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21. März 2010, 14:47 Uhr

Statussymbol zum Schießen

Eine Waffe nur zu besitzen, reicht vielen Amerikanern nicht. Sie wollen sie offen tragen, auf der Straße, im Café, im Stadion. Provokativ ziehen deshalb dieser Tage Horden bewaffneter Pistolenliebhaber durch die Städte. Von Leonie Seifert, New York

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Bewaffnet beobachtet ein Anhänger von "Open Carry" den Protest von Waffengegnern vor einer Starbucks-Filiale in der Stadt Seattle© Elaine Thompson/AP

Mike Stollenwerk mag Waffen. Drei Pistolen und ein Kurzgewehr nennt der Ex-Soldat sein eigen, und wenn er in die Stadt geht, dann können alle sehen, dass hier ein Mann daherkommt, der sich zu wehren weiß. Denn Stollenwerk trägt seine Waffen offen mit sich - wenn er einkaufen geht, in die Bibliothek oder zur Stadtratssitzung. Das Gesetz in seiner Heimat Virginia erlaubt ihm das. Aber nicht jeder US-Bundesstaat ist derart liberal. Und damit hat Stollenwerk ein Problem.

Der 46-jährige Pferdezüchter und Jurastudent hat die Organisation Open Carry gegründet, die in allen US-Bundesstaaten das Recht durchsetzen will, offen bewaffnet herumzulaufen wie einst im Wilden Westen. "Es ist viel sicherer, die Waffen zu zeigen, als sie heimlich zu tragen", sagt Stollenwerk. Von einem fälligen "Coming-out für Amerikas Waffen" spricht seine Bewegung, die inzwischen 27.000 Mitglieder zählt.

Geschockte Café-Besucher

In diesen Tagen laufen viele von ihnen provokativ mit Pistolen am Gürtel durch die Städte - als Machtdemonstration gegenüber Barack Obama. Hartnäckig hält sich das Gerücht, der Präsident wolle das Waffenrecht verschärfen. Besorgte Schützen stockten nach der Wahl ihre Arsenale auf, passiert ist indes: nichts. Im Gegenteil, viele Bundesstaaten haben die Vorschriften gelockert. 43 von ihnen erlauben das öffentliche Tragen von Waffen. In Virginia, wo vor drei Jahren 33 Menschen bei einem Amoklauf in der Technischen Universität starben, darf man bald mehr als eine Waffe pro Woche kaufen. In Wyoming und Arizona soll die Waffenscheinpflicht fallen.

"Selbst wenn Obama strengere Kontrollen durchsetzen wollte, er würde sie nie durch den Kongress kriegen," sagt selbst Mike Stollenwerk. Trotzdem ziehen Open-Carry-Mitglieder in bewaffneten Trupps durch öffentliche Einrichtungen, kehren ein in Restaurants und Cafés. Ihr Ziel: die neuen Rechte öffentlich auszuleben, sie zu zementieren und auszuweiten. Meistens fliegen die Missionare hochkant raus. "Wir wollen nicht, dass sich Kinder und Eltern in unserem Restaurant erschrecken müssen", sagt ein Sprecher der Kette California Pizza Kitchen. Starbucks sieht das anders: Dort wird auch zur Magnum Kaffee und Gebäck gereicht. "Wir akzeptieren die lokalen Gesetze, die das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit erlauben," erklärt die Kaffeekette in einer Pressemitteilung

Kunden wie Rebecca Fitch aus Cupertino, Kalifornien, verängstigt das. Die 26-Jährige saß mit ihrem Sohn und zwei Freundinnen beim Kaffee, als fünf bewaffnete Männer hereinkamen. Ihr Sohn fing sofort an zu heulen. "Wir dachten, das ist ein Überfall, wir haben uns zu Tode erschrocken", sagt die junge Mutter. "Ich wusste nicht, dass die nicht mal eine Erlaubnis dafür brauchen. Das ist echt gefährlich." Fitch und ihre Freundinnen sind sofort gegangen.

Eine Märtyrerin gibt es auch schon

Bei der größten Waffenlobby des Landes, der mächtigen National Rifle Association (NRA), will man sich zu den Aktionen nicht äußern. "Die Aktionen von Open Carry könnten für die NRA nach hinten losgehen", sagt Robert Weisberg, Waffenrechtexperte und Professor für Kriminalrecht an der Universität in Stanford. Die Antiwaffengruppe Brady Campaign sammelt bereits Unterschriften gegen Starbucks. "Welchen Sinn hat es, Waffen mit ins Café zu nehmen? Wohin soll das führen?", fragt Sprecher Paul Helmke.

Open Carry macht unbeirrt weiter und hat auch schon eine Märytyrerin: Die 30-jährige Melanie Hain wurde zur Ikone, als sie wegen ihrer offen getragenen Pistole aus dem Stadion flog, wo ihre Tochter Fußball spielte. Einen Monat später war sie tot - erschossen vom eifersüchtigen Eheman mit ihrer eigenen Waffe, die er aus ihrem Rucksack genommen hatte. Hätte Hain die Pistole bei sich getragen, so die Logik von Open Carry, wäre sie noch am Leben.

Von Leonie Seifert, New York
 
 
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