In der Welt ist Obama Everybody's Darling. Doch in den USA schlägt dem Präsident teilweise blanker Hass entgegen. Gefördert von der konservativen Rechten entlädt sich die Wut der weißen Unterschicht. Von Felix Disselhoff

Blanker Hass entlädt sich: Demonstranten vergleichen Obama mit Hitler© Danny Moloshok/Reuters
"Obama lies, Grandma dies", "Obama lügt, Oma stirbt", trägt ein kleines Mädchen auf einem Plakat vor sich her. Wie ihre Eltern demonstriert sie gegen die von US-Präsident Barack Obama angestrebte milliardenschwere Gesundheitsreform. Die eigens zum Protest angereiste Diane Campbell hält ein Poster hoch, das Obama in Nazi-Uniform zeigt. "Adolf Hitler war für die Vernichtung der Schwachen. Das ist es, was hier passieren wird", sagt die Amerikanerin. Beide demonstrieren vor einem Town Hall Meeting in Portsmouth im US-Bundesstaat New Hampshire, während der amtierende Präsident im Innern um Sachlichkeit bemüht ist.
Was seit einigen Wochen in den USA schwelt, ist keine Opposition im klassischen Sinn. "Die treibende Kraft hinter dem Mob bei den Bürgersprechstunden speist sich aus derselben kulturellen und ethnischen Angst, die hinter der 'Birther'-Bewegung steht, die Obamas Staatsbürgerschaft abstreitet," schreibt Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman in seiner Kolumne. Schon Richard Nixon habe verstanden die "rassischen Ängste der weißen Arbeiter" politisch zu nutzen. Etwas überspitzt zusammengefasst, sei Obama für diese Leute ein "in Kenia geborener Nazi-Muslim, der Senioren euthanasieren und in Konzentrationslager stecken will", so Krugman.
Während des Town Hall Meetings in New Hampshire fühlte Obama sich dann tatsächlich genötigt zu versichern, dass er nicht dafür sei, "bei Oma den Stecker zu ziehen" und seine Regierung auch keine schwarze Liste mit Gegnern der Gesundheitsreform führe. Kein überzeugender Auftritt: Das Weiße Haus hat die Kontrolle über die Diskussion zur Gesundheitsreform verloren.
Bei den Störern handelt es sich fast ausschließlich um weiße Amerikaner mit geringem Einkommen und Bildung, die in erschreckendem Maße Gewaltbereitschaft signalisieren. Zuletzt trugen mehrere Männer vor einem Kongresszentrum in Phoenix im Bundesstaat Arizona, in dem US-Präsident Barack Obama eine Rede hielt, Gewehre und Pistolen mit sich herum. Einer der Männer hatte den Berichten zufolge ein M4-Sturmgewehr über der Schulter. Er trage die Waffe lediglich, weil er das dürfe. "In Arizona habe ich noch Freiheiten", sagte der Mann. Fred Solop, Politikwissenschaftler an der Northern Arizona University befürchtet indes, dass die jüngsten Waffenvorfälle Beginn eines verstörenden Trends sein könnten: "So etwas verschreckt Menschen zunehmend. So etwas hat eine abschreckende Wirkung für die Fähigkeit unserer Gesellschaft, ehrlich miteinander zu kommunizieren." Die National Rifle Association wollte die Ereignisse nicht kommentieren.
Andere Demonstranten brüllen Parolen wie "Ich will mein Amerika zurück" oder bezeichnen Obama als Sozialist. Porträts des schwarzen Präsidenten mit Hitler-Bärtchen sind ebenso zu sehen wie Vergleiche mit dem iranischen Präsident Mahmud Ahmedinedschad. Trauriger Höhepunkt der wirren Proteste: ein Hakenkreuz am Büro eines schwarzen Abgeordneten aus Georgia.