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9. Februar 2010, 17:47 Uhr

Ein Hochstapler im weißen Kittel

Es war ein hollywoodreifer Betrug: In München hat ein Mann monatelang als Arzt in einer Klinik gearbeitet, der nur eine gefälschte Zulassung vorgelegt hatte. Mit geschickten Tricks narrte er das Krankenhaus und das Rote Kreuz. Von Malte Arnsperger, München

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Filmreif: Ein Mann bewirbt sich mit falschen Zeugnissen und arbeitet unbemerkt als Arzt© Colourbox

Die Geschichte hat durchaus ihren dramatischen Reiz: Ein junger Mann ohne Uni-Abschluss gibt sich mit gefälschten Zeugnissen als Arzt aus und arbeitet unbemerkt in einem Krankenhaus. Hollywood hat die Geschichte des Betrügers im weißen Kittel vor einigen Jahren auf die Leinwand gebracht. Leonardo di Caprio spielte in "Catch me if you can" die Rolle des sympathischen Schwindlers Frank Abagnale, der sein medizinisches Wissen aus TV-Arztserien hatte. Ähnlich dreist ist in den vergangenen Monaten Sascha St. vorgegangen. Der 26-jährige Stuttgarter hat sich als Narkosearzt ausgegeben, arbeitete sogar als Notarzt und war für das Deutsche Rote Kreuz bei Notfalleinsätzen unterwegs - und das wohl ohne die erforderliche medizinische Ausbildung. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wirft ihm deshalb Betrug und Urkundenfälschung vor. Sascha St. sitzt nun in Haft - und die Mediziner schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Sommer 2009. Ein gewisser Sascha Schenk meldet sich bei einem Ärztevermittlungsbüro - einer Art Zeitarbeitsfirma für Mediziner - in Bielefeld. Er will als Arzt arbeiten. Als Beweis seiner Qualifikation schickt er der Agentur eine Kopie seiner Approbationsurkunde mitsamt offiziellem Siegel aus Stuttgart mit. Eine Fälschung, wie die Ermittler heute glauben. Ungefähr zur selben Zeit sucht die Paracelsus-Klinik in München einen Assistenzarzt für ihre Narkoseabteilung - wegen Urlaub und Krankheit ist das Personal knapp. Die Vermittlungsfirma empfiehlt Sascha Schenk. Wieder schickt dieser seine angebliche Approbationsurkunde. Nach dem Vorstellungsgespräch mit Chefarzt und Verwaltungsdirektor kann der vermeintliche Doktor anfangen. Bis Ende Dezember legt Sascha Schenk Patienten Narkosespritzen. In seiner freien Zeit besucht er seine Freundin in Aspach bei Stuttgart und hilft dem dortigen DRK-Ortsverband kostenlos bei den Einsätzen.

Einsätze für das Rote Kreuz

Ende Dezember meldet sich der Neue in München plötzlich krank. Er habe einen Reitunfall gehabt, gibt er an. Bei der Paracelsus-Klinik hört man danach auf einmal nichts mehr von dem hoffnungsvollen Nachwuchsmediziner, dem man eigentlich sogar eine Festanstellung anbieten wollte. Doch den Schwindler zieht es zurück in seine schwäbische Heimat. Beim Krankenhaus in Horb bewirbt er sich als Notarzt. Wieder mit der falschen Approbation, diesmal sogar mit einer notariellen Beglaubigung - auch die ist vermutlich gefälscht. Anfang des Jahres arbeitet der "Doktor" einige Zeit als Notarzt für die Horber Klinik. Er ist ehrgeizig. Der Rettungsleitstelle des Rems-Murr-Kreises, die für den DRK-Ortsverband in Aspach zuständig ist, schickt er sogar einen dreiseitigen Beschwerdebrief und kritisiert die Notfalleinsätze. Der Brief ist allerdings gespickt mit Rechtschreibfehlern.

Als bei der Leitstelle fast gleichzeitig ein Brief von Schenk eingeht, in dem er sich als Notarzt beim Klinikum in Backnang bewirbt, wird deren ärztlicher Leiter Rolf Kansy misstrauisch. "Es kam uns komisch vor, da haben wir seine Unterlagen mal geprüft." Kansy ruft beim Regierungspräsidium Stuttgart an. Die Auskunft: einem "Sascha Schenk" wurde nie die Approbation erteilt. Die Polizei nimmt ihn fest. Und aus dem Arzt Sascha Schenk wird der Häftling Sascha St. Der junge Mann hat mittlerweile ein Geständnis abgelegt. Da er bereits wegen Betrügereien, Diebstählen und der Verbreitung von pornografischer Schriften vorbestraft ist, droht ihm eine mehrjährige Haftstrafe.

In den Einrichtungen, in denen Sascha St. in den vergangenen Monaten gearbeitet hat, beginnt nun die Aufarbeitung des peinlichen Vorfalls. Wer ist verantwortlich für diese Gutgläubigkeit? Die Ärztevermittlungsagentur in Bielefeld verspricht auf ihrer Homepage: "Die Prüfung der Arztqualifikation sowie Vertragsabwicklung und Abrechnung erfolgt über uns. Was Sie von uns erwarten dürfen: geprüfte Arztqualifikationen." Davon will die Inhaberin Sandra S. nun allerdings nichts mehr wissen: "Mich kann man nicht dafür verantwortlich machen", sagte sie stern.de. "Ich habe nur eine Kopie der Approbation bekommen. Die Klinik als Arbeitnehmer muss die Urkunden prüfen." Die bayerische Ärztekammer meint, dass die Verantwortung für die Qualifikationsprüfung des Bewerbers grundsätzlich beim Arbeitgeber liegt - in diesem Fall also beim Krankenhaus. Es solle die Originalurkunden auf Echtheit prüfen und im Zweifelsfall bei der Landesärztekammer nachfragen.

Kopfschütteln beim Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP). "Das ist ja fast schon kriminell", sagt Präsident Wolfram-Arnim Candidus. "Die Vermittlungsfirma wollte wohl ihre Vergütung bekommen und hat das ziemlich locker gehandhabt. Aber auch die Klinik muss einen Arzt viel besser prüfen und immer bei der Ärztekammer nachfragen. Denn sonst gefährdet man die Patienten."

Sie hätten "die notwendigen Sorgfaltspflichten" eingehalten, versichert allerdings auch Silvia Kerst, Sprecherin der Paracelsus-Klinik in München. "Die Approbationsurkunde des Mannes lag uns im Original vor, da haben wir keinen Verdacht geschöpft. Die Fälschung muss wirklich gut gewesen sein", sagt Kerst.

"Er hatte ja medizinische Grundkenntnisse"

Auch nach der Urkundenfälschung sei niemanden etwas Negatives an dem neuen Kollegen aufgefallen. Beschwerden von Patienten habe es nicht gegeben. "Er hatte ja medizinische Grundkenntnisse. Und wenn man die hat und weiß, wie das eine oder andere Gerät zu bedienen ist, erscheint mir das plausibel." Die Sprecherin beeilt sich hinzuzufügen: "Er hat als Assistenzarzt immer nur unter Aufsicht von erfahrenen Kollegen in der Anästhesie gearbeitet." Schwer enttäuscht sind die Kollegen von Sascha St. beim DRK in Aspach. Schließlich war der angebliche Arzt nicht nur ein engagierter Ehrenamtlicher bei Rettungseinsätzen. Er hat auch bei Altpapiersammlungen und bei Blutspendeterminen kräftig mitgeholfen. "Wir waren froh über ihn", sagt der Vorsitzende des Ortsverbandes. "Er war kein Aufschneider, war ein ganz normaler Mensch." Fast wäre Sascha St. sogar Mitglied beim DRK in Aspach geworden. Seine angebliche Approbation habe er schon vorgelegt, sagt der Vorsitzende des Ortsverbandes. Man habe noch auf ein Dokument gewartet, dass man bei Neuaufnahmen grundsätzlich anfordere: das polizeiliche Führungszeugnis.

Von Malte Arnsperger, München
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
Stony2005 (10.02.2010, 11:05 Uhr)
HM,
ich glaube als Patient sollte man sich in Zukunft erstmal die Aprobationsurkunde zeigen lassen, wenn man es denn noch kann. Vor nicht langer Zeit gab es einen ähnlichen Fall in Hamburg mit einer Dame die sich als Kinderärztin ausgegeben hat.
Popobawa (10.02.2010, 10:24 Uhr)
Vergleichen wir den Fall mit anderen.
Was wäre wenn Hans versucht als Programmierer zu arbeiten ohne Ahnung, hm vermutlich würde er schon nach zwei Tagen gefeuert werden, wieso fällt dann hier die Inkompetenz nicht auf, gleich und gleich gesellt sich gern? Oder braucht man keinerlei Kompetenzen? Vergleichen wir den Fall in Dresden wo ein Betrüger sich als Psychiater ausgab und Jahrelang damit durch kam weil man alles immer wieder mit fast den gleichen Erklären kann und sogar frei Erfundene Krankheiten werden einfach hingenommen. Dies zeigt sehr schnell das es Disziplinen gibt für die man keinen 8 Jahre studierten Facharzt braucht.
gesox (10.02.2010, 10:19 Uhr)
Na und?
So schlimm es ist: wir haben das doch im viel größeren Stil gerade bei unserer Regierung. Angeblich kompetent erweisen die "Fachärzte" sich als komplette Versager.
Popobawa (10.02.2010, 10:12 Uhr)
Wenn man bedenkt das die höhste Durchfallquote
in Fächern ist wo Denken erforderlich ist und nicht auswendig lernen dann wird mir schon ganz schnell klar wie schwer das Studium ist. Bin ja so eine Art entfernter Kollege der ihnen die Mittel in die Hand gibt, genug Vorlesungen hab ich mit ihnen geteilt.
Ryan2k (10.02.2010, 09:17 Uhr)
Pro Ärzte !
Schon erstaunliche Geschichte, wenigstens hat er sich trotzdem Mühe gegeben und es ist zum Glück keiner zu Schaden gekommen. Interessant wäre gewesen, ob es überhuapt aufgefallen wäre wenn er in München geblieben wäre.

Zu den Ärzte in DE:
Ich denke auch das wir in DE mit die besten Ärzte haben. Wenn man mal überlegt wieviele deutsche Ärzte im Ausland arbeiten,weil sie angeheuert sind. Deutsch Ärzte haben einen richtig guten Ruf im Ausland. Schade das es hier nicht ist. Aber denke das es mehr an den Krankenkassen liegt anstatt an den Ärzten selbst. Ich als KAssenpatient kann ich auch nur aufregen, weil es so gut wie keine vernünftige versorgung gibt. Ich bin nie Krank gewesen und schon seit etlichen Jahren nicht mehr beim Arzt gewesen und dann habe ich mir beim Sport einen Bänderiss zugezogen. 0 Versorgung ! Es ist aus Kostengründen nicht geröngt worden !!!! Ein Zinkverband das war alles und 6 Std. wartezeit inkl. !! Aber das hat hier eigentlich nicht zu suchen ^^
nerventanz (10.02.2010, 08:53 Uhr)
"Man muss als Arzt heutzutage nichts können"?
Schon mal ein Studium der Medizin gemacht? Das Studium heutzutage ist viel härter als früher.

Deutsche Ärzte gehören zu den besten in der Welt. Ich sehe immer wieder, dass relativ arme Leute aus 3te-Welt-Ländern extra nach Deutschland kommen, um sich behandeln zu lassen. Sie zahlen auch richtig viel Geld (von der Familie zusammengekratzt) um sich behandeln zu lassen, weil sie (natürlich) nicht versichert sind.

Wenn ihr schon irgendwelche pauschale Behauptungen macht, dann gibt Begründungen dazu und Fakten anhand von Fällen.

Dass ein Arzt 4 Minuten hat, um etwas beim Patienten festzustellen, und ihr innerhalb der Familie schon lange Zeit die Symptome miterlebt macht eine Diagnose nicht unbedingt effektiv.

Gebt den Krankenkassen die Schuld, wenn sich ein Arzt nicht genügend kümmert! Früher habe ich von A-Z alles bezahlt bekommen. Heute weigern sich Kassen 1 Cent zu bezahlen mit ihren bescheuerten Punktesystemen. So kommt es immer wieder vor, dass Ärzte aus der eigenen Tasche für euch zahlen. Meint ihr, da haben sie noch Lust auf die "blöden Patienten"? Krankenkasse sagt "wir haben unser Budget geschlossen für diesen Monat", dann gibt's kein Geld mehr. Ende der Geschichte! Und die hundert Euro, die die Behandlung kostet geht dann vom Privatvermögen des Arztes weg. Ich kenne inzwischen deutsche Zahnärzte, die am Wochenende in Holland arbeiten, um das auszugleichen was sie hier mit ihrer Praxis in Deutschland an Miesen machen.

Schön ist das.. nicht? Ich wünsche echt Deutschland, dass es mal ärztelos ist. Dann sehen wir uns das nochmal an was falsch gelaufen ist.
netwanderer (10.02.2010, 00:35 Uhr)
@m.stern3
...wer will denn bestreiten, dass Mediziner hart arbeiten? Ich stimme mit Ihnen gänzlich überein, und insbesondere insofern, als dass sie besonders hart daran arbeiten, ihren bescheidenen Säckel weiter zu füllen. Und dass es so viele von ihnen gibt, zeigt nur auf, wie groß der zu verteilende Kuchen mittlerweile ist. An uns Kleingeistern lässt sich offenbar ganz gut verdienen. Aber das ist ein anderes Thema...es ging im Artikel ja um Schein, nein, nicht den....und Sein.
m.stern3 (09.02.2010, 23:10 Uhr)
Den Großteil bedenken!
Es ist erbärmlich und kleingeistig, wie in diesen Kommentaren hier ein hart arbeitender Berufsstand mit 400.000 Mitgliedern über einen Kamm geschoren wird. Wer über schwarze Schafe schimpft soll bitte auch an das rechtschaffene Gros denken.
netwanderer (09.02.2010, 21:44 Uhr)
Er ist nicht der einzige..
Erinnert sich jemand noch an den Postboten Gert Postel alias Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy? Der hat es auch weit gebracht...
Andererseits gibt es genug "echte" Ärzte, die Pfusch am laufenden Band betreiben...Amputationen an Gesunden, Operationsbesteck vergessen u.ä. ...und sich dafür fürstlich honorieren lassen. Unter dem Treiben solcher Vertreter der Zunft müssen auch all die leiden, die wirklich mit Einsatz und Anspruch ihren Job machen. Meine persönliche Erfahrung ist allerdings die, dass mehrere Ärzte eher an mir verdienen als mir ernsthaft helfen wollten. Nur weil ich Rat von mehreren Seiten eingeholt habe, blieb ich von Behandlungsfehlern verschont. Zudem stellte man mir überhöhte Rechnungen aus. Passt doch gut ins Bild. Andererseits: Meinen Zahnarzt kann ich nur loben. Fazit: "Halbgötter in Weiß" sind zwar auch darunter, aber etliche schwarze Schafe wollen es sich nur im finanziell gut gepolsterten Nest der entmündigten Beitragszahler gemütlich machen.
Popobawa (09.02.2010, 20:54 Uhr)
Was sagt uns das?
Man muss absolut gar nichts also wirklich gar nichts als Arzt können. Die Fehler die bei mir und bei Bekannten bereits passiert sind, sind einfach nur schrecklich. Diese unendliche Dummheit passt perfekt zur Ausbildung, auswendig lernen ja zusammenhänge sehen nein.
 
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