Nach den Anschlägen von Madrid herrschen im ganzen Land Trauer, Wut und neue Angst. Spuren des Terrors führen zu Al Qaeda. Die Eskalation der Gewalt löst ein politisches Erdbeben aus.

Die Wucht der Explosion hat das Stahldach aufgewölbt, die Wände auf beiden Seiten des Waggons herausgesprengt. Tücher verhüllen Leichen und Körperteile© Christophe Simon/AFP
Als der Gabelstapler Jorges Sarg ruckelnd hochhievt, zerreißt ein Aufschrei die Stille. "Te quiero, mi hermano!", "Ich liebe dich, mein Bruder!" Die Stimme überschlägt sich. "Wie konntet ihr unschuldiges Leben töten!" Dann erstickt sie in einem nicht enden wollenden Schluchzen.
Javier Rodriguez klammert sich an den polierten Holzsarg, fast scheint es, als wolle er sich mit hineinschieben lassen in die rechteckige Maueröffnung, in der sein Bruder Jorge die letzte Ruhestätte finden soll. Freunde ziehen Javier zurück, bergen ihn an ihren Schultern, doch sein Schluchzen breitet sich wellenartig unter den Menschen aus. Erfasst Jorges Mutter, seine Schwester, die Stiefmutter, die Freunde, Verwandten und die große Schar der Trauernden. Hunderte stehen da, tränenüberströmt. Zwei Tage nach dem Massaker vom 11. März wird auf dem Friedhof von Alcala der erste Tote zu Grabe getragen.
Doch die Familie Rodriguez muss an diesem Tag nicht nur einem Toten die letzte Ehre geben. Auch Javiers Vater starb bei dem Anschlag. Zwei Stunden nach der Beerdigung seines Sohnes wird er eingeäschert. Francisco Javier Rodriguez, 52, ein gestandener Gewerkschafter, hoch angesehen in seiner Heimatstadt. Unter Tränen klatscht die Trauergemeinde verzweifelten Beifall, als eine Kollegin ihn in der kleinen Aussegnungshalle mit den Worten verabschiedet: "Companero, wir werden dich nie vergessen."
In ein paar Tagen will die Familie Franciscos Asche über dem Fluss Tajo in der Extremadura verstreuen, seiner Lieblingsgegend im Westen des Landes. Er hatte das so gewollt, als "Zeichen der Freiheit seiner Seele".
Fast ein Viertel der 200 Toten des Attentats von Madrid kam aus Alcala, der Pendlerstadt mit 190 000 Einwohnern im Osten der spanischen Hauptstadt. Ihre 500 Jahre alte Universität gehört zum Weltkulturerbe, der Schriftsteller Miguel de Cervantes wurde hier geboren; er ersann Don Quijote, der den Kampf gegen die Windmühlen aufnahm. In Alcala steigen jeden Morgen über 35 000 Menschen in die Vorortzüge, die sie zum zentralen Madrider Bahnhof Atocha bringen.
Auch Francisco Rodriguez und Jorge, sein Zweitältester, der im Mai 23 Jahre alt geworden wäre, warteten jeden Morgen in Alcala am Gleis 1, dort, wo jetzt inmitten eines roten Kerzenteppichs dieser kleine Zettel mit Mädchenschrift hängt: "Für all die Menschen, die hier gestern vorbeikamen, um einen ganz normalen Tag in ihrem Leben zu verbringen - und niemals mehr zurückkehrten. Gott schütze euch!"
Am 11. März nehmen Vater und Sohn den Nahverkehrszug Nr. 21713, planmäßige Abfahrt in Alcala um 7.15 Uhr, Ankunft in Madrid-Atocha um 7.51 Uhr. Die beiden hatten sich angewöhnt, dort in aller Ruhe in einer der Bars zu frühstücken - ein Moment des Tages, den beide nur für sich reserviert hatten, bevor Francisco mit der Metro zum Madrider Sparkassenverband fuhr, wo er Sicherheitsbeauftragter war. Jorge machte sich dann auf den Weg zur Technischen Fachhochschule des Salesianer-Ordens. Er studierte Elektronik.
An ihrem letzten Morgen nehmen sie nebeneinander im Wagen vier Platz. Sie werden über Fußball geredet haben: Jorge war glühender Real-Madrid-Anhänger, das Ballgenie Zinedine Zidane sein Idol. Am Vorabend noch hatte sein Team Bayern München etwas glücklich besiegt, zusammen mit Bruder "Javi" und Freunden hatte Jorge die Partie in der Stammkneipe ihres Heimatviertels Los Nogales in Alcala angesehen, weil sie sich die teuren Tickets für das Bernabeu-Stadion nicht leisten konnten. "Wie ein Kind", erinnert sich Javier, habe sein Bruder sich über den Sieg gefreut.
Als der Vorortzug in die Station Santa Eugenia einfährt und ein mit Sprengstoff gefüllter Rucksack in ihrem Wagon explodiert, werden Vater und Sohn Rodriguez zusammen mit 14 anderen Passagieren zerfetzt. Es ist 7.42 Uhr am Donnerstag, dem 11. März 2004.
In vier aus Alcala kommenden Zügen haben die Attentäter zwischen kurz vor 7 Uhr und 7.15 Uhr die Bomben verteilt, die in Rucksäcken stecken: 13 Sprengsätze, von denen zehn explodieren werden. Ein Zug fährt gerade in Atocha ein, ein anderer befindet sich kurz vor Atocha, je einer in den Vorortbahnhöfen El Pozo und Santa Eugenia. Die Zünder werden per Handy ausgelöst.
Die Opfer, neben den 200 Toten über 1500 Verletzte, gehören zwölf Nationen an, es sind einheimische Angestellte, illegale Immigranten aus Osteuropa und Südamerika, Studenten und Kinder, die in die Schule müssen. Den Angehörigen der getöteten Ausländer verleiht die Aznar-Regierung am Tag nach dem Attentat die spanische Staatsbürgerschaft.
Zu den Opfern zählt eine 29-jährige Frau aus Alcala, die im siebten Monat schwanger war und ihren Ultraschalltermin verschoben hatte, um zur Arbeit zu fahren. Das Kind sollte Samuel heißen. Ein Jahr zuvor hatte sie eine Fehlgeburt erlitten. Ein Marokkaner, der seiner spanischen Freundin am Abend zuvor die SMS schrieb: "Du bist mein Leben. Bis morgen." Die beiden wollten in der Karwoche nach Tanger fahren; sie hatte schon begonnen, Arabisch zu lernen. Ein Heizungsmonteur aus der Dominikanischen Republik, der in Atocha auf dem Bahnsteig wartet, nach der ersten Explosion zum Zug läuft, um zu helfen, und bei der zweiten getötet wird.
Der Tag des Attentats ist Javier Rodriguez' 29. Geburtstag - es ist der Tag, an dem er den schwersten Gang seines Lebens geht: Er muss die Leichen von Vater und Bruder identifizieren. Sie sind beide trotz schwerster Verletzungen schnell zu erkennen, weil ihre Gesichtszüge kaum entstellt sind. Angehörige anderer Opfer müssen Tage warten, bis die Identität ihrer Toten geklärt ist. 20 Leichen sind zu Beginn dieser Woche noch ohne Namen. Mit Fotos ihrer vermissten Familienmitglieder irren Menschen durch die Krankenhäuser und Aufbahrungshallen.
Javier wird von Paz, seiner Verlobten, und den engsten Freunden begleitet. Psychologen und Pfarrer sind zur Stelle im Pavillon sechs des Messezentrums Ifema, wohin man - in graue Säcke gehüllt - die Toten geschafft hat. Bis zum Abend bringen Mitarbeiter des Roten Kreuzes verriegelte Tonnen in die Halle, die aussehen wie Kühlboxen. Eine Frau trägt eine Kiste mit einer Hand, die ganz leicht zu sein scheint; eine andere Kiste wird von zwei Sanitätern herangeschleppt. "An diesem Geburtstag", sagt Javier, dieser stämmige Junge, der als Lkw-Fahrer für ein Getränkeunternehmen arbeitet, "bin ich um 100 Jahre gealtert."
Betäubende Ohnmacht sei für die Angehörigen das normale Gefühl der ersten Stunde, sagt Dr. Franscisco Ferre. "Die wenigsten fragen anfangs nach dem Warum, nach Motiven oder Tätern. Ihre Frage heißt: Warum gerade wir? Warum gerade meine Frau, mein Kind?" Ferre koordiniert den Einsatz der über 700 Psychologen, die nach dem Attentat rund um die Uhr Beistand leisten. Er sieht in der Ifema-Halle Menschen mit leerem Blick an sich vorbeihasten, die Wangen vom Weinen gerötet. Er muss mit ansehen, wie eine alte Frau mit indianischen Zügen ohne Vorwarnung lang hinschlägt, als ein Arzt mit ernstem, eindeutigem Kopfnicken das Furchtbare bestätigt.
"Auf die Frage nach dem 'Warum wir?' können wir keine Antwort geben", sagt Franscisco Ferre, "wir können nur zuhören und mitfühlen." Spätestens seit dem 11. September 2001 wisse man, wie wichtig es sei, dass von Schmerz und Schock überwältigte Menschen miteinander trauern, miteinander weinen.