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"Wenn die Feinde Trumps kommen, werde ich bis zur letzten Kugel kämpfen"

Sie scheinen unbeirrbar. Und unbelehrbar. Die Anhänger Trumps werden von ihren Gegnern oft verhöhnt. Sie reagieren mit Militanz. Was bleibt, ist Sprachlosigkeit. Und Angst.

Susan und Wayne Byrdaus Danville, Virginia, hissen jeden Samstag für zwei Stunden die Südstaatenflagge, ein Symbol des rassistischen Amerikas: "Wir werden niemals zulassen, dass die Fahne eingeholt wird"

Susan und Wayne Byrdaus Danville, Virginia, hissen jeden Samstag für zwei Stunden die Südstaatenflagge, ein Symbol des rassistischen Amerikas: "Wir werden niemals zulassen, dass die Fahne eingeholt wird"

Die "Eule" liegt an der staubigen Hauptstraße von in New Mexico. Die fensterlose Bar in diesem Kaff ist berühmt für scharfe Chili-Burger. Am Tresen hockt ein Mann mit Trump-Kappe und fragt den fremden Gast: "Auch Trump gewählt?" Auf die Antwort "Nein" murmelt er "Asshole!" und setzt sich weg.

Das ist die Stimmung im Trumpland, dem Land der 35 Prozent Unbeirrbaren, die weiter fest an ihren Präsidenten glauben. Trotz allem. Oder gerade wegen allem. Die Wirtin der "Eule" sagt, in San Antonio hätte fast jeder der 500 Wähler für Trump gestimmt. Sie natürlich auch. Sie sagt, entweder Trump setze sich durch, oder es solle das ganze Land zum Teufel gehen. Kompromisse mit dem politischen Gegner hält sie für Verrat. Toleranz, sagt sie, sei Selbstmord. Trump oder Untergang.

Die Stahlfabriken waren schon in den 80er Jahren unprofitabel

Es ist das große Paradox des gegenwärtigen : Trumps Zustimmungsraten sinken weiter, zurzeit sehen fast zwei Drittel der Bürger ihr Land auf dem falschen Weg. Und doch hat noch kein Präsident sich so auf seine Anhänger verlassen können. So jubelten ihm Tausende vergangene Woche in Youngstown, Ohio, zu. Und er war in seinem Element.

"Ich habe vorhin die Ruinen dieser einst so gewaltigen Fabriken gesehen", rief Trump. Er pausierte kurz: "Die Jobs kommen wieder. Wir reißen die alten Fabriken ab und bauen neue. Das machen wir!"

Der Beifall war gewaltig. Dabei dürfte den meisten klar gewesen sein, dass keine glorreiche Zukunft haben wird. Die Stahlfabriken waren schon in den 80er-Jahren unprofitabel. Und das ist der zweite Teil des Paradoxes: Die leeren Versprechungen schaden Trump keinesfalls. Wie es ihm auch nicht schadet, dass gerade seine Gesundheitsreform zerpflückt wird oder Sohn und Schwiegersohn sich für dubiose Russland-Kontakte rechtfertigen müssen.

"Für Trump-Anhänger gibt es keinen Grund, sich von ihm abzuwenden – egal, wie wenig er tatsächlich zustande bringt", sagt Justin Gest, Professor für Staatswissenschaften an der George Mason University in Virginia. Gest erforschte gerade in Youngstown drei Monate lang die Trump-Anhänger: "Trump ist ihre Stimme. Wieder eine Stimme zu haben, nachdem sie lange niemand angehört hat, das gibt ihnen Macht."

Waffengesetze wollen nur Freiheitsräuber

Es geht im Trumpland nicht mehr um die Sache. Es geht um Misstrauen. Politik ist zu Schlagwörtern verkommen. Waffengesetze wollen nur Freiheitsräuber. Rechte für wollen Gottlose. Immigration soll die weiße Arbeiterklasse vernichten. Nicht wenige in Trumpland würden sagen, es geht um ihr Überleben.

CJ Grisham ist in Texas ein bekannter Mann. Er sitzt auf der Veranda seines Farmhauses – mit einem Sturmgewehr im Schoß. Fünf Katzen dösen auf einer Decke. Grisham war 2003 dabei, als US-Truppen den Palast von Saddam Hussein in Bagdad stürmten. 2013 gründete er die Gruppe Open Carry Texas (OCT), die sich für das offene Tragen von Waffen starkmacht. OCT zählt bereits mehr als 50.000 Mitglieder. Grisham ist ihr Held, und im Notfall wird er ihr Anführer sein.

Er bereitet sich auf den Krieg im eigenen Land vor. Er sagt: "Wenn die Feinde Trumps kommen, um meine Stadt niederzubrennen, werde ich bis zur letzten Kugel kämpfen." Ruhig spricht er und sehr kontrolliert, so, wie er es in der Armee gelernt hat.

Es sind nicht die Mörder vom "Islamischen Staat", die er fürchtet. Seine eigenen Landsleute jagen ihm Angst ein. Er sagt, er fühle sich bedroht, wenn in Phoenix Trump-Gegner mit geschulterten Gewehren zur Demo marschieren oder in Virginia ein Trump-Hasser auf Republikaner beim Baseball-Training schießt.

"Wenn die Munition aus ist, kann ich damit immer noch den Gegner erstechen"

Grisham geht hinüber zu seinem Auto und öffnet den Kofferraum. Darin liegen zwei halb automatische Gewehre, eine kugelsichere Weste, zig Patronenschachteln und ein Helm aus Kevlar. Er greift in einer ruhigen und geübten Bewegung nach dem geladenen Gewehr, entsichert es und feuert auf eine Scheibe, die hundert Meter weiter im Getreideacker steht. Die Katzen zucken nicht einmal, sie kennen das schon.

Grisham kann Ziele treffen, die mehr als einen Kilometer entfernt sind. Der Lauf seiner AR-15 ist am Ende rundum mit winzigen, messerscharfen Klingen besetzt: "Wenn die Munition aus ist, kann ich damit immer noch den Gegner erstechen."

So verrückt die Idee einer Privatarmee mitten in Amerika erscheint, der Ex-Militär Grisham führt nur aus, was viele Trump-Anhänger fühlen: Immer militanter müssen sie ihre Überzeugungen verteidigen, immer schärfer werden die Angriffe auf sie. Und auf alle, die nicht einstimmen in den Anti-Trump-Chor. Der "New York Times"-Kolumnist Nicholas Kristof rief die Demokraten auf, Trump-Anhänger nicht weiter zu verhöhnen. Noch nie ist er von seinen Lesern so beschimpft worden. "Diese Dämonisierung ist ein Geschenk für Trump", schreibt er. Und: "Trumps Verrücktheit ist ansteckend. Sie macht die Demokraten verrückt vor Wut."

Wohnen unter Gleichgesinnten

Beide Seiten verbarrikadieren sich. Liberale New Yorker fahren nicht mehr ins Trumpland Florida in Urlaub, Republikaner schauen nur noch die Pro-Trump-Talkshows von "Fox News". Freundschaft oder gar Liebe über Parteigräben hinweg wird seltener. In den konservativen Sechzigern fanden es lediglich fünf Prozent der Demokraten und Republikaner "verstörend", wenn ihre Kinder einen Partner aus dem anderen politischen Lager heiraten würden. Heute hätten laut einer Studie 33 Prozent der Demokraten und 40 Prozent der Republikaner damit ein Problem. Wenn früher Amerikaner den Wohnort wechselten, dann wegen eines besseren Jobs. Heute ziehen Leute um, weil sie unter politisch Gleichgesinnten leben wollen.

Hätte Jessi Bergkvist einen Pro-Hillary-Aufkleber am Auto, dann, so sagt sie, würden ihr viele keine Jobs mehr geben. Wer unter Trump-Wählern wohnt, ist besser selbst einer. Bergkvist sagt: "Sonst bist du draußen. Du könntest hier nicht leben."

Die Mutter von drei kleinen Kindern steht mit einem Becher Kaffee auf der Veranda. Sie sieht dann nicht die kaputten Plastikspielsachen im Hof, die Haufen aus alten Brettern, den Müll und die Hühner, die darin scharren. Sie sieht das wogende Grasland und den weiten Himmel, der hier in New Mexico fast immer blau ist.

Sie weiß, dass sie sich unter Donald Trump wahrscheinlich keine Krankenversicherung mehr leisten kann

Jessi Bergkvist ist groß, blond, schlank. Sie trägt ein Tanktop und eine abgewetzte Jeans. Eine Frau wie aus einer Werbebroschüre für Amerika, die sich für keinen Job zu schade ist. Sie kastriert junge Bullen, drückt ihnen Brandzeichen auf, putzt Wohnungen und repariert Autos. 10 bis 15 Dollar bekommt sie pro Stunde. Ihren Mann schmiss sie kürzlich raus. Ohne ihn gehe es ihr und den drei Kindern viel besser, sagt sie. Bergkvist muss im Monat 800 Dollar verdienen, dann kann sie die Hypothek für das alte Holzhaus bedienen, die Telefonrechnung bezahlen und die Versicherungen. Wenn sie morgens zur Arbeit fährt, nimmt sie ihre drei Kinder meist mit.

Bergkvist hat Trump gewählt. 70 Prozent in ihrem Bezirk stimmten für den Mann, der ihnen mehr Chancen im Leben versprochen hatte. Dass Trump mit seinen Firmen nebenbei Millionen verdient, hält Bergkvist für unwichtig. Ob die Russen Trump geholfen haben, ist ihr egal. Seit der Wahl habe sich für sie nicht viel verändert, sagt sie. Nur eine Sache sei anders und schlechter als vor Trump. Sie flüstert den Satz. "Politik ist so persönlich geworden."

Bergkvist soll beim wohlhabendsten Ranger der Gegend die Eisentore an der Zufahrt streichen. Sie findet den Reichtum anderer Leute bewundernswert, sie ist nicht neidisch. Sie weiß, dass sie sich unter Trump wahrscheinlich keine Krankenversicherung mehr leisten kann. "Dann muss ich eben noch mehr arbeiten." Hilfe vom Staat nennt sie "Almosen" – und die will sie auf keinen Fall.

In ihrem Amerika kämpft jeder für sich. Laut einer Umfrage sehen das fast zwei Drittel ihrer Landsleute genauso. Sie wollen nicht mehr sozial und nett sein. Kämpf oder stirb. So war es schon im Wilden Westen. Jessi Bergkvist wünscht sich, dass sie einen guten Mann findet. Reich müsse er nicht sein, aber er müsse Trump-Anhänger sein.

Aufsehen zum Polit-Star

Nach einem halben Jahr seiner Präsidentschaft haben Analysten drei Gründe herausgearbeitet, warum Trump-Wähler an ihrem Idol festhalten. Der politische: Es gibt für sie keine andere Wahl, kein anderer Politiker vertritt ihre Interessen so lautstark wie er. Auch heute nicht. Der soziologische: Trump steht seinen Mann. Dabei spielt es keine Rolle, dass er Milliardär ist oder ob seine Wahl von Russland beeinflusst wurde. Er kämpft auf ihrer Seite, weil er einer von ihnen ist.

Und schließlich der psychologische: Seine Fans bewundern Donald Trump. Er ist ein Star. Er ist, so glauben sie, die letzte Chance, die das alte Amerika noch hat. Und das hat nichts mit rationalen Argumenten zu tun, sondern mit Emotionen, mit Angst. Und vor allem mit Stolz, dem Stolz auf Arbeit, Kirche, Familie. Die sie allesamt unter Beschuss sahen. Bis Trump kam.

Arlie Russell Hochschild nennt dies die "deep story" , die tief sitzende, gemeinsame Wertestruktur der weißen Arbeiter- und unteren Mittelklasse. Hochschild gilt als Begründerin der Soziologie der Emotionen, die den Umgang der Menschen mit ihren Gefühlen zu erklären versucht. Sie verbrachte die vergangenen fünf Jahre unter konservativen Tea-Party-Anhängern und Trumpisten in Louisiana. "Fremd in ihrem Land" heißt ihr Buch über diese Zeit. Darin beschreibt sie, wie sich Konservative in Amerika vor der Trump-Wahl fühlten. Es wurde ein Bestseller.

"Ich habe ehrliche, tiefe Angst um Amerika."

Im Wohnzimmer ihres Hauses im kalifornischen Berkeley sitzt Hochschild in einem alten Lesesessel. Die 77-Jährige strahlt große Ruhe aus. Umso mehr rüttelt es auf, wenn sie sagt: "Ich habe ehrliche, tiefe Angst um Amerika."

Hochschild will die Sprachlosigkeit zwischen den politischen Lagern beenden. Denn wer nicht miteinander redet, beginnt, voreinander Angst zu haben. Sie entwickelte die Idee der Wohnzimmergespräche: Gegner und Fans von Trump – jeweils gleich viele – treffen in einem Haus aufeinander und das mindestens sechsmal. Und überall im Land. In Hochschilds Wohnzimmer saßen bereits Trump-Anhänger aus Louisiana Trump-Gegnern aus Kalifornien gegenüber. Hochschild sagt: "Alle waren freundlich, aber einfach war es nicht. Nur ein vorsichtiger Anfang."

Ob Gespräche reichen werden? Von Hochschilds Haus zum Uni-Campus in Berkeley sind es nur ein paar Gehminuten. Am späten Nachmittag tobt dort eine kleine Straßenschlacht. Mal wieder, die Gewalt ist keine Seltenheit. An der Universität – einst bekannt als "Hort der freien Rede" – versuchen linke Studenten seit Monaten, die Auftritte von Trump-Unterstützern zu verhindern. Es kommt zu Massenschlägereien, Brandsätze fliegen, Barrikaden brennen. Diesmal gehen zwei junge Männer mitten auf der Straße mit langen Stangen aufeinander los.

Beide haben die US-Flagge daran befestigt.

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