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13. August 2011, 16:51 Uhr

Wulff glänzt, Linke streiten

Es ist, als gäbe es zwei Mauern. Bundespräsident Wulff kritisiert sie als bluttriefenden Ausdruck der Diktatur. Linke in Mecklenburg-Vorpommern nennen sie eine historische Notwendigkeit. Von Lutz Kinkel

Blumenkränze liegen an dem noch erhaltenen Mauerstück an der Bernauer Straße, Berlin, Prenzlauer Berg. Links der Kranz des Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, rechts der Kranz der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag. Und in der Mitte der Kranz des Berliner Landesverbandes der Linken. "Im Gedenken" steht auf der Schleife. "Dass die da einen Kranz hinlegen", zischelt eine empörte Passantin. "Da kriege ich das Kotzen."

Zweifellos: In der Linkspartei gibt es noch Ostalgiker, Kommunisten, Ewiggestrige, die an den Mauersteinen herumwürgen. Einige sind an diesem Samstag, dem 50. Jahrestag des Mauerbaus, auf dem Landesparteitag der Linken in Mecklenburg-Vorpommern. In Berlin, wo nach tagelangem Regen der Himmel aufgerissen ist, versammeln sich die politischen Spitzen zur Gedenkstunde an der Bernauer Straße, auch Linken-Chef Klaus Ernst sitzt unter den Gästen. Noch am Freitag hatte er mit Co-Chefin Gesine Lötzsch eine Pressemitteilung herausgeschickt, die den Mauerbau unmissverständlich verurteilt. "Um der eigenen Glaubwürdigkeit willen ist eine klare und eindeutige Positionierung der Linken in dieser Frage unabdingbar", lautet der letzte Satz. Das war ein Zuruf an die Mauerverteidiger in Mecklenburg-Vorpommern: Haltet die Klappe. Es hat wenig genützt.

Der Alptraum des Verrats

Auf der offiziellen Gedenkfeier in Berlin spricht, nach Axel Klausmeier und Klaus Wowereit, Bundespräsident Christian Wulff. Er nuschelt bei Reden immer mal wieder, im schlimmsten Fall wirkt er verdruckst, aber bei diesem Thema scheint er ganz bei sich. Wulff schildert die grausamen Schicksale der Mauerflüchtlinge, darunter jenes von Peter Fechter, der elend im Todesstreifen verblutete, nachdem ihn DDR-Grenzer angeschossen hatten. "Die Mauer richtete sich für alle sichtbar gegen das eigene Volk", sagt Wulff. "Sie war Ausdruck der Angst vor dem eigenen Volk." Zur Überraschung mancher knöpft sich Wulff jedoch nicht nur das SED-Regime vor, sondern auch die Westdeutschen. Während der Teilung, so Wulff, hätte in der BRD die Gleichgültigkeit um sich gegriffen: "Viele gewöhnten sich an die Mauer, viele verharmlosten sie. So manchen berührte das Schicksal von Millionen Deutschen jenseits des Stacheldrahts kaum noch." Wulff empörte sich über die DDR schon in jungen Jahren, es ist ein Teil seiner politischen Sozialisation als Konservativer. Vermutlich wirkt er auch deshalb bei dieser Rede so authentisch.

Freya Klier, Regisseurin und ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin, geht nach Wulff ans Mikrophon, sie hat selbst erlebt, was es heißt, an der Grenze geschnappt und verhaftet zu werden. Eindringlich und hoch emotional schildert sie ihren Fluchtversuch, berichtet von den Erfahrungen ihrer Zellengenossin im Knast und thematisiert immer wieder das, was ihr bis heute wie ein Alptraum auf der Seele lastet: den Verrat. Denn es waren auch in ihrem Fall staatstreue DDR-Bürger, die den Fluchtversuch vereitelten. Hunderte Besucher an der Bernauer Straße hören Klier konzentriert zu, eine Stunde später, bei der Gedenkminute für die Maueropfer, hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Nur ein kleines Kind schreit, und das ist fast beruhigend, ein Zeichen des Lebens inmitten der historischen Tragödie.

Die Mauer als "Notwendigkeit"

In Rostock, auf dem Parteitag der Linken in Mecklenburg-Vorpommern, bleiben um 12 Uhr, bei der Gedenkminute für die Maueropfer, eine Handvoll Delegierter demonstrativ sitzen. Die Antikapitalistische Linke, eine Splittergruppe, hatte den Mauerbau zuvor gerechtfertigt. Er sei 1961 für die Führungen der DDR und der Sowjetunion "ohne vernünftige Alternative" gewesen. Steffen Bockhahn, Landeschef der Linken, weist diese Position auf dem Parteitag scharf zurück. Aber da ist es schon zu spät: Der Streit um das Verhältnis zur DDR ist wieder entfacht, und das kurz vor den Landtagswahlen. In Berlin, wo ebenfalls im September gewählt wird, wird sich der Landesverband ein solches Spektakel nicht erlauben.

Der Kranz an der Mauer dokumentiert das.

Von Lutz Kinkel
 
 
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