5. Oktober 2012, 21:59 Uhr

Türkei und Syrien liefern sich neues Gefecht

Es schien, als würde die syrisch-türkische Krise abflauen. Doch nun ist erneut eine Granate aus Syrien in der Türkei eingeschlagen. Kanzlerin Merkel spricht von einer "extrem ernsten Situation".

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Türkische Soldaten sichern in Akcakale die Grenze zu Syrien. Am Mittwoch waren hier eine Mutter und ihre vier Kinder von Granaten getötet worden.©

Im Grenzkonflikt zwischen der Türkei und Syrien herrscht wieder Hochspannung. Nach dem es kurzzeitig den Anschein hatte, Damaskus würde den Konflikt deeskalieren, schlug am Freitag erneut eine aus Syrien abgefeuerte Granate auf dem Gebiet der Türkei ein. Diese erwiderte daraufhin das Feuer. Der Vorfall ereignete sich in der Nähe des Dorfes Asagipulluyazi in der Provinz Hatay. Auf türkischer Seite gab es keine Verletzten, meldete die Nachrichtenagentur Anadolu.

Anwohner berichten über einen heftigen Knall. Sie gingen zunächst davon aus, dass es sich um einen Erdbeben handelt. In der Nähe spielende Kinder berichteten jedoch von einem Gegenstand, "der vom Himmel fiel". Die Granate explodierte in einem Olivenhain. Das nächste Haus befand sich nur 100 Meter entfernt.

Erst am Mittwoch waren im türkischen Akcakale nahe der syrischen Grenze eine Mutter und ihre vier Kinder von Granaten getötet worden. Wenige Stunden später beschoss die Türkei erstmals Ziele im Bürgerkriegsland Syrien. Bei den Gegenangriffen starben nach Informationen des arabischen Senders Al-Dschasira insgesamt 34 Menschen.

"Es ist eine extrem ernste Situation"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich besorgt wegen der anhaltenden Spannungen in der Region. Sie hoffe und denke, dass die Besonnenheit auch von Seiten der Türkei und der Nato so sei, dass es nicht zu einer Eskalation kommen werde, sagte Merkel beim Deutschlandtag der Jungen Union am Freitagabend in Rostock. "Es ist eine extrem ernste Situation", erklärte Merkel. Was sich in Syrien abspiele, sei eine grausame Auseinandersetzung, bei der sich zeige, wie schwierig es sei, die Weltgemeinschaft zu einem gemeinsamen Agieren zu bewegen.

Der UN-Sicherheitsrat erfülle seine Aufgabe nicht, da China und Russland weitergehende Forderungen blockierten, kritisierte die Kanzlerin. "Wir stoßen hier wirklich auf Widerstände, die mir zum Teil kaum verständlich sind."

"Wir sind nicht weit von einem Krieg entfernt"

Die Vorfälle an der syrisch-türkischen Grenze schüren Sorgen, dass sich der zum Bürgerkrieg gewordene Aufstand gegen Syriens Präsidenten Baschar al-Assad zum regionalen Flächenbrand entwickeln könnte. "Wir wollen keinen Krieg, aber wir sind nicht weit davon entfernt", hatte Regierungschef Tayyip Erdogan am Freitag vor dem erneuten Beschuss in einer kämpferischen Rede auf einer Massenkundgebung in Istanbul gesagt. Wer immer die Reaktionsfähigkeit und Entschlossenheit seines Landes testen wolle, begehe einen tödlichen Fehler.

Der türkische Fernsehsender NTV berichtete noch vor dem erneuten Angriff am Freitag, das syrische Regime habe seinen Truppen befohlen, ab sofort zehn Kilometer Abstand von der Grenze zur Türkei zu halten. Das Internetportal des Senders schrieb, diese Anordnung gelte sowohl für die Luftwaffe als auch für Artillerietruppen.

Damaskus weigerte sich auch zwei Tage nach dem ersten Granatenangriff, die Verantwortung für den Tod der fünf Zivilisten im Nachbarland zu übernehmen. Die Staatsmedien schwiegen sich zu dem Thema aus. Das Ergebnis der von der Regierung angekündigten Untersuchung zu dem Angriff wurde bislang nicht veröffentlicht.

Die syrische Regierung hatte der Türkei zwar kurz nach den Angriff ihr Beileid ausgesprochen. Ihr UN-Botschafter in New York, Baschar al-Dschafari, betonte aber, dies sei aus "Solidarität" mit der Familie der Getöteten geschehen. Es sei aber keine Entschuldigung.

"Wir wollen Waffen, keine politischen Erklärungen"

In Syrien setzt jetzt auch ein Großteil der ehemals friedlichen Protestbewegung ganz auf eine gewaltsame Lösung des Konflikts. In mehreren Provinzen demonstrierten Regimegegner nach dem Freitagsgebet unter dem Motto: "Wir wollen Waffen, keine politischen Erklärungen."

Demonstrationen gab es unter anderem in Idlib, in Al-Rakka, in kurdischen Bezirken der Provinz Aleppo und in mehreren Vororten der Hauptstadt Damaskus. In mehreren Provinzen wurde am Freitag gekämpft. Bis zum Abend zählten die Regimegegner 70 Tote, darunter 16 Soldaten.

Syrische Rebellen haben nach Angaben der Opposition im Großraum Damaskus einen Kampfhubschrauber abgeschossen. Das Schicksal der vier Besatzungsmitglieder sei unklar, berichtete die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London.

Der Vorsitzende des oppositionellen Syrischen Nationalrates (SNC), Abdelbaset Sieda, sagte vor der Presse in Istanbul, es sei schlimm, dass die Türkei, die viele Flüchtlinge aufgenommen habe, nun von den Truppen des syrischen Regimes beschossen worden sei.

mad/Reuters/DPA
 
 
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