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12. Januar 2007, 10:38 Uhr

"Mama, bitte nicht den bösen Tee"

Mandy N. hat ihre kleine Tochter jahrelang misshandelt, ihr Essigsäure und Kalkreiniger eingeflößt. Doch niemand hat etwas bemerkt: weder die Nachbarn noch die Ärzte. Nun muss die Mutter neun Jahre ins Gefängnis. Von Manuela Pfohl

Mandy N. mit ihrem Verteidiger: "Ich liebe mein Kind"© Bernd Wüstneck/DPA

Es gibt ein Foto aus besseren Tagen, aufgenommen vor Jahren in irgendeinem Atelier. Da hat Mandy N. ihre Tochter Lea Marie auf dem Schoß. Das Mädchen feierte Geburtstag, es könnte der erste gewesen sein. Ihr kurzes blondes Haar ist sorgfältig gekämmt und der runde Spitzenkragen der Bluse faltenfrei drappiert. Mit großen staunenden Augen blickt das Kind in die Kamera. Links hinter Lea Marie sitzt ihr Vater Tilo. Er hat einen Arm um die Schultern seiner Frau gelegt, den Kopf leicht zu ihrer Seite geneigt. Bitte lächeln, wird der Fotograf gesagt haben, dann hat es geblitzt. Eine hübsche Erinnerung.

Blutunterlaufene Striemen und Brandnarben

Am Abend des 12. Juni 2006 haben die Eltern ihre Tochter das letzte Mal gesehen. Mandy N. bringt das Mädchen in die Greifswalder Uni-Kinderklinik. Die Fünfjährige habe Krämpfe und müsse sich ständig erbrechen, sagt die 27-Jährige in der Notaufnahme. Als die diensthabende Ärztin wenig später den Neuzugang begutachtet, sieht sie blutunterlaufene Striemen auf dem Rücken der Kleinen, dicke Brandnarben an den Oberschenkeln und blutig verkrustete Verätzungen am Mund. Verätzungen auch in Speiseröhre und Mageneingang. Lea Maria schwebt in Lebensgefahr, sie hat offenbar Säure getrunken und muss höllische Schmerzen leiden. Die Ärztin ist sich sicher, das Kind wurde misshandelt. Sie informiert Jugendamt und Polizei, einen Tag später werden die Eltern festgenommen.

Zu Prozessbeginn im November 2006 berichtet die Rostocker Staatsanwaltschaft von Misshandlungen in 31 Fällen, vier Jahre lang soll das Kind von seinen eigenen Eltern immer wieder gequält und in Todesgefahr gebracht worden sein. Der 29-jährige Vater will nicht gewusst haben, was sich in der gemeinsamen Wohnung im mecklenburgischen Kleinstädtchen Teterow abgespielt hat. Mandy N. hingegen gesteht sofort: Mehr als 20 Mal habe sie ihrer Tochter gewaltsam Essigsäure und Kalkreiniger eingeflößt. Sie gibt zu, dass sie das Kind im Februar 2003 in eine Badewanne gesetzt und ihr kochendes Wasser über die Oberschenkel geschüttet habe, um 864 Euro "Schadenersatz" von der Versicherung zu kassieren. Geld, von dem sie später schöne Kleidung und Spielzeug für das Kind kaufen wollte. Sie bestätigt auch, dass Lea Marie mehrfach Prügel mit einem Teppichklopfer bekommen hat, wenn sie nicht schlafen wollte. Aber sie versichert: "Ich liebe mein Kind."

Doch die Beteuerung hat die Richter nicht gänzlich überzeugt. Fast alle Prozessbeobachter halten es für angemessen, dass Mandy N. für neun Jahre hinter Gitter muss, wie das Landgericht Rostock nun geurteilt hat.

Speiseröhre ständig operativ ausweiten

Die Zuschauer im großen Saal des Rostocker Landgerichts hören, dass Lea Marie seit Monaten alle zwei Wochen in die Klinik muss, um ihre Speiseröhre operativ aufzuweiten und dass es vermutlich noch jahrelang so weitergehen wird. Dass sie keine feste Nahrung zu sich nehmen darf, dass sie wegen der Brandverletzungen dauerhaft entstellt sein wird und dass sie das Schlimmste noch vor sich hat: Die Erkenntnis nämlich, dass ihre Mutter es war, die ihr all das Leid zugefügt hat - aus egoistischen Motiven, wie das Gericht befindet. "Wenn sie das erstmal wirklich realisiert, das wird schlimm", sagte Staatsanwältin Petra Below.

Irgendetwas ist mächtig schief gelaufen im Leben der Familie N.. Nur was? Als Mandy Ende der Neunziger ihren Mann kennen lernt, hat sie die Hauptschule und eine Hauswirtschaftslehre hinter sich. Ohne Abschluss. Schule ist nicht ihr Ding. Dafür zieht sie beizeiten von zu Hause aus. Sie will beweisen, dass sie es alleine schafft, im Leben zurecht zu kommen. Tilo, ihre große Liebe, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, er zieht bei ihr ein, sie heiraten, es soll alles seine Ordnung haben. Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit sind die tragenden Säulen des Lebens. Das hat Mandy N. zu Hause gelernt. Als im November 2001 Lea Marie geboren wird, ist das Familienglück perfekt. Das Mädchen ist ein Wunschkind. Doch das Glück hält nur ein halbes Jahr.

Überstunden bis spät abends

Denn Tilo N. ist selten zu Hause. Als Gehilfe auf dem Teterower Schlachthof schrubbt er regelmäßig bis spät abends Überstunden, um Frau und Kind mit dem Nötigsten versorgen zu können. Kommt er dann heim, ist er für die Probleme seiner Frau meist zu müde. Sie muss alleine klar kommen mit dem Haushalt, der Pflege der kleinen Lea Marie und der Enttäuschung, dass der Familienalltag irgendwie ganz anders ist, als sie ihn sich vorgestellt hat .

Tilo N. musste viel arbeiten, will nichts mitbekommen haben© Bernd Wüstneck/DPA

An einem dieser Tage, die überhaupt nicht enden wollen, an denen das Baby Stunde um Stunde schreit, greift Mandy N. zum ersten Mal zur Flasche mit der Essigessenz, die in der Küche steht. Sie gibt etwas davon in ein Glas, füllt das Ganze mit Tee auf. Dann nimmt sie ihr Kind auf den Schoß und füllt ihm den Giftcocktail ein. "Das lief so ab, als ob ich neben mir gestanden hätte. Wie ein Aussetzer", sagt sie später zur Polizei. Die Kleine schreit, sie weint, sie hat furchtbare Schmerzen und muss sich erbrechen. Mandy N. ruft einen Notarzt. Sie sagt, sie habe keine Ahnung, was mit dem Kind los sei. Aber sie mache sich große Sorgen. Der Arzt nimmt das Mädchen mit in die Klinik. Endlich ist Ruhe.

Insgesamt 27 Mal wird sich dieses Szenario in den nächsten vier Jahren abspielen. Als Lea Marie im August 2006 von der Psychologin Evelyn Werner gefragt wird, wie das war, als sie den Giftcocktail schluckte, nimmt das Mädchen einen Teddy, drückt ihn rücklings auf den Boden, hält ihm die Arme fest und flößt ihm mit einem Puppenbecherchen ein, was die Mama ihr immer gab. Lea Marie nennt es "bösen Tee". Sie erinnert sich, sie erzählt, wie sie gebettelt hat, bitte nicht, das tut so weh, das darf man nicht trinken. Und wie die Mama sagte, doch, du musst. Als Lea Marie das erzählt, müssen die Anwesenden, die Psychologin, ein Polizist, eine Krankenschwester und ein Arzt die Fünfjährige beruhigen. "Das Kind wurde leichenblass, bekam Herzrasen, zitterte, weinte. Da haben wir die Befragung abgebrochen. Es war zu schrecklich", sagt Evelyn Werner vor Gericht. Wollte die Mutter, dass ihr Kind stirbt, wollte sie ihm Schmerzen zufügen, um sich für die eigene Traurigkeit zu "rächen"?

"Keine tragende Erklärung für diese Taten"

Psychiater Stefan Orlob hat Mandy N. auf ihren Geisteszustand untersucht und ihre intellektuellen Fähigkeiten getestet. Und zu ihrer Beziehung zu Lea Marie. Sein Fazit: "Es gibt keine tragende Erklärung für diese Taten. Am ehesten lassen sie sich mit einem Mangel an emotionalen Fähigkeiten begründen." Die Beziehung zu ihrer Tochter habe wohl auf einem sehr niedrigen Gefühlsniveau gelegen. Weshalb die Mutter Lea Marie dennoch immer wieder im letzten Augenblick in medizinische Betreuung gab, könne nicht mit Klarheit beantwortet werden.

Der Befund bei den Klinikeinweisungen ist fast immer derselbe: Mundsoor, Bronchitis, Erbrechen, weitere Untersuchungen werden nicht gemacht. Niemand bemerkt die schweren Verätzungen in der Speiseröhre. Nur einmal, irgendwann 2004, macht sich eine Ärztin Gedanken über die Familie. Sie notiert, das Kind sei in einem schlechten Allgemeinzustand und verstört. Sie bittet das Jugendamt mal bei der Familie vorbeizuschauen und informiert die Hausärztin. Doch es tut sich nichts. Niemand vermutet eine Misshandlung des Mädchens.

Entrüstung beim Jugendamt und Kinderärztin

Als die Staatsanwaltschaft im November Ermittlungen wegen möglicher unterlassener Hilfeleistung gegen die zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes und die Ärztin aufnimmt, wird sie mit blanker Entrüstung konfrontiert. Die Hausärztin versichert, das Kind sei doch stets sauber gekleidet gewesen, wenn die Mutter es bei ihr vorgestellt habe. Die Kindergärtnerin versichert, dass Lea Marie immer das Geld für die Ausflüge dabei hatte und die Mitarbeiterin im Jugendamt winkt ab, da gebe es ganz andere Fälle.

Auch die Nachbarn im sechsgeschossigen Plattenbau, in dem Familie N. lebt, sagen im Prozess: "Das war eine ganz normale Familie." Nur ein bisschen laut sei es manchmal gewesen. Vielleicht habe man auch mal ein Klatschen gehört und das Weinen des Mädchens. Doch soll man jeden gleich anzeigen, nur weil das Kind mal schreit?

Von Manuela Pfohl
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
AliceWalsh (15.01.2007, 14:04 Uhr)
Unbegreiflich
Ich verstehe nicht wie man das als Menschen einem anderen Menschen antun kann. Und erst recht nicht als Mutter dem eigenem Kind. Selbst bei einem niedrigen IQ muss man doch begreifen koennen dass man einem hilflosen Kind von einem Jahr sowas nicht antut. Schrecklich. Und das Schlimmste ist dass der Vater angeblich nichts bemerkt haben will. Warum haben manche Leute Kinder wenn sie sie im Grunde gar nicht wollen?
superrichie1 (13.01.2007, 13:20 Uhr)
Was ist los mit uns?
Gerade habe ich diesen Artikel gelesen. Ich habe selbst Kinder, es ist für mich unbegreiflich.
Wir können doch nicht immer einfach hinnehmen das es halt immer wieder unter uns "Täter-Eltern" gibt.
Ich denke jeder Mensch freut sich über seine Kinder.
Plötzlich geht dann irgendetwas furchtbar schief.
Und genau hier stellt sich die Frage:
Warum werden so viele junge Familien mit ihrer Arbeitslosigkeit, mit ihrer Chancenlosigkeit von uns, also "unserer" Gesellschaft so alleine gelassen?
Ich würde natürlich jetzt auch lieber auf unsere Politiker schimpfen,weil sie diese Probleme mit verantworten.
Aber ich glaube letztendlich liegt es daran das wir unsere Gesellschaft immer mehr dazu "zwingen" die Ellbogen auszufahren um selbst einigermaßen überleben zu können.
Ich bin sicher, mit etwas mehr Menschlichkeit und nicht nur Profitorientiertem Denken und Handeln seitens unserer Sozialpolitik hätte dieses unvorstellbare Leiden dieses Kindes (und der Eltern) abgewendet werden können.
Ich würde so gerne helfen so etwas in Zukunft zu vermeiden!
Kann mir jemand sagen wie?
Pepitica (13.01.2007, 02:49 Uhr)
Nicht wegsehen bzw. -hören
Sicher gibt es Situationen in denen es unklar ist, ob eine Misshandlung abläuft. Sehr oft sind die Hinweise aber ausreichend deutlich. Es wäre bereits viel geholfen wenn der Beobachtende in diesen Fällen aktiv würde. Wenn man die betroffenen Personen kennt, muss dies nicht gleich bedeuten, dass man diese anzeigt. Ein freundliches Gespräch kann dann schon etwas bewirken. Falls dies nicht möglich ist oder nicht hilft, sollte man aber auf jeden Fall die staatlichen Stellen informieren.
Es ist erschreckend, wenn hier als Hauptgegenargument eine vermutete fehlende Anerkennung angeführt wird. Zum einen weil die Abwägung - Kindeswohl gegen gesellschaftliche Ablehnung - zu ungleich ist. Zum anderen, weil dies bedeutet, dass es in unserer Gesellschaft noch keinen ausreichenden Konsens gegen häusliche Gewalt gibt, auf den der Helfer vertrauen kann. Dies beruht teilweise auf dem auch hier wiedergegebenen unklaren Verständnis von Erziehungsfreiheit.
Eigentlich sollte klar sein: Wie auch dieser Fall wieder zeigt, ist eine Misshandlung keine Erziehungsmaßnahme sondern Ausdruck eines Persönlichkeitsproblems des Machtinhabers. Wer eingreift stellt daher nicht einen Erziehungsstil in Frage, sondern weist nur auf Schutzbedarf hin!
wuschel79 (13.01.2007, 01:23 Uhr)
Es gibt auch andere Möglichkeiten!
Der erste Schritt ist nicht, eine Anzeige zu machen, wenn man mitbekommt, dass ein Kind oder jemand anderes "falsch" behandelt wird. Der erste Schritt ist, einzugreifen. Das hilft dem Betroffenen. Es zeigt dem Betroffenen, dass andere aufmerksam sind und ihnen das Schicksal dieser Person nicht gleichgültig ist. Außerdem verhindern Sie damit weit Schlimmeres. Gerade der Täter sieht, dass er das Kind/ die Person nicht misshandeln kann, weil andere eingreifen. Es gibt viele Wege zu helfen. Sei es durch ein klärendes Gespräch, Dazwischengehen oder ähnliches. Das ist situationsabhängig. Wichtig ist, dabei selber ruhig zu bleiben und mit ruhiger Stimme zu sprechen. Ich habe bisher kein böses Wort gehört, weil ich dazwischen gegangen bin (egal, ob bei Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen). "Täter" sind sprachlos und die Betroffenen voller Dankbarkeit. Wenn man hilft, sollte es einem nie um die "Lorbeeren" gehen. Das Schicksal des Einzelnen muss einem am Herzen liegen.
Ich musste leider jedes Mal feststellen, dass alle anderen nur zuschauten. Ist uns das Schicksal unserer Mitmenschen so egal?
bR4iNST0RM (12.01.2007, 16:03 Uhr)
Doch soll man jeden gleich anzeigen, nur weil das Kind mal schreit?
Genau das ist die Frage, die selbst Politiker, Sozialpädagogen und Psychologen nicht zu beantworten wissen! Denn in wie weit sollte man sich in die Erziehung anderer einmischen. Will man das überhaupt. Und gerade bei betroffenen Personen: wollen diese sich überhaupt helfen lassen? Wie genau soll man sich nun in solchen Fällen verhalten? Vor allem wird man als Anzeigender eh meist nicht mit Lorbeeren beglückwünscht.. eher ganz gegenteilig.
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