Kaum ein Regime verschließt sich derart wie Nordkorea. Dem Fotografen Gary Knight, der eine Woche lang als Tourist durchs Land gereist war, gelang es, heimlich Bilder von einem isolierten Land zu machen. Ein Tagebuch.

Nordkoreas "Gütiger Führer" Kim Jong Il: Haben die Roten Khmer das nicht auch schon probiert?© AFP
Die nordkoreanischen Schaffner halten das Ganze für einen Irrtum und wollen mich nicht in den Zug lassen. Erst nachdem ich ihnen meinen Pass und mein Visum gezeigt habe, lassen sie mich widerwillig einsteigen. Dann führen sie mich auch noch an den falschen Platz - jedenfalls ist er schon besetzt. Das Vierbettabteil muss also für die nächsten 26 Stunden fünf Personen beherbergen.
Um Punkt 17:25 Uhr verlässt der Zug den Hauptbahnhof von Peking. Nur die letzten beiden Wagen - die ältesten von allen - fahren nach Nordkorea. Mit mir sind es etwa 50 Passagiere, bis auf zwei Frauen allesamt männlich und zwischen 30 und 40 Jahre alt. Alle außer mir haben einen kleinen emaillierten Anstecker mit dem Bild von Kim Il Sung am Revers, dem Großen Vordenker, dem Großen Führer. In ihren taubenblauen Hemden und sorgfältig gebügelten schwarzen Anzügen sehen sie aus wie aus dem Ei gepellt.
Während die Sonne untergeht und wir nordwärts rollen, beobachte ich, wie aneinandergekettete chinesische Sträflinge die Gleise reparieren. Meine Mitreisenden rasieren sich und räumen das Abteil auf. Sie sind sehr diszipliniert. Während China vorbeirauscht, sortieren sie ihre Urlaubsfotos, Andenken und Mitbringsel - ein buntes Sortiment an farbenfrohen Plastikbügeln, Regenschirmen, Notizbüchern und Krawatten. Im ganzen Zug stinkt es nach Urin und Kimchi. Kisten voller reifer Früchte - Grapefruits und Bananen - stapeln sich bis an die Decke und in den letzten Winkel.
Wir halten in Dan Dung auf der chinesischen Seite der Grenze. Noch mehr Früchte werden eingeladen, und auch unser Abteil bekommt erneut Zuwachs. Ich entscheide mich für eines der oberen Betten und überlasse es meinen fünf neuen Freunden, sich um die übrigen drei zu prügeln. Es dauert zweieinhalb Stunden, bis die Zoll- und Einreiseformalitäten erledigt sind und die chinesischen Wagen ab- und sechs weitere grüne nordkoreanische an den Zug angehängt werden.
Über eine Betonbrücke, die einen seichten Fluss überspannt, fahren wir nach Nordkorea hinein, wo wir gleich noch einmal zweieinhalb Stunden lang gefilzt werden. Niemand, der aus China kommt, darf sich weiter als einen Meter vom Zug entfernen, der jetzt von bewaffneten Soldaten in zerschlissenen Uniformen und Stiefeln aus Segeltuch und Gummi bewacht wird. Armeelaster fahren rückwärts an den Zug heran und übernehmen einen Großteil der Obstkisten und ein paar Fernseher. Jeder, der sich dem Zug nähert, wird von den Soldaten zurückgepfiffen und zurechtgewiesen. Aus der Stadt jenseits des Bahnhofsgeländes hört man über Lautsprecher verbreitete Ansprachen und Militärmusik.

Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang: Während der Arbeitszeit ist nicht viel los, aber in der Rushhour brummt die Stadt© Gary Knight/VII
Der Zug fährt ab nach Pjöngjang. Parallel zu den Schienen verlaufen, arrangiert mit einem Gespür für militärische Eleganz, Streifen von weiß angemalten Steinen sowie rosaroten und weißen Cosmeen. Steif wie Schaufensterpuppen stehen Gleisarbeiter an der Strecke, als der Zug auf dem Weg nach Süden langsam durch kleine Dörfer fährt. Wir kommen an Reis- und Maisfeldern vorbei sowie an Bahndämmen, die von fein säuberlich gepflanzten Kohlreihen überzogen sind. Brigaden von Arbeitern ernten auf mit roten Fahnen markierten Flächen in gebückter Haltung den Reis. Die Felder sehen anders aus als die, die ich gewohnt bin - gleichförmiger. Vermutlich sind wir in einer Gegend, die von Kim Jong Ils Landreform betroffen ist, die die Art der Bodennutzung neu festlegt: Pflanzt Reis an jedem Hang, und zwar in schön ordentlichen Reihen! Haben die Roten Khmer das nicht auch schon probiert?
20:30 Uhr: Ankunft in Pjöngjang. Zwei Reiseführer, Mr. A und Mr. B, holen mich am Bahnhof ab und bringen mich zum Hotel, wo ich allein zu Abend esse.
Zum Frühstück gibt es im Fernsehen Kim Il Sung, der irgendwelche Honoratioren empfängt, und danach Kim Jong Il und ein Omelett.
9:00 Uhr: Mit meinen beiden Führern und dem Fahrer mache ich mich auf, die Denkmäler zu besichtigen, die zu Ehren von Kim Il Sung errichtet wurden. Am Mansudae-Monument, das zum 60. Geburtstag des Großen Führers eingeweiht wurde, tauchen zwei hübsche junge Mädchen aus dem Nichts auf und geben mir Blumen, die ich Kim zu Füßen legen soll. Ich flirte mit den Mädchen. Mr. B macht den Dolmetscher und flirtet kräftig mit. Die Mädchen flirten zurück. Flirten ist also erlaubt in der Demokratischen Volksrepublik.
Während der Fahrt durch die Stadt entdecke ich mehr Anzeichen von Armut, als ich erwartet hatte, aber weniger als in den meisten anderen Städten der Region. Es herrscht eine große Kluft zwischen dem Wohlstand in der Stadt und der Armut auf dem Land, aber das ist ein universelles Phänomen. Es deutet auch nichts darauf hin, dass die Alten und Gebrechlichen von der Straße verbannt werden. Pjöngjang scheint sich in seiner demographischen Zusammensetzung nicht von anderen Städten zu unterscheiden. Während der Arbeitszeit ist nicht viel los, aber in der Rushhour, wenn alle zu Fuß nach Hause oder zur Straßenbahn gehen, dann brummt die Stadt. Was auffällt, ist das Fehlen von Chaos und Anarchie, wie sie für Ballungsgebiete typisch sind, sowie die Bilder und Statuen der beiden Kims. Sie sind allgegenwärtig, und ich bin sicher, dass die endlosen Ansprachen und Märsche, die den ganzen Tag über zu hören sind, Lobeshymnen auf die "geliebten Führer" des Landes sind.
Nach dem Mittagessen (allein) fahren wir zum Triumphbogen, um die außerordentlich hübsche Ms. C zu treffen. Mr. B gehen die Pferde durch. Er fängt heftig an zu flirten. Mr. A geht zurück zum Auto. Als Mr. B sich wieder halbwegs im Griff hat, erzählt Ms. C mir, dass das Bauwerk 1982 zum 70. Geburtstag des Großen Vordenkers errichtet wurde. Ms. C singt mir "das Lied von General Kim Il Sung" vor. Sie singt sehr schön und mit Inbrunst – nicht viel anders als die Christen, die früher in London von Zeit zu Zeit an meiner Tür klingelten und mir das Wort Gottes predigten.