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14. März 2011, 21:26 Uhr

Durch Bengasi kriecht die Angst

Gaddafis Truppen rücken immer weiter vor: Die Aufständischen leisten zwar Widerstand, doch wichtige Städte in Ost-Libyen sind bereits nicht mehr in ihrer Hand. Die geforderte Flugverbotszone könnte sich bald erübrigen. Ein Stimmungsbericht. Von Christoph Reuter

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Die von Gaddafi-Gegnern in Bengasi geforderte Flugverbotszone könnte bald überflüssig sein - Gaddafis Truppen scheinen derzeit unaufhaltsam zu sein© Roberto Schmidt/AFP

Es gibt keine Front der Rebellen in Ost-Libyen mehr. Dies jedenfalls war die übereinstimmende Beobachtung mehrerer westlicher Journalisten, die am Sonntag und Montag aus der Stadt Idschdabiya, etwa 160 Kilometer westlich von Bengasi, zurückfuhren. "Entweder, die haben sich jetzt alle versteckt - oder sie sind fort, tot", sagt John Lee Anderson, der für das US-Magazin "The New Yorker" in Libyen unterwegs ist.

Brega, der strategisch wichtige Knotenpunkt von Öl- und Gas-Pipelines, war schon am Wochenende nach schweren Kämpfen gefallen. Die leichtbewaffneten Rebellen waren von Panzern, Flugzeugen angegriffen, nach Aussagen von Augenzeugen sogar von Kriegsschiffen vom Meer aus beschossen worden.

Am Montagmittag war es ruhig in Idschdabiya. Angeblich sammeln sich die Truppen von Herrscher Muammar al Gaddafi für den Großangriff gen Osten. Sollten sie die Kleinstadt einnehmen, ist ihr Weg frei sowohl nach Bengasi wie auch über eine exzellente Schnellstraße durch die Wüste nach Tobruk. Damit wären die Aufständischen abgeschnitten von der Grenze nach Ägypten und damit auch von allen Fluchtmöglichkeiten bis auf das Meer. Zwar hielt der neu ernannte Militärführer der Rebellen (und Ex-Innenminister Gaddafis), Abdelfattah Yunis, auf einer Pressekonferenz in Bengasi dagegen, "unsere Verbände werden Idschdabiya halten". Aber gesehen hat sie niemand.

Nichts, so scheint es, kann Gaddafi mehr aufhalten.

Die Diskussion um eine Flugverbotszone könnte sich erübrigen, bevor auch nur ein Ergebnis erzielt wurde. Denn gegen Panzerarmeen, die über gut ausgebaute Straßen durch plattes Land rollen, hilft keine Flugverbotszone mehr.

Gaddafi-Unterstützer wollen Panik verbreiten

In Bengasi herrschte am Montag Ruhe. Aber es ist die Ruhe vor dem Sturm. Das nationale Übergangskomitee ist abgetaucht und kaum noch zu erreichen. Die Verantwortlichen der neuen Stadtverwaltung bekommen seit Tagen anonyme Anrufe, hier brenne die Universität, dort sei ein Hotel angegriffen worden. Bislang stimmten diese Nachrichten mutmaßlicher Gaddafi-Sympathisanten nicht. Sie sollen Panik verbreiten, und das gelingt ihnen langsam. Am Sonntag starben zwei Mitarbeiter des Satellitensender al Dschasira, als ihr Auto von Unbekannten beschossen wurde.

Während die schmelzenden Reaktorkerne in Japan die Weltöffentlichkeit in Atem halten, offeriert Gaddafi bereits Russland und China Lizenzen für die künftige Ölförderung. Westliche Journalisten, die über Tripolis eingereist sind, wurden bereits bis nach Ras Lanuf gelassen, die kleine Stadt mit einem großen Öl-Terminal, die bis vor Tagen noch von den Rebellen gehalten wurde.

Derweil kriecht die Angst durch Bengasi, bis vor Tagen noch die euphorische Metropole des jähen Volksaufstandes gegen Gaddafis mörderische Diktatur. Groß war die Hoffnung gewesen, einen laizistischen Staat der freien Wahlen, der Würde und Freiheit gründen zu können. Zu groß, denn der Erfolg des Aufstandes hatte darin gelegen, dass binnen Tagen so gut wie alle - Funktionäre, Soldaten, Offiziere, Polizisten - übergelaufen waren. Doch dann vergingen Tage, Wochen der Diskussionen, in welchem Ausmaß man ausländische Militärhilfe, eine Flugverbotszone, gar Bodentruppen akzeptieren würde. Nun könnte es für alle das zu spät sein. "Keiner sollte Gaddafis Angebot einer Amnestie für Soldaten, die sich ergeben, glauben", sagte am Montagmorgen eine junge Aktivistin aus Bengasi am Telefon: "Seine Rache wird fürchterlich sein."

Für die meist jugendlichen Kämpfer, die im Kleinwagen zur Front aufgebrochen waren, könnte das romantische Motto des legendären Unabhängigkeitskämpfer Omar Mukhtar aus den zwanziger Jahren auf furchtbare Art Realität werden. "Wir werden uns niemals ergeben", hatten sie auf ihre Autos geschrieben. "Wir werden siegen - oder wir werden sterben."

Im Moment sieht es nach Letzterem aus.

Von Christoph Reuter
 
 
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