Nato geht offenbar von 125 Toten aus

6. September 2009, 11:29 Uhr

Verteidigungsminister Jung in Bedrängnis: Die Nato rechnet nach dem Luftschlag nahe Kundus inzwischen mit rund 125 Toten - weitaus mehr, als bislang von der Bundeswehr zugegeben.

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Bundeswehr und afghanische Sicherheitskräfte untersuchen die Stätte des tödlichen Luftangriffs. Die Nato geht mittlerweile von 125 Toten aus©

Bei dem von der Bundeswehr angeforderten Luftangriff auf zwei gekaperte Tanklastwagen in Nordafghanistan sind nach ersten Erkenntnissen eines Nato-Untersuchungsteams etwa 125 Menschen ums Leben gekommen. Das wären weit mehr als die von der Bundeswehr genannten 56 Toten. Mindestens zwei Dutzend der Opfer seien nach Einschätzung des Nato-Teams keine Taliban gewesen, berichtete die "Washington Post" am Sonntag. Auch diese Darstellung widerspricht den Angaben der Bundeswehr, die weiterhin davon spricht, dass es keine zivilen Opfer gegeben habe.

Nur ein Informant als Informatinsquelle?

Wie die "Washington Post" weiter berichtete, fiel die Entscheidung der Bundeswehr, den Luftschlag anzuordnen, zum großen Teil aufgrund der Einschätzung eines einzigen Informanten. Auf Luftaufklärungsbildern seien etwa 100 Menschen rund um die entführten Tanklaster zu sehen gewesen, berichtete die Zeitung. Ein Informant habe der Bundeswehr dann berichtet, es handle sich dabei ausschließlich um Aufständische. Daraufhin sei der Befehl zum Angriff erteilt worden und je eine 500-Pfund-Bombe sei auf die Tanklaster abgeworfen worden.

Dieses Vorgehen würde die Direktive des neuen obersten Nato-Kommandeurs in Afghanistan, US-General Stanley McChrystal, verletzten, die darauf abzielt, zivile Opfer zu vermeiden. Demnach darf die Nato keine Wohngebäude bombardieren, wenn sie nur eine Informationsquelle hat. Zudem müssen die Truppen die Situation genau beobachten, um sicherzustellen, dass keine Zivilisten in der Nähe sind. Auch wenn diese Order bisher nicht für Luftangriffe außerhalb von Wohngebieten gelte, so wolle der neue Isaf-Kommandeur diese Standards für alle Luftangriffe durchsetzen. Einzige Ausnahme sei eine unmittelbare Gefahr für die eigenen Truppen.

Ein hoher Bundeswehroffizier in Kundus wies die Darstellung der "Washington Post" inzwischen zurück. Es habe mehrere Quellen gegeben, sagte der Offizier.

Spekulationen über Kommunikationsprobleme

Inzwischen wird untersucht, inwieweit bei dem tödlichen Luftschlag Kommunikationsprobleme zwischen Bundeswehrsoldaten und den US-Streitkräften eine Rolle gespielt haben könnten. Die geplante Untersuchung der Militäraktion müsse auch der Frage möglicher Sprachbarrieren zwischen den deutschen Kommandeuren in Kundus und den amerikanischen Piloten der eingesetzten Flugzeuge nachgehen, sagte US-Konteradmiral Gregory Smith, der Sprecher von Nato-Kommandeur Stanley McChrystal. Es sei noch nicht entschieden, welche Nation die Untersuchung leiten solle. Geplant sei auch die Mitwirkung afghanischer Behördenvertreter.

Nach der Anforderung von Luftunterstützung durch die Bundeswehr traf nach Angaben der Nato zuerst ein amerikanischer B-1-Bomber ein, dessen Besatzung die beiden entführten Tanklastwagen und Dutzende Personen in deren Umgebung sah. Die B-1 musste wegen Treibstoffmangels zu ihrem Stützpunkt zurückkehren. Etwa 20 Minuten später trafen zwei US-Kampfflugzeuge des Typs F-15E ein, deren Besatzung Videoaufnahmen zum deutschen Stützpunkt funkte. Etwa eine halbe Stunde nach der Ankunft der beiden F-15-Maschinen wurden dann Bomben auf die Tanklastzüge geworfen. Die Nachtaufnahmen seien von geringer Qualität gewesen, sagte Smith. "Man kann nur Schatten sehen."

Jung stellt sich hinter deutschen Kommandeur

Franz Josef Jung (CDU) hat unterdessen die internationale Kritik an der Bundeswehr wegen des Luftangriffs erneut zurückgewiesen. Der "Bild am Sonntag" sagte Jung: "Überhaupt kein Verständnis habe ich für jene Stimmen, die ohne Kenntnis der Sachlage und der Hintergründe bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt Kritik an dem militärischen Vorgehen üben. Dies wird nicht den schwierigen Situationen gerecht, in denen unsere Soldaten im Einsatz für die Stabilität in Afghanistan und damit im Interesse unserer Sicherheit in Deutschland Leib und Leben riskieren."

Jung stellte sich hinter den Kommandeur in Kundus. "Durch sehr detaillierte Aufklärung über mehrere Stunden durch unsere Kräfte hatten wir klare Hinweise darauf, dass die Taliban beide Tanklastzüge circa sechs Kilometer von unserem Lager entfernt in ihre Gewalt gebracht haben, um einen Anschlag auf den Stützpunkt unserer Soldaten in Kunduz zu verüben. Wäre ihnen das gelungen, hätte es einen Anschlag mit entsetzlichen Folgen für unsere Soldaten gegeben. Deshalb halte ich die Entscheidung des deutschen Kommandeurs vor Ort für richtig", sagte Jung der "Bild am Sonntag".

Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder unterdessen ein Ende des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan binnen fünf Jahren ins Gespräch gebracht. Im Jahre 2015 müsse das internationale Engagement beendet sein, erklärte Schröder am Samstag nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Zeitungen bei einer Rede in Lübbecke. Der afghanischn Präsident müsse die klare Botschaft erhalten, dass sein Land ab einem bestimmten Datum selbst für die Sicherheit sorgen müsse, sagte Schröder laut den Berichten weiter.

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