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16. Juli 2003, 14:55 Uhr

Amore trotz Furore

Sie haben für uns "wurstel con krauti" gekocht, und wir haben Ohropax genommen gegen nächtliche Vespa-Attacken. Kurzum: In Wahrheit lieben wir uns - trotz Berlusconi und allem

Sonnenhungrige liegen am 15. Juli 2003, am Strand von Rimini an der italienischen Adriakueste© AP/ Venanzio Raggi

Lufthansa-Flug 3818, München-Rom. Ich bin auf dem Weg nach Italien, um herauszufinden, welches Volk lauter rülpsen kann, die Deutschen oder die Italiener. Es gibt einen Snack. Neben mir sitzen zwei Italiener. Einer nimmt die eingeschweißte Scheibe 'Wepu Katenbrot' in die Hand. "Was ist das?", fragt er seinen Nachbarn. "Eine Art Brot", sagt der andere. Er beißt einen kleinen Bissen ab und legt die geheimnisvolle Schnitte wieder hin. "Und?", fragt der andere. "Fa schifo", sagt er, "eklig." Sie schweigen, essen einen Schokoladenriegel.

Es stellt sich heraus, dass sie Mercedes-Verkäufer aus Frosinone sind. Sie reden mit großem Respekt von der neuen E-Klasse, aber diese viereckigen schwarzen Bremsscheiben? Sie heißen Pumpernickel, sage ich. Sie lachen sich schief über das Wort. Einer versucht es nachzusprechen. Es klingt wie Rummenigge. Den kennen sie.

Italiener und Deutsche sind wie ein altes Paar

Wir lieben und hassen uns, erforschen, beleidigen und verheiraten uns seit gut zweitausend Jahren. Es hat alles nichts genützt. Italiener und Deutsche sind wie ein altes Paar, eigentlich wissen wir alles voneinander, aber wir verstehen uns nicht. Wir schauen uns das Champions-League-Finale Milan gegen Juventus an und schlafen dabei vor der Glotze ein, sie hingegen geraten über ihr Rasenschach - null zu null nach 90 Minuten - völlig aus dem Häuschen. Sie peinigen uns seit 30 Jahren mit ihrem Catenaccio, wir quälen ihre Kellner mit unserem Akzent: "Kwando viene spaghetti?"

Wir bewundern ihren Einfallsreichtum - wer kommt sonst noch auf die Idee, mit schiefen Türmen die Leute ins Land zu locken? Sie kaufen wie wild alle unsere macchine, Porsch, Audi und Mjele. Sie kommen zu uns, um zu arbeiten, wir fahren zu ihnen, um zu faulenzen - wie soll man sich da kennen lernen? Wir essen gern schwer verdauliches Vollkornbrot und sie unsere kalorienarmen Singvögel. Hier die blonden Nazibestien, dort die korrupten Mafiagauner. Wir halten die Mafia gern für eine folkloristische Räuberbande, sie können überhaupt nicht darüber lachen, für Italiener ist sie ein Synonym für Tod und Leid. Eigentlich wissen wir es besser, aber manchmal im Sommer, bei Weltmeisterschaften oder wenn der Stolz mit uns durchgeht, kocht die alte zuppa wieder hoch.

"Wurstel con krauti" in den Fünfzigern

"Wurstel con krauti" haben sie uns gekocht, damals in den Fünfzigern, als wir in Rimini ankamen und noch nicht wussten, dass man linguine con frutti di mare lebend übersteht. Sie haben uns "deutshe filterkafee" aufgebrüht, als wir noch fanden, in den viel zu kleinen italienischen Tassen sei zu wenig drin. Sie haben uns, wie ihren Kindern, einen Löffel neben die Spaghetti gelegt, weil wir sie anders nicht auf die Gabel kriegten. Wir haben schnell dazugelernt, Italienischkurse gemacht, wir sagen nicht mehr Tschiantiwein und erscheinen nicht mehr um halb sieben zum Abendbrot, wenn die Köchin noch gar nicht vom Strand zurück ist.

Wir kaufen uns für 899 Euro eine original italienische Espressomaschine mit Milchschäumer - kaum ein Italiener käme auf die Idee. Da geht er lieber in die Bar. Wir sind oft italienischer als die Italiener, wie 'Bild'-Kolumnist und Armani-Träger Franz Josef Wagner: "In amerikanischen und französischen Anzügen sehe ich scheiße aus."

Der chauvinistische Rappel

Es waren zwei hirnrissige Wochen im deutsch-italienischen Verhältnis. Es ging zu wie im casino della madonna, wie die Römer sagen, im Freudenhaus der Muttergottes. Früher hätte man wahrscheinlich einen Krieg angefangen. Wenn wir heute einen chauvinistischen Rappel kriegen, wird der zwischen 'Bild' und einem durchgeknallten Staatssekretär ausgefochten. Eigentlich haben wir es weit gebracht.

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