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22. April 2009, 17:51 Uhr

"Terroristen sind von Neid zerfressen"

Wolfgang Schmidbauer hat die Psyche islamistischer Terroristen untersucht. "Ihr Antrieb ist der Neid auf andere", sagt der Psychoanalytiker. Im Interview mit stern.de erklärt er, warum sie das Glück in der Gewalt suchen. Und was der Staat dagegen tun kann.

Terrorismus, Islam, Persönlichkeitsstörung

Mitglied der "Sauerland-Gruppe": Daniel Schneider© Michael Probst/AP

Herr Schmidbauer, sind Terroristen wie die der "Sauerland-Gruppe" psychisch krank?

Zumindest haben sie in der Regel eine ausgeprägte Persönlichkeitsstörung. Man kann schon sagen, dass diese Menschen nicht normal sind. Und dafür sind verschiedene Einflüsse verantwortlich. Aus polizeilicher Sicht wird gerne auf die Einflüsse von außen verwiesen, auf religiöse Mentoren und Verführer, auf die bekannten "Hassprediger". Es wird leider viel zu wenig berücksichtigt, dass es dazu immer eine Vorgeschichte gibt. Die liegt meist in der Kindheit und Jugend dieser jungen Männer.

Sie haben sich mit verschiedenen Biografien von Selbstmordattentätern und radikalen Islamisten beschäftigt. Welche Gemeinsamkeiten gibt es?

Es sind allesamt Menschen, die tief gekränkt sind. Die immer das Gefühl haben, dass sie schlechter dran sind als andere. Es ist eine Störung des Selbstwertgefühls. Normale Menschen fühlen sich mit sich und ihrem Körper wohl, sie haben Beziehungen, können sich entspannen und ihr Leben genießen. Das können diese Menschen nicht. Die sehen nur die anderen, die das können, und fragen sich: Warum kann ich das nicht? Dann setzt eine rastlose Suche ein. Der Neid auf die anderen ist dabei ein wichtiger Antrieb. Was muss ich nur machen, dass es mir auch so gut geht wie den anderen? Das normale Leben erscheint ihnen dafür zu sinnlos und banal. Sie denken: Ich muss irgendwas Großes machen. Und wo findet man das Große? In der Sekte, in der Religion, in einem neuen Glauben.

Warum sind diese Menschen so frustriert?

Normalerweise hat das Kind das Gefühl, in einem beschützten Raum aufzuwachsen. Hier kann es seine eigenen heftigen Gefühle erleben und ausdrücken. Wenn es zuviel wird, kommt die Mutter, tröstet und vermittelt, dass alles in Ordnung ist. Wenn die Mutter selbst überlastet und gestresst ist, vielleicht in einer gespannten Ehe lebt, dann vermittelt sie dieses Gefühl eben nicht. Daraus kann eine Frühstörung enstehen. Die Kinder sind unruhig und können sich nicht entspannen. Sie sind hyperaktiv und ecken an. Sie kaspern in der Klasse rum und bekommen doch nicht die Aufmerksamkeit, nach der sie sich sehnen. Wenn jemand eine schlechte Selbstakzeptanz hat, will er eine besondere Anerkennung von seiner Umwelt. Wenn er die nicht kriegt, wird er aggressiv und verscherzt sich die Anerkennung damit noch mehr. Es ist ein Teufelskreis.

Ist alleine die Mutter schuld an so einer Entwicklung?

Nein, der Vater spielt auch eine wichtige Rolle. Als jemand, der Struktur in die Familie gibt. Der ein Vorbild dafür sein kann, sich nicht alles gefallen zu lassen. Wenn er aber schwach oder irgendwann gar nicht mehr da ist, fehlt das Vorbild von Männlichkeit. Also wird es woanders gesucht. Und Gewalt ist der eindeutigste Männlichkeitsbeweis.

Nicht jeder, der eine schwierige Kindheit hatte, wird später Terrorist.

Natürlich nicht. Es ist eine Tendenz zum Extremen, aber worin sie endet, ist völlig offen. Es kann auch sein, dass so ein junger Mann eine Frau trifft, die belastbar ist, ihn positiv bestätigt und ihn dazu bringt, normal zu funktionieren.

Wer entscheidet, wohin solch eine Biografie führt?

Da spielen zufällige Begegegnungen eine wesentliche Rolle. Die Tatsache, dass ein Mann wie Horst Mahler mal ein linker Terrorist war und jetzt ein Neonazi ist, zeigt, dass diese Störung, die immer nach dem Extremsten greift, nicht ideologisch gebunden ist. Die holt sich, was momentan Mode ist. Die enorme Aufwertung an Grausamkeit und Effektivät, die der islamistische Terrorismus durch den Anschlag auf die Twin Towers erfahren hat, wirkt auf manche junge Männer faszinierend. Sie wollen einfach so "toll" sein wie die Männer, die die Flugzeuge in die Türme gesteuert haben.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, warum Terrorakte Trost spenden.

Zur Person Wolfgang Schmidbauer, 67, ist einer der bekanntesten Psychoanalytiker Deutschlands und Autor von über 40 Sachbüchern und Romanen. In seinem jüngsten Buch (Psychologie des Terrors: Warum junge Männer zu Attentätern werden, Gütersloher Verlagshaus, 17,95 Euro) analysiert er die Biografien mehrere islamistischer Terroristen, unter anderem auch die der so genannten "Sauerland Bomber". Er zeigt außerdem auf, mit welchen Strategien es gelingen kann, die terroristische Gefahr zu senken oder sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Schmidbauer lebt in München und ist Vater von drei Töchtern.

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