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11. Januar 2011, 11:30 Uhr

Bürgerkrieg der Worte

Die USA befinden sich im Bürgerkrieg. Es ist ein Krieg der Worte. Rechts gegen links - nach dem Anschlag auf Gabrielle Giffords geht es so scharf weiter wie zuvor. Von Innehalten keine Spur. Von Sophie Albers

Gabrielle Giffords, Jared Loughner, Rucson, Arizona, Barack Obama, Sarah Palin, Tea Party, Rush Limbaugh, Republikaner, Demokraten, Fadenkreuze, Clarence Dupnik

Trauernde sagen ihre Meinung auf der Wiese vor der Klinik, in der Giffords liegt© Shaun Tandon/AFP

In Amerika herrscht ein Bürgerkrieg der Worte - und es sieht ganz und gar nicht nach Waffenstillstand aus. Linke und Rechte attackieren sich gegenseitig. Von Innehalten nach dem Attentat von Arizona keine Spur. "Die Diskussion ist sehr heftig", warnt John C. Kornblum, Ex-US -Botschafter in Berlin im Gespräch mit stern.de. "Die Republikaner und die Rechten, die sich vielleicht ein bisschen schämen sollten, tun es nicht. Sie sagen, die Demokraten würden versuchen, sie schlecht zu machen. Ich persönlich meine, dass dieses aggressive politische Klima auch dazu führt, dass gerade schwache Menschen zu Gewalt verleitet werden können."

Der Anschlag auf die US-Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords, bei dem sechs Menschen erschossen und zwölf schwer verletzt wurden, hat den Graben, der das Land teilt, noch vertieft. Fett gesetzt verläuft die Linie zwischen Links und rechts, zwischen Barack Obama und Sarah Palin, zwischen Jon Stewart und Rush Limbaugh.

Im Fadenkreuz

Angefangen vom zuständigen Bezirkssheriff über Giffords Vater bis zu liberalen Zeitungskommentatoren: Sie alle suchen die Schuld bei der konservativen Tea-Party-Bewegung, den Fox News, bei rechten Radio-Moderatoren und Rechtsaußen-Republikanern, deren martialische Rhetorik "ein Klima des Hasses geschaffen" habe, wie es Paul Krugman, "New York Times"-Kommentator und Wirtschaftsnobelpreisträger formulierte.

Als Stellvertreter-Beispiel dient derzeit vor allem Tea-Party-Aushängeschild Sarah Palin, die ihre politischen Mitstreiter einst aufforderte, "nicht nachzugeben, sondern nachzuladen", und die anlässlich der letzten Kongresswahl auf einer USA-Karte bisher demokratisch regierte Wahlbezirke mit Fadenkreuzen versah. Sie sozusagen zum Abschuss freigab. Gabrielle Gifford hatte sich darüber beschwert. Die Seite wurde erst nach dem Attentat von Palins Netzauftritt entfernt. Palin, ohnehin für liberale Amerikaner eine Hassfigur, steht nun um so mehr im Fokus demokratischer Angriffe. So forderte Keith Olbermann, Moderator des liberalen Senders MSNBC, Palin müsse sich für die Aktion entschuldigen - oder sich aus der Politik verabschieden.

Worte, Waffen, Sarah Palin

Das Attentat von Tucson werde an den verhärteten Fronten nichts ändern, meint Kornblum: "Ich glaube nicht, dass es eskalieren wird, aber ich glaube auch nicht an die heilende Kraft einer Tragödie", so der Ex-Botschafter. "Die Leute werden nicht plötzlich aufwachen und sagen: Oh, so etwas Schlimmes ist passiert, wir müssen uns jetzt bessern. Das Ergebnis wird eher sein, dass beide Seiten sich in ihren Positionen eingraben." Man könne nur hoffen, dass es irgendwann nachlässt.

Davon geht Thomas Greven aus: "Wenn Sarah Palin wirklich Präsidentin werden will, wird sie merken, dass es so nicht geht", sagt der Amerika-Experte vom J.-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin. "Ich glaube, dass die Akzeptanz in der Mehrheitsbevölkerung für diese extreme Sprache und diese extremen Angriffe abnehmen werden wird." Auch er geht davon aus, dass das aggressive politische Klima mitverantwortlich ist für das Attentat. Auch wenn der Täter psychisch gestört sein sollte, könne man davon ausgehen, "dass er diese verbalen Ausfälle mitbekommen hat", so Greven.

Hinzu kämen die US-Waffengesetze. "In dieser Kombination ist das ein Sprengsatz, ein sogenannter accident waiting to happen, etwas, womit man die ganze Zeit rechnen musste." Prävention sei kaum möglich: "Die amerikanische Meinungsfreiheit geht sehr weit. Man muss schon eine sehr konkrete auf eine bestimmte Person bezogene Morddrohung aussprechen, um wirklich haftbar gemacht werden zu können. Deshalb stand es auch schon die ganze Zeit im Raum, dass jemand, der vielleicht nicht ganz gesund ist, eine Drohung in die Tat umsetzen würde." Nein, der Anschlag habe ihn nicht überrascht, so Greven.

"The Medium is the Message"

Kornblum sieht noch einen weiteren Auslöser auf dem Weg zur Katastrophe: "Neue Technologien und die neue Art von Medien haben das politische Klima beeinflusst, es schneller und aggressiver gemacht. Das ist wirklich ein philosophisches Problem. Jeder kann mittlerweile kommentieren. Mitte der 1960er hat der kanadische Gelehrte Marshall McLuhan gesagt: 'The medium is the message'. Auf die aktuelle Situation übertragen heißt das: Die politischen Inhalte werden zunehmend durch die Eigenschaften der Übertragungsform beeinflusst. Unser politisches Leben wurde nicht nur durch die politischen Konfrontationen vergiftet, sondern auch durch die neuen Medien, die neuen Möglichkeiten - von Twitter bis Facebook -, die dazu verführen, aggressiver zu werden. Das sieht nach einem Teufelskreis aus."

Welche Faktoren auch zu diesem Bürgerkrieg der Worte beigetragen haben mögen: Die Aussichten auf Frieden sind nicht besonders gut. "Das politische Klima in den USA macht krank", sagte eine US-Korrespondentin der konservativen französischen Zeitung "Le Figaro". Und während Präsident Obama versuchte, seine Nation zu trösten, indem er auf den Mut derer verwies, die in die Schusslinie gelaufen seien, um den Mörder zu stoppen und andere Menschen zu schützen, gab US-Blogger Thinkingblue einfach auf: "Wir sind eine Nation von Verlierern."

Von Sophie Albers
 
 
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