Zypern setzt auf legales Zocken

31. März 2013, 18:10 Uhr

Der kleine Inselstaat muss Alternativen zu seinem bisherigen Geschäftsmodell finden. Die Regierung Zyperns wagt Tabubrüche. Sie plant unter anderem ein Spielkasino - falls die Kirche mitzieht.

4 Bewertungen
Zypern, Banken, Bankenöffnung, Krise, Eurokrise, Euro, Nikos Anastasiades, Spielkasino

Vor einer Filiale der Laiki Bank standen Kunden Schlange, als sie am Donnerstag wieder öffnete. Zu Massenabhebungen kam es nicht. Der Staat versucht, die Lage in den Griff zu bekommen.©

Niedrige Steuern, üppige Zinsen für Anleger und halbblinde Finanzkontrolleure - über viele Jahre funktionierte das Geschäftsmodell auf Zypern. Dann beteiligten sich die Banken des Landes am Schuldenschnitt für Griechenland, verloren zig Milliarden und damit endgültig ihr ohnehin schwaches Fundament. Weil der zyprische Staat außerdem über seine Verhältnisse lebt und weit mehr Geld ausgibt, als er einnimmt, geriet das kleine Land im Mittelmeer in die Schieflage.

Mit zehn Milliarden Euro Krediten seiner Partnerstaaten und knapp sechs Milliarden Euro Eigenanteil soll es vor der Pleite bewahrt werden. Luxemburg zweifelt, ob das Geld ausreicht. "Wir haben einen wichtigen Schritt gemacht. Aber man darf sich nicht vormachen, dass Zypern gerettet ist", sagte Außenminister Jean Asselborn dem "Tagesspiegel am Sonntag" laut Vorabbericht. Er fürchtet, dass durch die Zwangsabgabe auf Bankeneinlagen ab 100.000 Euro auch viele kleinere und mittlere Firmen betroffen sind. Zudem rechnet er mit einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit.

So viel ist sicher: Zypern steht vor schwierigen Zeiten. Die aufgeblähte Bankenlandschaft wird zusammengestutzt, was Tausenden in der Finanzbranche den Job kosten wird. Die Republik sucht nach Alternativen - und wird fündig. Präsident Nikos Anastasiades kündigte in der größten zyprischen Zeitung "Fileleftheros" unter anderem die Eröffnung eines Kasinos an.

Der Regierungschef versteht sich selbst aufs Zocken, wie er in den Verhandlungen über das Rettungspaket zeigte. Er versuchte, den Eurorettern höhere Kreditzusagen abzutrotzen, um Inhaber von Konten in Zypern vor dem Zwangs-Soli zu bewahren. Anastasiades wollte das Land als Paradies für Anleger erhalten. Doch sein Plan ging nicht auf. Zwar werden Kleinsparer geschont. Zugleich aber müssen Anleger mit mehr als 100.000 Euro auf der hohen Kante massive Einbußen fürchten. Kunden der Bank of Cyprus droht ein Verlust von rund 60 Prozent ihrer Sparguthaben.

Kasinos bisher nur im Norden

Die Eröffnung eines Kasinos im Süden der Insel war bislang am hartnäckigen Widerstand der einflussreichen orthodoxen Kirche und ihres Erzbischofs Chrysostomos gescheitert. Kasinos existieren bisher nur im türkischen Teil der Insel. Viele Touristen und Bewohner des zyprischen Südens gehen zum Spielen in den Norden. Davon hat die Republik Zypern nichts, das Geld bleibt im türkischen Teil. Da die Kirche sich selbst finanziell an der Rettung Zyperns beteiligt, muss sie ein Interesse daran haben, dass das Land wirtschaftlich wieder auf die Beine kommt.

Anastasiades sagte, die Wirtschaft müsse dringend gestärkt werden. Er kündigte Steueranreize an, um Investitionen zu fördern. Unter anderem sollen Firmen keine Steuern auf Gewinne zahlen, wenn sie diese wieder auf Zypern zur Schaffung von Arbeitsplätzen einsetzen. Das führt zwar zunächst zu Steuerausfällen, hilft der Staatskasse also nicht, könnte sich aber langfristig bezahlt machen, wenn Jobs entstehen. Bei den Zahlungsfristen und den Zinssätzen für Kredite sprach sich Anastasiades für Erleichterungen aus. Zudem will er zwischen Verbänden von Mietern und Vermietern vermitteln, damit Mieten reduziert werden. Sollte dies nicht gelingen, sei auch eine gesetzliche Regelung möglich, sagte der Präsident.

Vorgaben zum Schutz heimischer Beschäftigter

Schwierige Zeiten könnten auch auf Ausländer aus Nicht-EU-Staaten zukommen, die auf Zypern einen Job haben. Die Regierung will mit den Arbeitgebern eine informelle Beschäftigungsklausel zum Schutz zyprischer Beschäftigter vereinbaren. Demnach sollten 70 Prozent Einheimische und höchstens 30 Prozent Ausländer beschäftigt werden können, sagte Anastasiades. Auf der Insel arbeiten Schätzungen zufolge rund 100.000 Nicht-EU-Ausländer als Hausdiener, Kindermädchen sowie im Baugewerbe. Der Großteil stammt aus den Phlippinen, Sri Lanka und Indien.

Am Donnerstag und Freitag verlief die Wiedereröffnung der fast zwei Wochen geschlossenen Geldhäuser auf Zypern reibungslos. Harte Regeln der Notenbank in Nikosia sollen ein schnelles Ausbluten der Geldhäuser verhindern. So dürfen pro Person und Bank maximal 300 Euro pro Tag abgehoben werden.

tso/dpa
 
 
MEHR ZUM THEMA
Legen Sie Ihr Geld richtig an! Legen Sie Ihr Geld richtig an! Der Ratgeber Geldanlage gibt Ihnen Tipps, wie Sie mehr aus ihrem Geld machen. Zu den Ratgebern
 
stern Investigativ
Anonymer Briefkasten: Haben Sie Informationen für uns? Anonymer Briefkasten Haben Sie Informationen für uns? Hier können Sie uns anonym Mitteilungen und Dateien zukommen lassen. Wir behandeln sie vertraulich.
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (17/2014)
Der Schicksalsflug