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Neues von "Klein Adolf"

Gegen den Verfassungsschützer, der vor dem Mord an Halit Yozgat 2006 in dessen Internetcafe war, wird nicht mehr ermittelt. Die Anwälte der Familie sind empört - die Rolle des Beamten bleibt dubios.

Von Gerd Elendt und Kerstin Herrnkind

  Menschen trauern am Tatort um den 2006 von Mitgliedern einer Neonazi-Zelle getöteten Halit Yozgat

Menschen trauern am Tatort um den 2006 von Mitgliedern einer Neonazi-Zelle getöteten Halit Yozgat

Ein kleiner Flecken vor dem Kasseler Hauptfriedhof soll künftig Halit-Platz heißen. Ganz in der Nähe wurde im April 2006 Halit Yozgat von Killern der rechtsradikalen Zwickauer Terrorzelle in einem Internetcafe in der Holländischen Straße erschossen. Halit wurde nur 21 Jahre alt. Er ist das jüngste Opfer der Terrorgruppe, die sich selbst den Namen NSU, Nationalsozialistischer Untergrund, gab.

Halits Vater Ismail Yozgat hatte im Februar in Berlin auf dem Staatsakt für die NSU-Opfer gebeten, die Holländische Straße in Kassel nach seinem Sohn zu benennen. Sein Ansinnen stieß in Kassel nicht nur auf Gegenliebe. Eine sechsspurige Straße, die seit 200 Jahren ihren Namen trage, könne man nicht einfach so umbenennen, argumentierte die CDU im Rat.

Während in Kassel kontrovers über das Andenken für Halit Yozgat diskutiert wurde, sind die Akten, die nach dem Mord bei der Polizei in Kassel geführt wurden, zur Generalbundesanwaltschaft geschickt worden. Die Ermittler in Karlsruhe wollen alles noch einmal sichten und prüfen, ob sich neue Aspekte ergeben. Es ginge allerdings nicht darum, die Ermittlungen noch einmal aufzunehmen, betont ein Sprecher der Generalbundesanwaltschaft. Auch gegen Andreas T., den Beamten des Verfassungsschutzes, der nach eigenen Angaben zufällig im Internetcafé war, unmittelbar bevor die tödlichen Schüsse auf Halit Yozgat fielen, werde nicht mehr ermittelt.

Anwälte wollen den Mordfall wieder aufrollen

Die Anwälte der Familie Yozgat, Thomas Bliwier und Doris Dierbach aus Hamburg, wollen das nicht hinnehmen. „Es gibt einfach zu viele Merkwürdigkeiten in diesem Mordfall“, sagt Strafrechtler Bliewier. Die Anwälte wollen sämtliche Akten des Landesamtes für Verfassungsschutz sehen. "Wir werden alles dran setzen, dass die mysteriöse Rolle des Verfassungsschützers aufgearbeitet wird.” Tatsächlich erscheint die Rolle von Andreas T. weiterhin dubios.

Es ist kurz nach 17 Uhr, als Ismail Yozgat seinen Sohn am 6. April 2006 blutüberströmt neben dem Tresen seines Internetcafés findet. Der 21-jährige stirbt, tödlich getroffen von zwei Schüssen, kurz darauf in den Armen seines Vaters.

Nach dem Mord melden sich vier Zeugen bei der Polizei, die am Tatort gewesen sind. Der fünfte Zeuge wird erst gefunden, nachdem die Kripo seine Handynummer aus den Rechnerdaten des Cafés filtert: Es ist der Beamte Andreas T. Der ehemalige Postbote arbeitet seit zwölf Jahren beim hessischen Verfassungsschutz.

Andreas T. erinnerte sich nicht, am Tatort gewesen zu sein

Er habe zwar von dem Mord gelesen, gibt der Staatsdiener zu Protokoll. Doch er habe für sich rekonstruiert, dass er am Mordtag nicht im Internetcafé gewesen sei. Deshalb habe er auch keinen Grund gesehen, sich zu melden. Die Ermittler glauben nicht recht, dass ein professionell ausgebildeter Ermittler sich nur wenige Tage nach dem Mord nicht erinnern kann, am Tatort gewesen zu sein. Sie leiten ein Ermittlungsverfahren gegen Andreas T. ein. Der Verfassungsschützer steht fortan unter Mordverdacht.

Andreas T., der verheiratet und werdender Vater ist, chattet damals häufiger in Yozgats Café. Er surft oft im Single-Forum www.Ilove.de. So auch am Tattag, wie die Mordkommission rekonstruiert. Um 16.43 hatte sich der Verfassungsschützer laut Stempelkarte vom Dienst im Verfassungsschutz abgemeldet. Danach fuhr er zum Cafe. Die Ermittler rekonstruieren, dass Halit Yozgat zwischen 16.54 und kurz vor 17.03 Uhr erschossen wurde. Um 17.03 Uhr fanden ihn sein Vater und ein weiterer Kunde des Internetcafés blutüberströmt. Andreas T. hörte unmittelbar vorher - um 17.01 Uhr und 40 Sekunden - auf, im Netz zu surfen. Danach habe er 50 Cent auf den Tresen gelegt und sei gegangen, gab der Verfassungsschützer zu Protokoll. Halit Yozgat habe er nicht gesehen.

Kann Andreas T. den Schuss nicht gehört haben?

Das kommt den Ermittlern seltsam vor. Wenn Halit Yozgat zu diesem Zeitpunkt schon schwer verletzt am Boden lag, hätte der Verfassungsschützer ihn sehen müssen. Andreas T. ist ein Hüne von 1,90 Meter, der den Tresen um Längen überragt. Auch die Blutspritzer auf dem Tresen hätten ihm auffallen müssen.

Die anderen vier Zeugen, die zum Tatzeitpunkt in Kabinen mit dem Surfen oder Telefonieren beschäftigt waren, erinnern sich an Knallgeräusche, so als ob ein Stuhl umgefallen oder ein Luftballon geplatzt sei. Andreas T. dagegen gibt an, nichts gehört zu haben. Hat er den Tatort nur Sekunden vor der Tat verlassen? Eine Frage, die die Mordkommission 2006 nicht klären kann.

Doch es gibt noch mehr Ungereimtheiten. Im Auto des Verfassungsschützers stellten die Ermittler einen Parkschein sicher, der einen Tag nach dem Mord an einem Automaten in der Holländischen Straße gelöst worden ist. Andreas T. – so kombinieren sie - muss also am Tag nach dem Mord wieder in der Nähe des Internetcafés gewesen sein. Der Verfassungsschützer bestreitet das. Er habe zwar Urlaub gehabt, könne sich jedoch nicht daran erinnern, an diesem Tag auch nur in der Nähe des Tatorts gewesen zu sein. Für den Parkschein hat er keine Erklärung, spricht von einem Blackout. Vielleicht stamme der Parkschein aus einem anderen Jahr, sagt er.

Der Verfassungsschützer trifft die "Hells Angels"

Doch auch in den Tagen nach dem Mord verhält sich Andreas T. nicht so, wie man es von einem Staatsdiener erwarten würde. Als ihn eine Kollegin vier Tage nach dem Mord fragt, ob die Tat für den Verfassungsschutz relevant sei, verneint Andreas T. Er erwähnt nicht einmal, dass er das Internetcafé kennt. Nur Stunden später hat er einen Termin im Polizeipräsidium. Auch dort erwähnt ein Kollege den Mord an Halit Yozgat. Wieder schweigt Andreas T. Erzählt nicht, dass er das Internetcafé kennt.

Die weiteren Ermittlungen werfen ein ungünstiges Licht auf den Verfassungsschützer. Er pflegt privat lose Kontakte zu den Hells Angels, geht auf deren Partys. Die Rocker haben auch in Kassel den Ruf einer kriminellen Vereinigung. Deshalb werden private Kontakte zwischen Staatsdienern und den Rockern nicht gern gesehen. Schon der Anschein privater Verbindungen soll vermieden werden.

Andreas T. wird im Ort "Klein Adolf" genannt

Auf dem Dachboden des Verfassungsschützers finden die Ermittler viele Schriftstücke aus dem dritten Reich, darunter Auszüge aus Hitlers "Mein Kampf“, die mit der Schreibmaschine abgetippt wurden. Der Verfassungsschützer räumt ein, die Abschriften gefertigt zu haben. Er bestreitet allerdings, ein Rechtsradikaler zu sein. Die Abschriften, so sagt er, habe er als Teenager gefertigt. Wenn er damals in falsche Kreise geraten wäre, hätte er vielleicht mit dem rechten Spektrum sympathisiert.

Eine Aussage, die Fragen aufwirft. Verfassungsschützer müssen sich vor ihrer Einstellung einer Sicherheitsprüfung unterziehen. Dazu werden auch Erkundigungen im näheren Umfeld eingezogen. Nachdem der Mord an Halit Yozgat 2011 aufgeklärt ist, erzählen Nachbarn Journalisten, dass Andreas T. im Ort "Klein Adolf“ genannt würde. Journalisten finden auch Kollegen von Andreas T. die behaupten, seine rechte Gesinnung sei ihnen bekannt gewesen. Die Frage, wie dieser Mann – trotz Sicherheits-überprüfung - überhaupt Verfassungsschützer werden konnte, vermag die Behörde nicht zu beantworten.

Kein Alibi für sechs weitere Tatzeiten

Schon 2006 fragt sich die Mordkommission, ob Andreas T. möglicherweise auch an den Tatorten der anderen Morde in Nürnberg, München, Dortmund, Hamburg und Roststock war. Die Ermittler versuchen zu rekonstruieren, wo sich der Verfassungsschützer zu den Tatzeitpunkten aufgehalten hat. Fünfeinhalb Jahre nach dem ersten Mord ein schwieriges Unternehmen. Für den ersten Mord an Enver S. im September 2000 in Nürnberg hat Andreas T. ein Alibi. Die Kripo rekonstruiert, dass er an diesem Tag in Kassel war und zur Tatzeit von einem Automaten Geld abgehoben hat.

Für den zweiten Mord in Nürnberg, am 13. Juni 2001, den dritten Mord am 28.6.2001 in Hamburg, und für den vierten Mord in München am 29.8.2001, hat Andreas T. kein Alibi. Die Kripo rekonstruiert nur, dass er zu dieser Zeit ein Praktikum absolvierte und flexible Arbeitszeiten hatte. Für den fünften Mord in Rostock, den siebten Mord in München und den achten Mord in Dortmund, können ebenfalls keine Alibis festgestellt werden.

T. arbeitete in der islamistischen und rechtsextremen Szene

Die Mordkommission geht auch der Frage nach, ob Andreas T. möglicherweise aufgrund seiner Tätigkeit als Verfassungsschützer von einer Organisation als Werkzeug benutzt worden ist. Es ist eine Arbeitshypothese, die Beamten wollen nichts ausschließen. Deshalb versuchen sie, die Tätigkeit des Verfassungsschützers genauer auszuleuchten. Andreas T. arbeitet damals als "Quellenführer“, betreut sechs Vertrauensmänner – und zwar sowohl in der islamistischen als auch in der rechtsextremen Szene. Mehr darf Andreas T. den Ermittlern nicht erzählen.

Auch sein oberster Dienstherr, der damalige Innenminister Volker Bouffier (CDU), heute hessischer Ministerpräsident, hilft der Mordkommission nicht weiter. Anfang Oktober 2006 unterschreibt Bouffier einen Brief an die Staatsanwaltschaft Kassel und verbietet dem Verfassungsschützer, Näheres über seine V-Leute auszusagen. Aus Geheimhaltungsgründen. "Die erbetenen Aussagegenehmigungen hätten nicht erteilt werden können, ohne dass dem Wohl des Landes Hessen Nachteile bereitet und die Erfüllung öffentlicher Aufgaben erheblich erschwert worden wären“, verteidigt ein Sprecher die Entscheidung heute noch. Gleichwohl hätten die Verfassungsschützer ermittelt und die Erkenntnisse an die Polizei weitergegeben.

Telefonat mit rechtsextremem V-Mann am Mordtag

Inzwischen haben die Ermittler die Telefondaten der V-Leute überprüft, die Andreas T. seinerzeit führte. Das geht aus einem neuen Bericht der Staatsanwaltschaft Kassel an die Generalbundesanwaltschaft hervor. Am Tag als Halit Yozgat ermordet wurde, telefonierte Andreas T. mit einem rechtsradikalen V-Mann – und zwar um 16.11 Uhr, also kurz vor dem Mord. Für den 10. April – vier Tage nach der Tat – waren Andreas T. und sein rechter V-Mann zu einem Treffen verabredet. Darüber hinaus soll der Verfassungsschützer auch an exakt jenen Tagen mit seinem rechten V-Mann telefoniert haben, als in München Theodorus B. und in Nürnberg Ismail Y. ermordet wurden. Zufall?

Inzwischen interessiert sich auch der vom Bundestag eingesetzte NSU-Untersuchungsausschuss für den V-Mann aus der rechten Szene, den Andreas T. damals als "Quelle" führte. Ihre zentrale Frage: Hatte er Kontakte zur NSU?

Andreas T. soll nun noch einmal vernommen werden. Er soll jetzt auch eine Aussagegenehmigung bekommen. Doch nachdem das Verfahren gegen ihn 2007 eingestellt worden ist, muss er nichts mehr sagen. Dem Vernehmen nach soll der Verfassungsschützer nicht mehr im Dienst sein. Allerdings nicht aufgrund seiner offenkundig rechten Gesinnung, sondern aus gesundheitlichen Gründen.

Mitarbeit: Johannes Gunst

Von Gerd Elendt und Kerstin Herrnkind
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