"Vor Israel muss man Angst haben"

2. Juli 2011, 12:57 Uhr

Die Gaza-Hilfsflotte sollte längst aufbrechen - doch die Griechen verhindern den Start. "Eine Schande", meint Erfolgsautor und Gaza-Aktivist Henning Mankell im stern.de-Interview.

© Francois Guillot/AFP Henning Mankell ... ... ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Welt. Am bekanntesten ist sein Kommissar Wallander. Der 63-Jährige kritisiert die israelische Politik seit Jahren scharf, die Gaza-Flotte hatte er bereits 2010 begleitet. Mankell lebt in Schweden und Mosambik.

Herr Mankell, angeblich wurde eines der Schiffe der Gaza-Hilfsflottille sabotiert - was wissen Sie darüber?

Taucher haben eine Schiffsschraube angesägt. In diesem Zustand wäre es dem Boot zwar möglich gewesen, den Hafen zu verlassen, auf hoher See aber hätte es ernsthaft in Gefahr geraten können.

Wissen Sie, wer dahinter steckt?

Nein. Aber wer würde schon von so einer Aktion profitieren?

Die Israelis?

Wir beschuldigen niemand, wir können nur fragen, wer ein Interesse daran hat, die Flottille zu sabotieren.

Es heißt, die griechische Regierung sei unter Druck gesetzt worden, die Abfahrt des Konvois zu verzögern.

Offenbar versuchen die Israelis dieses Jahr die Flottille daran zu hindern, überhaupt erst in See zu stechen. Nicht nur die griechische Regierung wurde unter Druck gesetzt, auch die französische. Die jüngsten Nachrichten sind die, dass die griechische Regierung den Schiffen die Abfahrt verbieten will. Das heißt, Israel hat es also geschafft, die illegale Blockade von Gaza an die Griechen outzusourcen. Eine Schande. Wir müssen jetzt andere Formen des Protestes finden. Am Ende wird die Menschlichkeit siegen, nicht der israelisch-amerikanische Gebrauch von Militär und Drohungen. Aber das wird Zeit brauchen.

Der letzte Versuch, die Seeblockade zu durchbrechen, endete in einer Katastrophe: Es gab neun Tote, Dutzende von Verletzten, viele Aktivisten wurden festgenommen. Befürchten Sie, dass die Lage dieses Jahr wieder eskalieren wird?

Wenn man die Möglichkeiten rational betrachtet, würde ich sagen: Die Israelis wären verrückt, wenn sie die gleichen Fehler wiederholen würden. Politisch betrachtet haben sie sich letztes Jahr mit ihrem überharten Vorgehen ins eigene Knie geschossen. Wenn dieses Jahr etwas Vergleichbares passieren würde, käme das einem Schuss in den eigenen Kopf gleich. Deswegen versucht die Regierung nun alles zu unternehmen, um den Konvoi am Ablegen zu hindern. Letztlich hoffe ich einfach, dass sie dieses Mal etwas besonnener zu Werke gehen.

Haben Sie Angst?

Wenn man weiß, zu was die Israelis fähig sind, muss man wohl Angst haben. Israel nennt sich eine Demokratie, doch hinter dieser Fassade verbirgt sich ein brutales Regime, ja beinahe schon eine Militärdiktatur. Ich sage allen: Gehen sie nach Hebron und schauen sie sich an, wie man dort mit den Palästinensern umgeht. Es erinnert mich an das Apartheidsregime in Südafrika.

Das wurde allerdings nicht mit Hilfsflottillen beseitigt.

Nein, aber es geht auch nicht so sehr um Zementlieferungen oder Lebensmittel. Zu Essen haben die Menschen genug. Es darum, den Palästinensern zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Desmond Tutu hat mir mal erzählt, wie wichtig es für die schwarzen Südafrikaner damals war, nicht in Vergessenheit zu geraten.

Aber das ist es doch, was die Israelis an der Flottille kritisieren: Dass die falschen Aktivisten ihre Solidarität mit den Palästinensern zeigen: Extremisten und Terroristen.

Persönlich habe ich letztes Jahr keine von diesen Leuten getroffen. Wenn irgendjemand bei uns mit einer Waffe an Bord erwischt wird, fliegt der sofort runter. Etwas anderes ist es natürlich, was die israelische Seite unter "Waffen" versteht: Ich hatte einen Rasierer dabei und ein Soldat meinte, die Klinge sei eindeutig eine Waffe. Das war natürlich lächerlich.

Ist es angesichts der Raketenangriffe aus dem Gazastreifen auf Städte wie Sderot oder Aschkelon nicht auch verständlich, dass die Israelis sehr vorsichtig sind und alles versuchen, den Terror zu unterbinden?

Natürlich. Ich war und bin sehr kritisch gegenüber der Hamas und weit davon entfernt, Sympathien für sie zu hegen. Trotzdem muss man mit ihr sprechen. Immer und immer wieder. Der Hamas gehören ja nicht nur Leute an, die Israel ernsthaft zerstören wollen. Es gibt auch diejenigen, die sehr am Dialog mit Israel interessiert sind. Leute, mit denen man sich an einen Tisch setzen muss, genauso wie es die Amerikaner jetzt mit den Taliban tun. Wenn man nicht mehr an den Dialog glaubt, hat man schon verloren.

Wenn die Gazaflottille eine humanitäre Aktion sein soll, warum werden die Hilfsgüter dann nicht an die Israelis übergeben, damit sie sie nach Gaza bringen?

Weil wir damit die Rechtmäßigkeit der Blockade des Gazastreifens akzeptieren würden. Aber wir wollen nicht, dass Israel die gesamte Bevölkerung des Palästinensergebiets in Geiselhaft nimmt und sie wie in einem gigantischen Flüchtlingslager hält. Diese Blockade ist illegal.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was Israel laut Mankell mit dem südafrikanischen Apartheidssystem verbindet und warum sich der Autor nicht von der Hamas einladen lassen würde

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