Joe Biden ist Obamas Allzweckwaffe im Wahlkampf. Der Vizekandidat der Demokraten ist der Mann fürs Grobe, der McCain attackieren soll. Mit Charme und seiner Erfahrung soll er weiße Wähler für Obama gewinnen. In Denver zeigte Biden schon mal, wie er mit Frauen umgeht. Von Katja Gloger, Denver

Ein Kämpfer an Obamas Seite: Der Vizepräsidentschaftskandidat der Demokraten, Joe Biden, bei seiner Rede auf dem Parteitag© AFP
Und er war mal wieder ganz Gentleman. Begrüßte einige der anwesenden Damen mit knapper Verbeugung, hauchte ein paar Küsschen auf gerötete Wangen und strahlte wie aus einer Zahnpastareklame. Dienstagmorgen, ein Veranstaltungszentrum in Denver, Michelle Obama hatte zu einer Diskussion über die Sorgen und Probleme werktätiger Frauen geladen. Es war einer der ersten Auftritte von Joseph Robinette Biden, 65, genannt Joe, in seiner Eigenschaft als Vizepräsidentschaftskandidat.
Nur ein paar hundert Zuhörer, die PR-Strategen nennen dies ein "kleines Format" - ein Heimspiel für Joe Biden, den redseligen Senator aus Delaware. An diesem Morgen konnte er sich als Frauenversteher präsentieren, und er tat es, wie immer, mit Witzeleien und einem ordentlichen Schuss Übertreibungen. Witzelte über seine eigenen Krankheiten, schließlich wäre er gleich zweimal beinahe an Gehirnblutung gestorben: "Ich hatte Glück, schließlich bin ich Senator", plauderte er launig. "Und welcher Arzt will schon, dass ihm ein Senator auf dem OP-Tisch wegstirbt?" Schäkerte über sein Alter: "Ich mag zwar der fünftälteste Senator im US-Kongress sein, aber es gibt immer noch 44, die älter sind als ich."
Dann erzählte er ein bisschen von den "starken Frauen" in seinem Leben, von seiner Frau Jill, einer Englischlehrerin und seiner Tochter Ashley, die "mich jeden Tag fragt, ob ich auch genug Wasser getrunken habe". Er schwärmte, als ob er es wirklich ernst meine, dass Michelle Obamas Auftritt auf dem Parteitag die "eindrucksvollste Rede gewesen sei, die ich in meinem Leben gehört habe." Er säuselte von den Frauen in seinem Land, die jeden Tag neue "Schlachten" schlagen müssen und seine "Heldinnen" sind - und dazu schaute er mal traurig wie ein Teenager mit Liebeskummer und knipste dann wieder sein Zahnpastalächeln an, und am liebsten hätte man seinen charmanten Übertreibungen noch stundenlang zugehört.
Joe Biden ist ein großer Kommunikator. Schon mehrmals wollte er Präsident der Vereinigten Staaten werden, zuletzt versuchte er es gegen Barack Obama. Er mag eine große Klappe haben, er mag eitel sein und gefürchtet für seine endlosen Reden, aber irgendwie mag ihn jeder. Und man nimmt ihm sogar die Tränen ab, wenn er seinen Mitarbeitern für ihre Unterstützung dankt.
Er mag Ralph Lauren Anzüge tragen und kahle Stellen mit Haarverpflanzungen verdecken, wie es in Washingtons Klatschküche heißt - Joe Biden hat es immer verstanden, sich als "regular guy" zu verkaufen, als ganz normaler Junge von nebenan. Und irgendwie ist er es ja auch geblieben: Irischer Abstammung, aus dem stramm katholischen Scranton, einer kleinen Stadt in den alten Kohlegebieten des Bundesstaates Pennsylvania, dort, wo die Menschen einem wie Barack Obama immer noch mit Misstrauen begegnen. Es sind die wichtigen "blue collar worker", die Arbeiter, deren Stimmen Obama braucht. Einem wie Biden kann man vertrauen. Denn "Joe" ist einer, der sagt, was ihm in den Kopf kommt, auch, wenn er weiß, dass es ihm eine Menge Ärger bringen kann. Einmal behauptete er dreist, dass während eines Besuches in Bagdad auf ihn geschossen worden sei. Und als er noch gegen Obama kämpfte, nannte er ihn einmal "einen Schwarzen, der sich gut ausdrücken kann, intelligent und sauber ist".
Seit 36 Jahren ist er nun Senator, er leitete den wichtigen Rechtsausschuss, jetzt steht er dem einflussreichen außenpolitischen Ausschuss vor. Wenn der morgens früh um neun zu einer Sitzung zusammentritt, kann man ziemlich sicher sein, dass der Senator aus Delaware zu spät kommt. Der Zug habe Verspätung gehabt, sagt er dann - jedes Mal. Der Zug, mit dem er immer noch jeden Abend 160 Kilometer nach Hause fährt, zu seiner zweiten Frau Jill und ihrer gemeinsamen Tochter Ashley. Und jeden Morgen um 7.35 Uhr mit dem Amtrak 2013 zurück nach Washington.
Das tägliche Eisenbahnritual ist ein wunderbares Detail in der Imagekampagne, mit der Biden jetzt dem Wahlvolk vorgestellt wird: einer, der Washington jeden Tag verlässt, um zu seiner Familie zu fahren. Einer, der den Kontakt zum Volk sucht. Und wirklich: manchmal lud Biden den ganzen Waggon auf einen Pappbecher Kaffee ein. Er redet mit jedem, er redet über Alles, über Familie und Politik und über Sport, und manchmal, weiß die Washington Post, lud er die gesamte Zugbesatzung zur Grillparty nach Hause ein.
Und er ist ein Vollblutpolitiker. Er verkörpert die außenpolitische Kompetenz, die Obama fehlt. Weit gereist, erfahren, einer der großen Strippenzieher in Washington. Und er liebt den politischen Nahkampf.