Prozess gegen Benedikts Kammerdiener beginnt

24. September 2012, 10:58 Uhr

Für Papst Benedikts Ex-Kammerdiener wird es ernst: Der Hauptangeklagte in der spektakulären Enthüllungsaffäre "Vatileaks" muss sich vor Gericht verantworten. Kann Paolo Gabriele auf Milde hoffen?

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Der Kammerdiener von Papst Benedikt XVI., Paolo Gabriele muss sich wegen schweren Diebstahls vor Gericht verantworten.©

Ein Dieb am Schreibtisch von Benedikt XVI., unliebsame Veröffentlichungen geheimer Vatikan-Dokumente über Intrigen und Missstände, dazu wilde Spekulationen der Medien: Die Enthüllungsaffäre "Vatileaks" drohte in den vergangenen Monaten die festen Mauern des Heiligen Stuhls in Rom zu erschüttern. Vier Monate nach seiner Festnahme muss sich der Ex-Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, von diesem Samstag an vor dem Tribunal des Vatikans als Hauptangeklagter verantworten - in einem kleinen Gerichtssaal, von den erwartungsvollen Medien können nur wenige Journalisten direkt dabei sein.

Eigentlich hat das Oberhaupt der katholischen Weltkirche in diesen Tagen Besseres zu tun als auf diesen Prozess zu achten, dessen Hintergrund den Vatikan nach dem Missbrauchsskandal in eine erneute Krise stürzte. Eine wichtige Bischofssynode in Rom steht an, das von Benedikt ausgerufene "Jahr des Glaubens" beginnt, er ernennt Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin und hebt sieben bereits selige Gläubige in den Heiligenstand. Den vatikanischen "Augias"-Stall auszumisten, ist dem 85-Jährigen aber ein ganz dringendes Anliegen. Er berief dafür eigens eine Kardinalskommission ein.

Angeklagter bittet Papst um Vergebung

Anfang des Jahres setzte die Serie von Veröffentlichungen geheimer Dokumente ein, die Kungeleien an der Spitze der Kirche zu berichten schienen und den sonst so undurchdringlichen Vatikan damit zu einem gläsernen Palast machte. Da war etwa von einem angeblichen Mordkomplott gegen den Papst die Rede, vom Ränkeschmieden um den Posten eines künftigen Kirchenführers, von undurchsichtigen Geschäften der wiederholt in Verruf geratenen IOR-Bank des Vatikans. Unter den Namen, die immer wieder auftauchten, war der des umstrittenen Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone.

Der aufgeschreckte Vatikan setzte Ermittler ein, und im Mai nahmen diese mit Paolo Gabriele den Mann fest, der auf so vielen Fotos direkt neben Benedikt zu sehen ist. Schwerer Diebstahl wird ihm nun vorgeworfen, es drohen bei einer Verurteilung mehrere Jahre Gefängnis. Nach einer langen Untersuchungshaft in den Hausarrest entlassen, hat der italienische Familienvater mit den Ermittlern kooperiert, seine Tat bereut und den Papst um Vergebung gebeten.

Angeklagt ist neben ihm wegen Beihilfe ein Informatiker aus dem Staatssekretariat. Das Urteil über sie fällt später ein Richter-Trio mit dem Gerichtspräsidenten des Vatikans, Giuseppe Dalla Torre, an der Spitze. Gabriele habe sich als "Verbindungsmann des heiligen Geistes gegen das Böse und die Korruption" gesehen und die Kirche wieder auf den rechten Weg bringen wollen, war aus den Verhören kolportiert worden. Musste der Papst denn erst durch den Schock dieser unangenehmen Veröffentlichungen richtig informiert werden, wie Gabriele meinte? Seelische Probleme habe er, und dennoch gelte er als schuldfähig, hielt Radio Vatikan zum Ex-Kammerdiener fest.

Suche nach Hintermännern

Also folgt der Prozess, im Oktober erwartet, schon jetzt. Keine Audio- oder Videoaufzeichnungen, keine Übertragung in Bild und Ton, und nur eine begrenzte Zahl von Medienbeobachtern - so kanalisiert der Vatikan den Ansturm in die eher kleine Aula des Tribunals. Der Vatikan kann und will es sich nicht leisten, die Enthüllungsaffäre nicht aufzuklären. Der Papst könnte den Täter später aber jederzeit begnadigen. Hofft der 46-jährige Gabriele auf die päpstliche Milde?

Derweil spekulierten die Medien, dass dies wohl nur die Spitze des Eisberges sei, es noch mehrere Verdächtige aus Benedikts Umfeld und einen zweiten Prozess geben könnte. Papst-Sprecher Federico Lombardi hatte bereits klar gemacht, dass die Ermittlungen noch lange nicht abgeschlossen sind. Und der Buchautor Gianluigi Nuzzi, der geheime Dokumente veröffentlichte, sagte vor der Presse, der Kammerdiener sei "eine meiner Quellen" gewesen. Ist dieses Verfahren nur der Auftakt? Wird es also auch noch um Hintermänner gehen? Dann sähe alles noch mehr wie ein Verschwörungsroman im Stil von Dan Brown aus.

Hanns-Jochen Kaffsack, DPA
 
 
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