Wandel durch Abmagerung

10. Januar 2013, 11:30 Uhr

Der "geliebte Führer" verteilt Süßigkeiten, ein Fußballer darf in Südkorea spielen, Google wird empfangen: Öffnet sich das verarmte Nordkorea - oder soll es nur so aussehen? Von Niels Kruse

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Kim und seine Frau Ri: Beweist ihr fehlendes Bäuchlein, dass sie und Nordkoreas Diktator Eltern geworden sind?©

Es klingt wie Hohn. Oder Zynismus. Ist aber gemeint als generöse Geste eines treusorgenden Landesvaters: Zu seinem Geburtstag am 8. Januar spendierte Nordkoreas Diktator Kim Jong Un allen Kindern unter zehn Jahren je ein Kilo Süßigkeiten. "Explosionen der Freude" will die staatliche Nachrichtenagentur registriert haben, nachdem die Leckereien per Hubschrauber und Flugzeug unters Volk gebracht worden waren. Für Teile der Bevölkerung dürfte der "Candystorm" der erste echte Kalorienschub seit langem sein. Bis zu 16 der 24 Millionen Einwohner des Landes gelten laut UN als mangelernährt.

Kim Jong Un setzt mit dieser Aufmerksamkeit eine Tradition fort, die vor mehr als 30 Jahren von seinem Großvater, dem "ewigen Präsidenten" Kim Il Sung, ins Leben gerufen worden ist. "Diese Zuneigung ist der Ausdruck seiner Liebe", heißt es verträumt in den offiziellen Medien. Zu welchem Geburtstag genau der jüngste Kim-Spross nun allerdings eine Rrunde Süßes geschmissen hat, ist nicht klar. Wie schon bei seinem Vater, dem "geliebten Führer" Kim Jong Il, variiert das offizielle Geburtsdatum: Der Jungdespot ist vermutlich 30 Jahre alt geworden, könnte aber auch schon ein Jahr älter oder jünger sein. Dass diese Art von Geheimniskrämerei Methode hat, deutet sich auch bei der vierten Kim-Generation an.

Ist Kim bereits Vater und falls ja, wie oft?

Glaubt man den Nordkorea-Auguren, dann ist Kim, der Dritte, bereits zweifacher Vater. Als er vor rund einem Jahr seine Charmeoffensive gestartet hatte, war er auf den Bildern, die ihn ausnahmslos als lebensfreudigen, kinderliebenden Li-La-Launebär zeigen, stets auch eine junge Frau zu sehen: Ri Sol Ju ist ihr Name, und im Sommer dann bestätigten die offiziellen Medien, dass es sich um Kims Ehefrau handelt. Nur kurze Zeit später verschwand sie von den Staatsbildern. Bis sie Ende des Jahres bei der Trauerfeier für Kim, den Zweiten, wieder auftauchte - mit einem Bauch unter dem wallenden traditionellen Kleid.

Wiederum einige Tage später, bei der Neujahrsfeier, war sie plötzlich wieder schlank. Was für die südkoreanischen Beobachter nur eines bedeuten konnte: Frau Ri war in der Zwischenzeit Mutter geworden. Und der Gatte Vater. Angeblich sogar schon zum zweiten Mal, wie es heißt. Da das Paar seit 2009 verheiratet ist, könnte der oder die Erstgeborene nun um die zwei, drei Jahre alt sein. Das entspricht ungefähr dem Zeitraum, den die Staatspropaganda offenbar braucht, um die dynastischen Geburtstage im Nachhinein festzulegen. Vielleicht wird die Existenz seines erstgeborenen Kindes ja bald offiziell verkündet.

Kim spricht schon von radikalem Wandel

Ein Thronnachfolger würde zumindest in den Geist der Erneuerung passen, den Kim Jong Un in seiner viel beachteten Neujahrsansprache angekündigt hat. Von einem radikalen Wandel sprach er, vom Ablegen alten Denkens und alter Verhaltensweisen, sogar die Worte "Wiedervereinigung" (mit Südkorea) und "Wirtschaftsgigant" (womit er sein eigenes Land meinte) nahm er in den Mund. Von letzterem aber ist die Demokratische Volksrepublik Korea reichlich weit entfernt. Am neben den enorm riesigen Kim-Statuen einzigen Wahrzeichen des Landes, dem größenwahnsinnigen Ryugyong Hotel, wird seit 1987 gebaut. Erst dieses Jahr soll es mit Hilfe eines ägyptischen Unternehmens zumindest teilweise eröffnet werden.

Die 330 Meter hohe Bauruine ist nur das nach außen sichtbarste Zeichen der nordkoreanischen Wirtschaftsmisere. Seit Jahren schon ist das Land nicht einmal in der Lage, seine eigene Bevölkerung zu ernähren , und selbst in Teilen der (relativ gut versorgten) Hauptstadt muss aus Energiemangel täglich der Strom abgestellt werden. Misswirtschaft, Korruption, eine absurde Form des Kommunismus, Juche genannt, strikte Isolation und Rohstoffmangel sind nur ein paar der Gründe, warum Nordkorea zu den ärmsten Ländern der Welt gehört. Dafür gönnt sich das Land einen der größten Militärapparate und hat nun schätzungsweise eine Milliarde Dollar ausgegeben, um eine Langstreckenrakete zu testen.

Selbst K-Pop hat längst den Norden erreicht

Dabei ist nicht so, dass das schwarze Loch der Welt völlig frei von fremden Errungenschaften wäre. Seit Jahren gelangen über China illegal unzählige DVDs südkoreanischer Seifenopern ins Land. Und damit auch der Lifestyle des Nachbarn. Der "K-Pop" zum Beispiel, auch über die Grenzen Koreas berühmt-berüchtiger Musik- und Tanzstil ("Gangnam Style"), soll auch im Norden der Halbinsel mittlerweile so beliebt sein, dass Tanzlehrer allein vom K-Pop-Unterricht leben können. Ebenfalls seit kurzem erhältlich: Tablet-Computer und ein Smartphone aus eigener Produktion. Das Telefon für einen stolzen Preis von 600 Dollar - was ungefähr einem durchschnittlichen Jahreslohn entspricht.

Leisten können sich diesen Luxus nur die wenigen Gutsituierten im Land, also vor allem Militär- und Parteikader. Vor allem die Armee und deren Führung gelten neben den Kims als Herrscher über das Hungerreich. Das Verhältnis zwischen den Regenten ist von außen nicht nachvollziehbar. Vermutlich aber stehen sie untereinander in starker Konkurrenz, was zumindest erklären würde, warum die Soldatenkader offenbar regelmäßig mit Produkten aller Art bei Laune gehalten werden müssen. Etwa mit Autos aus westlicher Produktion. Mittlerweile sollen bereits so viele Zuwendungen erfolgt sein, dass es in Pjöngjang zu Verkehrsstaus kommen soll - ein bislang unbekanntes Phänomen in dem verarmten Land.

Kim hat keine andere Chance als Reformen

Kim Jong Un hat vielleicht bereits einen Plan, seine rückständige Diktatur auf Vordermann zu bringen. Beziehungsweise lässt einen machen. Seit einigen Monaten bereits mehren sich die Berichte über wirtschaftliche Reformen nach Art Vietnams. So werden angeblich Kader und Arbeiter ins Ausland zur "Weiterbildung" geschickt und die harschen Auflagen für die Landwirtschaft (sämtliche Ernteerträge gehen ans Militär) gelockert. Die Führung scheint das vietnamesische Reformmodell auch deswegen zu bevorzugen, weil die dortige kommunistische Partei und der Staat kaum etwas von ihrer Macht eingebüßt hat und weiterhin die Wirtschaft kontrolliert.

Der Jungspund an der Staatsspitze jedenfalls hat keine andere Wahl, als Optimismus zu verbreiten und Reformen anzugehen. Schon längst ist das Volk nicht mehr so blauäugig, wie es der Staat gerne hätte. Und schon längst treiben die Fliehkräfte aus Armut und Not die Nordkoreaner scharenweise über die Grenzen. Jeder weitere Entwicklungsstillstand führt das Land in Richtung Abgrund. Und ein kollabierendes Nordkorea, immerhin Atommacht, wäre ein Albtraum. Nicht nur in der Region. Selbst Nachbar China wäre kaum in der Lage, Abermillionen von Hungerflüchtlingen zu versorgen. Vom Noch-Erzfeind Südkorea ganz abgesehen.

Google schickt schon seine Leute vor

Eine besondere Art der Annährung hat bereits stattgefunden. Am Montag reiste mit Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt erstmals ein hochrangiger Vertreter des modernen Kapitalismus in das Land. Und am Dienstag trat 200 Kilometer weiter südlich der Fußballer Jong Tae Se, ehemals VfL Bochum und zuletzt beim 1. FC. Köln, seinen neuen Job beim Erstligisten Suwon Samsung Bluewings an. Er dürfte damit einer der ersten Nordkoreaner sein, der offiziell im verfeindeten Südkorea ihrer Arbeit nachgehen darf.

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