Er ist der älteste Sohn des Pastors und Bürgerrechtlers, der für seinen Kampf um die Gleichberechtigung der Schwarzen vor 40 Jahren ermordet wurde. Für Martin Luther King III. spielt Hautfarbe auch heute noch eine große Rolle im Leben Amerikas. Auch bei den Wahlen im November.

Er setzt die Arbeit seines Vaters fort und kümmert sich vor allem um Arme in Amerika: Martin Luther King III.© Dan Kitwood/Getty Images
Vielen Dank.
Ich bin mir sicher, dass er vom Himmel mit einem Strahlen auf uns blickt. Ich stelle mir vor, wie er heute wohl wäre - als weißhaariger Großvater, fast 80 Jahre alt.
Sehr stolz. Sehr liebevoll. Er war ein wunderbarer Vater in den wenigen Jahren, die wir mit ihm hatten.
Ja, als wäre es gestern. Meine Geschwister und ich schauten Fernsehen zu Hause in Atlanta, als die Meldung eintraf: Auf Dr. Martin Luther King Junior wurde geschossen. Wir rannten zu unserer Mutter ins Schlafzimmer. Mutter setzte sich zu uns ans Bett und sagte, Daddy sei nun bei Gott, eines Tages würden wir ihn wiedersehen.
Nein, für uns war er nur Daddy. Aber dann besuchten uns alle: Richard Nixon, Bobby Kennedy, Jackie Kennedy, Bill Cosby, Marlon Brando, Aretha Franklin. Da begriff ich: Mein Vater muss ein sehr wichtiger Mann gewesen sein.
Ja, und das ist eine ungeheure Herausforderung. Er war eine alles überragende Persönlichkeit. Meine Mutter erzog uns nach der Devise: "Du musst nicht wie Vater sein. Du musst die Bürgerrechtsbewegung nicht anführen. Sei einfach der beste Martin, der du sein kannst." Ich versuche heute, mit meiner Arbeit seinen Traum von einer gerechten Welt zu verwirklichen.
Er wäre sehr enttäuscht von Amerika. Enttäuscht, dass eine Nation, die so viel zu bieten hat, sich in einem solch traurigen, ja tragischen Zustand befindet. Mein Vater sprach immer davon, die drei großen Übel zu überwinden: Armut, Militarismus, Rassismus. Schauen Sie, wo wir heute stehen.

"Ich habe einen Traum." Martin Luther King bei seiner berühmtesten Rede im August 1963 vor dem Lincoln Memorial in Washington© AP
Die Armut hat zugenommen. Zu seiner Zeit lebten 22 Millionen Amerikaner in Armut, heute sind es 37 Millionen. Ich war gerade auf einer Tour zu 20 sozialen Brennpunkten, in Miami, Detroit, East St. Louis, Oakland. Überall das gleiche Bild: schlechte Schulen, keine Krankenversicherung, keine Jobs, hohe Kriminalität. Ein Teufelskreis. Irgendwann bricht eine Revolte aus.
Ja, ich weiß nicht, wie nah wir davorstehen, aber die Lebensmittelpreise steigen, die Gallone Benzin kostet vier Dollar und könnte auf sechs Dollar steigen, die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Hätten wir nur die Hälfte der Irak-Kriegskosten in unser eigenes Land investiert, hätten wir Amerika fit machen können fürs 21. Jahrhundert. Unter Bush hat der Militarismus seinen Höhepunkt erreicht. Seine Haltung ist: Wir haben die größte Knarre von allen - und das zeigen wir auch. Auge um Auge, Zahn um Zahn, bis alle Zähne draußen sind.
Wir haben große Fortschritte gemacht, aber noch einen weiten Weg vor uns. In New York wurden gerade drei Polizisten freigesprochen, die einen Schwarzen mit 50 Schüssen niedergestreckt hatten. Hier in Atlanta wurde eine 80 Jahre alte schwarze Frau während einer Drogenrazzia erschossen, von 30 Kugeln durchsiebt. In Philadelphia haben Polizisten vor wenigen Wochen Afroamerikaner aus einem Auto gezerrt und misshandelt. In weißen Gegenden passiert so was nicht.
Ein Schwarzer im Weißen Haus ist nicht die Erfüllung seines Traums. Vielleicht ein Teil davon. Sein Traum wird erst wahr, wenn alle Amerikaner eine Krankenversicherung haben, alle den gleichen Zugang zu guten Schulen, zu Jobs, zu bezahlbaren Wohnungen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 25/2008