Tappte Assange in eine Sex-Falle?

11. Januar 2011, 06:20 Uhr

Wikileaks-Gründer Julian Assange steht heute erneut vor Gericht. Nicht das FBI oder die CIA, sondern die Schwedinnen Anna und Sofia haben ihn in die missliche Lage gebracht. Aber wie kam es dazu? Von Swantje Dake

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Die Wikileaks-Anhänger sind davon überzeugt, dass die beiden Frauen in Schweden eine Sexfalle waren©

Ich bin so traurig über alles, was passiert. Hört das niemals auf? Will auf jeden Fall allen Theoretikern sagen, dass 'der andere' die Sache ebenso sehr nach vorne trieb."

Kryptische Worte einer jungen Frau, die vor viereinhalb Monaten noch eine unbekannte Politologin war. Gepostet Mitte Dezember. Zu dem Zeitpunkt ist die Schwedin bekannter als sie vermutlich je werden wollte. Anna A. ist Anfang 30, arbeitet bei den christlichen Sozialdemokraten, einer Gruppierung innerhalb der sozialdemokratischen Partei. Ihr Blog wird von politischen Themen und Fragen zur Gleichberechtigung und Feminismus dominiert. Außerdem setzt sie sich für den Tierschutz ein. Mit Banalitäten scheint sich diese Frau nicht abzugeben.

Anna A. ist eine der beiden Schwedinnen, die den Wikileaks-Gründer Julian Assange angezeigt haben. Besser gesagt: Die Polizei entschied, nach den Erzählungen der 31-Jährigen, Assange Ende August 2010 anzuzeigen. Wegen sexueller Nötigung und Vergewaltigung. Die Vorwürfe blieben nicht lange in den Akten der schwedischen Polizei, wurden öffentlich, wenige Stunden später fallengelassen und erneut erhoben. Verwirrend. Dubios. Ebenso verwirrend sind die Geschehnisse, sind die Ereignisse, die dazu führten.

Die Geschichte zwischen Julian Assange und Anna A. und Sofia W. ist eine Geschichte mit vielen Solls, Gerüchten und wilden Spekulationen. Was wirklich passiert ist, wissen nur drei Menschen - und die erzählen zwei Versionen. Julian Assange sagt, er sei unschuldig. Von sexueller Nötigung oder Vergewaltigung könne nicht die Rede sein.

Annas Geschichte

Assange reist am 11. August 2010 nach Stockholm. Er schmiedet Allianzen mit der Piratenpartei, organisiert Serverkapazitäten für Wikileaks und hält Vorträge. Zu einem laden "Sveriges Kristna Socialdemokrater" ein, eine christlich orientierte Gruppe der Sozialdemokraten. Anna A. ist dort angestellt, organisiert den Vortrag, wirbt dafür auf Twitter

"Seminar mit Julian Assange, Samstag, 11 Uhr, im Gewerkschaftshaus! Anmeldung bei jan@broderskap.se, Presse hat Vorrang"

und sucht ein für die Jahreszeit typisch schwedisches Krebsessen für den Gast

"Julian will auf ein Krebsfest gehen, hat jemand heute oder morgen noch freie Plätze?"

Was Anna A, nicht im Netz erzählt: Sie überlässt dem smarten Australier ihre Ein-Zimmer-Wohnung und übernachtet bei ihren Eltern außerhalb Stockholms. Doch sie kommt bereits am Freitag, 13. August, zurück, man teilt sich Wohnung und Bett - zunächst einvernehmlich, wie es im Verhörprotokoll steht. Assange benutzt beim Sex nur widerwillig ein Kondom, es zerreißt oder wird zerrissen - der Grund für die spätere Anzeige.

Man geht nicht in Unfrieden auseinander. Anna organisiert für Assange eine Party am Samstagabend, er wohnt auch weiterhin bei ihr. Sie lässt ihre Follower auf Twitter wissen:

"Sitze nachts um 2 Uhr draußen, mit den coolsten und klügsten Menschen der Welt, friere kaum, das ist sensationell!"

Sofias Geschichte

An diesem Samstag tritt Sofia W. auf den Plan. Die 26-jährige Fotografin sitzt bei Assanges Vortrag in der ersten Reihe, geht anschließend mit ihm und einer Gruppe essen, später allein mit dem Australier ins Kino. Sofia fährt mit Assange am Montag, 16. August, nach Enköping in Mittelschweden, wo sie wohnt. Sie bezahlt die Fahrkarte, weil er seine Kreditkarte nicht benutzen möchte. Auch Sofia landet mit Assange im Bett, mehrfach. Auch beim Sex mit ihr soll Assange nur widerwillig ein Kondom benutzt haben, am folgenden Morgen soll er mit der zunächst noch schlafenden Sofia Sex gehabt haben - ohne Kondom wie das Polizeiprotokoll ausführt. Nach schwedischem Recht kann das als Vergewaltigung ausgelegt werden.

Assange reist ab, Sofia bezahlt auch die Fahrkarte für den Rückweg von Enköping nach Stockholm. Die junge Frau, so erzählt sie es der Polizei, bekommt Angst, sich mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt zu haben oder schwanger zu sein. Sie ruft Anna an, die sie bei Assanges Vortrag kennen gelernt hat. Und die beiden Frauen finden heraus, dass sie beide Kurzzeitgeliebte von Julian Assange waren.

Annas und Sofias Geschichte

Anna und Sofia verlangen von Assange, dass er sich auf Geschlechtskrankheiten testen lässt. Doch der Wikileaks-Gründer reagiert nicht. Als er sich Tage später bereit erklärt, ist es Freitagabend, die Kliniken haben geschlossen - und die Frauen waren bereits bei der Polizei, um sich beraten zu lassen. In Schweden kann die Polizei entscheiden, wann ein Fall zur Anzeige gebracht werden kann. Die Weigerung zu verhüten und ein gerissenes Kondom reichen der diensthabenden Polizistin für die Beschuldigung "sexuelle Belästigung" und "Vergewaltigung".

Nach wochenlanger Twitterpause zum Thema Assange - mittlerweile sind viele Tweets gelöscht, die sich auf ihn beziehen - twittert Anna die Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft

Kommentarlos. Oberstaatsanwältin Marianne Ny, Expertin für sexuelle Gewalt, nimmt sich des Falles am 1. September an, und die zuvor fallen gelassenen Beschuldigungen stehen durch ihr Engagement wieder im Raum.

Claes Borgström, sieben Jahre Gleichstellungsbeauftragter der sozialdemokratischen Regierung, wird zum Anwalt von Anna und Sofia. Er weist vehement die im Netz kursierenden Gerüchte zurück, dass Assange in eine Sex-Falle geraten sei. "Das sind zwei ganz normale, schwedische Frauen, die jetzt in eine weltpolitische Sache hineingezogen werden."

Das Feindbild Anna A.

Im Netz entwickelt sich eine Hetzjagd auf die beiden Frauen. Anna A. ist politisch aktiv, twittert viel, schreibt ein Blog, hat viele Fotos und Daten preisgegeben. Sie war mal auf Kuba, schrieb Anfang 2010 wie man Rache an einem Mann nimmt, der einen betrogen hat. Daraus werden nun Verschwörungstheorien und Kampagnen in Dutzenden Blogs und Foren gestrickt. Sie soll CIA-Agentin sein, Verbindungen zu einer Castro-feindlichen Gruppe haben. Adressdaten und Telefonnummern von Anna und Sofia werden veröffentlicht. Sofia W. taucht ab. Anna ist lange still, äußert sich erst am 8. Dezember wieder - nachdem Assange sich in London der Polizei gestellt hat, der Enthüllungsplattform der Geldhahn von verschiedenen Geldinstituten abgedreht wird, via Twitter.

"Mastercard, Visa und Paypal - reißt euch zusammen!"

Und kommentiert die Spekulationen über ihre Person:

"CIA-Agent, radikale Feministin, Liebhaber eines Moslems, christliche Fundamentalistin, Lesbe und unsterblich verliebt in einen Mann - kann man all das gleichzeitig sein?"

Zurzeit ist Anna A. beurlaubt, um drei Monate nach Palästina zu gehen. Die Aufregung im Netz hat sich ein wenig gelegt, sie selbst macht eine Twitterpause, in ihrem Blog stehen andere Themen: Politik, Gleichstellung, Christentum, Homosexualität. Julian Assange steht in der kommenden Woche erneut in London vor Gericht. Die Verhandlung über seine Auslieferung nach Schweden beginnt. Bis er ausgeliefert wird, kann es Wochen dauern. Es wird wohl noch lange im Dunkeln bleiben, was in den Stockholmer Sommernächten passiert ist.

 
 
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