Alarm im Golf von Mexiko: Experten befürchten, dass weitaus mehr Öl pro Tag ins Meer fließt, als bislang angenommen. Alle Hoffnungen von BP ruhen nun auf einem dünnen Rohr.

Amerikaner demonstrieren vor dem Gebäude der Ölfirma BP in Chicago. Sie fordern, dass BP für die Folgen der Ölkatastrophe zahlt© Scott Olson/Getty Images
Gebetsmühlenartig wird die Zahl seit Tagen wiederholt: 700 bis 800 Tonnen Rohöl strömen täglich in den Golf von Mexiko, seit die Ölplattform "Deepwater Horizon" am 20. April explodierte und zwei Tage später versank. Doch die Katastrophe könnte noch viel schlimmer sein, als bisher angenommen. Zwei Berichten von diesem Freitag zufolge könnte die Menge an Öl, die täglich austritt, deutlich größer sein.
Steve Wereley, ein Professor an der Purdue University, glaubt, dass in Wahrheit etwa 9500 Tonnen täglich ins Wasser sprudeln - über zehnmal so viel wie offiziell geschätzt. Zu dieser Annahme kommt er nach dem Studium der kürzlich veröffentlichten Videoaufzeichnungen von BP. Sie zeigten, wie Öl aus einem lecken Bohrrohr strömt. Für den amerikanischen Radiosender NPR (National Public Radio) hat der Wissenschaftler dieses Video mit einer Computermethode analysiert. Dabei werden Partikel gezählt und beobachtet, wie schnell sich diese bewegen.
Dass die Größe der Ölverschmutzung unterschätzt wird, vermutet auch Ian R. MacDonald von der Florida State University, der seine Kalkulationen auf Satellitenbilder stützt. Diese würden nahelegen, dass der Verlust an Öl vier oder fünfmal größer sein könnte als die offiziellen Schätzungen, sagte der Wissenschaftler der "New York Times". BP, die US-Küstenwache und Washingtoner Behörden, die zusammen einen Krisenstab bilden, gingen bislang davon aus, dass jeden Tag etwa 700 Tonnen Rohöl, hauptsächlich aus dem Steigrohr, ins Meer gelangen. Diese Zahl sei von Wissenschaftlern eilig aufgestellt worden, kritisiert die "New York Times", wahrscheinlich mit einer Methode, die für größere Ölkatastrophen nicht geeignet sei. Ob die Zahl stimmt, weiß daher auch niemand genau. Das räumte auch BP-Manager Doug Suttles am Freitag ein. Er nannte die 700 aber eine "gute Schätzung".
Unterdessen rückt in Amerika die Suche nach den Schuldigen für die Umweltkatastrophe immer mehr in den Vordergrund. Die Kritik am britischen Ölkonzern BP hat mit den Anhörungen mehrerer ranghoher Firmenvertreter vor dem US-Senat zugenommen. US-Präsident Barack Obama sprach gar von "lächerlichen Schauspiel", das die Spitzenmanager bei der Anhörung aufgeführt hätten. Die Aussagen der BP-Manager verstärkten den Verdacht, dass möglicherweise zahlreiche Warnsignale im Vorfeld des Untergangs der Ölplattform "Deepwater Horizon" übersehen worden waren. Die von BP betriebene Bohrinsel war am 20. April im Golf von Mexiko explodiert und zwei Tage später gesunken. Seitdem strömen täglich schätzungsweise 800.000 Liter Öl aus und bedrohen die Küstengebiete mehrerer südlicher US-Bundesstaaten.
Zum Untergang der Bohrinsel trug eine ganze Serie technischer und menschlicher Fehler bei, wie eine vom US-Kongress beauftragte Untersuchung ergab. So ist ein wichtiges Sicherungsventil gar nicht leistungsfähig genug gewesen, um die Ölquelle komplett abzudichten. Der sogenannte Blow-out-Preventer sollte laut BP garantieren, dass bei Problemen mit der Förderanlage kein Öl ins Meer gelangt. Er habe leere Batterien enthalten und die nutzlose Testversion eines wichtigen Bauelements. Darüber hinaus gab es Lecks in der Hydraulik, wie die "Washington Post" am Donnerstag schrieb. BP schiebt die Schuld für das Versagen auf Transocean, den Schweizer Betreiber der Förderanlage.
Politiker kritisierten dagegen, der britische Ölkonzern habe seine Arbeiten auf der "Deepwater Horizon" überhastet beendet, ohne die Quelle richtig abzudichten. Nach Angaben des demokratischen Kongress-Abgeordneten Henry Waxman ist ein wichtiger Bohrloch-Drucktest noch am Morgen der Explosion am 20. April "unbefriedigend" ausgefallen. In verschiedenen Rohrabschnitten sei ungleichmäßiger Druck gemessen worden - möglicherweise ein Hinweis auf Gaszufluss ins Bohrloch, wie es in Medienberichten hieß. Ein plötzlicher Gasaustritt gilt als Auslöser der Explosion.
Wie die "New York Times" am Freitag berichtet, hat eine US-Behörde zudem Genehmigungen für Ölbohrungen im Meer erteilt, ohne sich die vorgeschriebenen Umweltzulassungen einzuholen. Darunter sei auch eine Genehmigung für die im Golf von Mexiko verunglückte Förderplattform Deepwater Horizon. Wie das Blatt unter Berufung auf Unterlagen des Bundes und Angaben aus Mitarbeiterkreisen berichtete, holte sich die US-Behörde für Rohstoffverwaltung, der sogenannte "Minerals Management Service" (MMS) in Hunderten Fällen nicht die gesetzlich vorgeschriebene Stellungnahmen der Wetter- und Ozeanografiebehörde ein. Diese ist zuständig dafür, bedrohte Arten und Meerestiere zu schützen. Zudem sei Druck auf die MMS-Wissenschaftler ausgeübt worden, die Ergebnisse ihrer Befunde zu ändern, wenn diese vor einem Unglück oder einer Bedrohung für die Tierwelt gewarnt hätten.