Die neuen Hauseigentümer wollen die Wohnungen sanieren, dabei stören die alten Mieter. Wer nicht freiwillig geht, erlebt einen Winter mit gekappten Gas- und Telefonleitungen und heimlich getauschten Haustürschlössern. Die Bewohner wehren sich und ihre Peiniger verspekulieren sich vor Gericht. Von Uta Eisenhardt

Wenn die neuen Hauseigentümer die alten Mieter loswerden wollen, ist das Austauschen des Haustürschlosses oft nur der Anfang der Schikane© Heribert Proepper/AP
Mit einem harmlosen Bauzaun fing es an. Am 1. Dezember 2007 umgrenzte er ein altes Haus im Osten Berlins, im Stadtbezirk Friedrichshain, das wenige Monaten zuvor verkauft worden war. Drei Tage später gab es im Haus einen Wasserschaden. Vergeblich versuchten die Mieter, den neuen Eigentümer zu erreichen. Weitere drei Tage später hing ein Schild im Hausflur: Es sei ein Druckabfall festgestellt worden, die Gasleitung werde vorübergehend unterbrochen. "Da haben wir schon vermutet, das ist ein unsauberes Ding", sagen Mieter Martin Schulz* und sein Freund.
Sie sollten Recht behalten: Mit einer Serie von Attacken wollten die neuen Eigentümer die wenigen Mieter vertreiben, die ihren Plan vom leeren Haus, das problemlos in sanierte Eigentumswohnungen umgewandelt werden kann, durchkreuzen wollten. Der Terror hat nun ein gerichtliches Nachspiel. Versuchte Nötigung wird den geschiedenen Eheleuten Petra und Rainer Plattner* und ihrem Helfer, dem Bauleiter Farhad Farjam* vorgeworfen.
Sie ließen damals ein neues Haustürschloss einbauen, händigten den Mietern jedoch keinen Schlüssel dafür aus. Zunächst war dies kein Problem, die Haustür stand in der Regel offen. Aber schon eine Woche später rüttelten die Bewohner an einer verschlossenen Tür. Die herbei gerufene Polizei konnte auch nichts anderes tun, als vergeblich die Eigentümerin anzurufen. Am Ende kletterte einer der Mieter über zwei Zäune des Nachbargrundstücks zum offenen Hintereingang und hebelte die vordere Haustür auf.
Am gleichen Tag war die Telefonleitung gekappt und ein Flurfenster eingeschmissen worden, was die Tauben der Umgebung rasch entdeckten. Die Bewohner hatten nun auch kein Gas mehr. Sie konnten nicht heizen, nicht kochen und hatten kein warmes Wasser. "Zum Glück steht in unserer Wohnung ein alter Kachelofen", sagt Martin Schulz. Warmes Wasser machten er und sein Freund mit Hilfe eines Campingkochers. "Zum Duschen sind wir in die öffentlichen Bäder gegangen und ins Fitnessstudio." Misstrauisch inspizierte das Paar den Keller, denn "so alt waren die Leitungen nicht." Dabei stießen sie auf die Reste einer Gasleitung: Sie war von einer Installationsfirma abgeflext worden. Denen hatten die Eigentümer weis gemacht, die Leitung wäre schadhaft.
Die Plattners boten den genervten Mietern jeweils 5000 Euro an, wenn sie innerhalb von 20 Tagen ausziehen würden. "Selbst wenn ich gewollt hätte, wäre das nicht zu schaffen gewesen", sagt Martin Schulz. Einer der Schikanierten nahm das Angebot an, ein weiterer Mieter forderte vergeblich das Doppelte. Lars Maschwitz* flüchtete zu seiner Freundin nach Hamburg. Wenn er nach Berlin kam, kümmerte sich der Professor für Kultur- und Kunstgeschichte um den Abtransport seiner Bücher, da er einen Wasserschaden befürchtete. Außerdem begab er sich auf Wohnungssuche.
"Man ist fertig", erinnert sich Martin Schulz. "Man sitzt im Kalten, das reibt auf." Kurz vor Weihnachten erwirkte ein befreundeter Rechtsanwalt eine einstweilige Verfügung gegen die Eigentümer. Daraufhin warf Petra Plattner kommentarlos den Hausschlüssel in den Briefkasten. Auch die Gasleitung musste auf gerichtlichen Druck neu verlegt werden. Streng achteten die Plattners darauf, dass jeweils nur die Mieter angeschlossen wurden, die sich gerichtlich gewehrt hatten. Etage für Etage ertrotzten sich die Bewohner ihren Zugang zum Versorgungsnetz.
Jetzt stehen ihre Peiniger vor Gericht. Ursprünglich sollten die drei Angeklagten ohne Verhandlung - durch einen so genannten Strafbefehl - verurteilt werden. Petra Plattner sollte 1200 Euro (30 Tagessätze) Geldstrafe zahlen, ihr Ex-Mann Rainer Plattner und der Bauleiter Farhad Farjam jeweils 3600 Euro (60 Tagessätze). Doch die drei widersprachen diesem Vorschlag. Mit je einem Anwalt erscheinen sie zum Prozess: Die 59-jährige, inzwischen arbeitslose Sekretärin mit dem blondierten Bubikopf, deren Hängebäckchen einen geschminkten Kussmund rahmen. Ihr 61-jähriger Ex-Mann mit dem brav gescheitelten Haar, ein ausgebildeter Diplom-Ingenieur, der als derzeitige Tätigkeit "Geschäftsführer" angibt. Und dann noch der 55-jährige Bauingenieur Farhad Farjam. Mit seinem energischen, von einem grauen Bart bedeckten Kinn und den dunklen Locken wirkt der gebürtige Iraner wie ein römischer Feldherr.