungen angestellt. Was bringt es, verletzte Angehörige einer verarmten und chronisch arbeitslosen Bevölkerung zu retten, die der amerikanische Kapitalismus schon längst als überflüssige Arbeitskräfte ansieht? Warum Menschen aus den Trümmern graben und medizinisch versorgen, wenn Washington dabei ist in den USA selbst die Gesundheitsversorgung zu rationieren?

Obwohl immer noch Menschen lebend aus den Trümmern zerstörter Häuser gezogen werden, betonen US- und UN-Vertreter, dass weitere Rettungsaktionen hoffnungslos seien.

Zu allermindest kann man sagen, dass das Retten von Menschenleben bei der amerikanischen Intervention in Haiti keine Priorität hatte. Wann immer Rettungs- und Hilfsmaßnahmen in Konflikt mit Washingtons vordringlichem Ziel - der militärischen Besetzung des Landes - kamen, mussten sie hinten anstehen.

Die Frachtflugzeuge, die Soldaten und Nachschub ins Land bringen, fliegen im Übrigen leer zurück. Es ist nicht erwünscht, verletzte Haitianer, die ohne ausreichende medizinische Versorgung sterben werden oder wegen fehlender medizinischer Geräte Amputationen fürchten müssen, in die USA zu bringen, wo sie behandelt und geheilt und ihr Leben gerettet werden könnte.

So offensichtlich war der Charakter der amerikanischen Militäroperation, dass selbst Verbündete in Haiti wie Brasilien, das dort die UN-Friedenstruppe leitet, und Frankreich in Washington protestiert haben. Der französische Minister für Zusammenarbeit, Alain Joyandet ging so weit, die UN aufzufordern, Washingtons Rolle zu klären. Er sagte, eigentlich sei die Mission "Haiti zu helfen, nicht es zu besetzen".

Auch Rettungs- und Hilfsorganisationen haben die militärische Reaktion der USA öffentlich verurteilt.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen protestierte am Dienstag, weil ihrem Frachtflugzeug mit zwölf Tonnen dringendst benötigter medizinischer Hilfsgüter schon dreimal die Landung auf dem von den USA kontrollierten Flughafen von Port-au-Prince verweigert worden sei, obwohl vorher eine Landeerlaubnis zugesichert worden war. Seit dem 14. Januar wurden fünf Flugzeuge der Organisation in die Dominikanische Republik umgeleitet. Hunderte Patienten seien deswegen schon gestorben, teilte die Gruppe mit, und Hunderte verletzte Haitianer würden jeden weiteren Tag sterben.

"Wir haben kein Morphium mehr, um die Schmerzen unserer Patienten zu lindern", sagte Rosa Crestani, medizinische Koordinatorin des Krankenhauses Choscal. "Wir können nicht akzeptieren, dass Flugzeuge mit lebensrettenden medizinischen Gütern immer wieder zurückgeschickt werden, während unsere Patienten sterben. Medizinische Lieferungen müssen Priorität erhalten."

Eine spanische in Port-au-Prince aktive Hilfsgruppe veranstaltete am Dienstag am Flughafen von Madrid eine Pressekonferenz, um die Militarisierung der amerikanischen Erdbebenhilfe in Haiti zu verurteilen. Sie warnte, dass "die Obsession mit Sicherheit" den Kampf zur Rettung von Leben behindere. Die Gruppe mit Namen Intervención, Ayuda y Emergencia erklärte, dass sie noch bei keiner Katastrophe so etwas erlebt habe, nicht in Sri Lanka und nicht in der Türkei.

Der wirkliche Charakter der amerikanischen "Hilfsaktion" drückt sich auch darin aus, dass Präsident Barack Obama seine beiden Vorgänger, George W. Bush und Bill Clinton, mit ihrer Leitung beauftragt hat. Beide haben das Blut von Haitianern an den Händen. Die Bush-Regierung zog 2004 bei dem Putsch die Fäden, der mit der Entführung und Deportation des gewählten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide endete. Tausende fielen anschließend den von der CIA ausgebildeten Todesschwadronen zum Opfer. Clinton schickte 1994 Truppen nach Haiti.

Der Demokrat Clinton drückte gewissermaßen am offensten die Haltung der herrschenden Elite der USA aus, die von Klassenhass gegen die unterdrückten Massen Haitis und kaum verhülltem Rassismus charakterisiert ist.

In Medieninterviews lobte Clinton die Regierung von Präsident Réne Préval für ihre Bereitwilligkeit, den Forderungen Washingtons nachzukommen. Er sprach darüber, dass Haiti nach dem Erdbeben besser dastehen könne als vorher. Er behandelte das massenhafte Blutbad und die soziale Katastrophe mehr oder weniger als einen Vorstoß auf dem Weg des Fortschritts, der sich an der künftigen Zunahme amerikanischer Investitionen bemessen ließe.

Das ist Washingtons wirkliches und bösartiges Ziel. Es will die Tragödie des Landes ausnutzen, um eine direktere koloniale Kontrolle zu errichten und Bedingungen für US-Firmen zu schaffen, riesige Profite durch die Ausbeutung sklavenähnlicher Arbeit für Hungerlöhne zu machen.

Gleichzeitig festigt es wieder seine Vorherrschaft in einem Gebiet, das es lange Zeit als "seinen Hinterhof" angesehen hat, den Geburtsort des Yankee-Imperialismus. Angesichts zunehmender Konkurrenz von Seiten seiner Wirtschaftsrivalen in Europa und China beim Handel und bei Investitionen in der westlichen Hemisphäre, sowie abnehmendem Einfluss auf die Staaten der Region, setzt Washington militärische Gewalt ein, um seine Interessen zu verfolgen.

Die wirtschaftsfreundlichen Medien in den USA spielen eine besonders abstoßende Rolle in diesem Prozess. Sie glorifizieren die Rolle des Militärs, während sie bewusst die Behinderungen der Rettungs- und Hilfsmaßnahmen, die von den amerikanischen Besatzungstruppen ausgehen, verschweigen.

Gleichzeitig werden Berichte über "Plünderer" aufgeblasen, um die massive militärische Reaktion zu rechtfertigen. Dabei handelt es sich meistens lediglich um verzweifelte Menschen auf der Suche nach Nahrungsmitteln zum Überleben. Die wirklichen Kriminellen unter diesen Bedingungen sind nicht die so genannten Plünderer, sondern diejenigen, die dringend benötigte Vorräte horten und sie den Hungernden und Obdachlosen vorenthalten sowie diejenigen, die die private Profitgier derer verteidigen, die diese Vorräte zurückhalten.
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