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11. Juni 2010, 17:21 Uhr

Thilo Sarrazin lässt das Zündeln nicht

Hat er das wirklich so gemeint? Zitate von Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin legen nahe, dass der SPD-Mann bestimmte Einwanderergruppen genetisch bedingt für "dümmer" hält. Ist das offener Rassismus? Ist Sarrazin für seinen Job geeignet ? Von Florian Güßgen

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Auf fragwürdiger Mission: Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin© Robert Schlesinger/DPA

Früher konnte man über Thilo Sarrazin zumindest noch schmunzeln. Da war der Berliner Finanzsenator einer, der Wahrheiten formulierte: zugespitzt, provokant,schmerzhaft. Aber immer mit einem wahren Kern. Wie Peer Steinbrück. Auch Sarrazin liebt die Schönheit des rücksichtslosen Wortgefechts, wenn er mal Hartz-IV-Empfängern Tipps für den kostengünstigen Speisezettel gab oder ihnen empfahl, sich in der Wohnung doch lieber einen Pullover anzuziehen, statt die Heizung anzuwerfen. Die Liste der Sarrazin-Sprüche ist legendär.

Im vergangenen September war dann jedoch Schluss mit lustig. Sarrazins abfällige, pauschale Äußerungen in der Zeitschrift "Lettre International" über die Integrationsfähigkeit von Migranten in Berlin zeugten davon, wie sehr der mittlerweile zum Bundesbankvorstand aufgestiegene Genosse sachdienliche Provokation mit fast schon fremdenfeindlicher Hetze verwechselte. "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert", sagte er im Interview mit "Lettre International" unter anderem. Damals hagelte es heftige Kritik, Bundesbank-Chef Axel Weber distanzierte sich - und auch Sarrazins Zuständigkeiten bei der Bundesbank änderten sich rasch. Sein Berliner SPD-Kreisverband wollte ihn rauswerfen, warf ihm Rassismus vor.

Sätze mit Sprengkraft

SPD-Mitglied durfte Sarrazin damals bleiben, doch nun scheint es so, dass er sich mit einer weiteren Äußerung endgültig ins Aus schießen könnte. Es geht um eine Rede, die Sarrazin am Donnerstag im hessischen Darmstadt gehalten hat. Der "Arbeitskreis Schule Wirtschaft" der Unternehmerverbände Südhessen hatte den 65-Jährigen eingeladen. Der Arbeitskreis versteht sich als Diskussions- und Weiterbildungsforum für Lehrer, für Pädagogen, für alle, die praxisnah mit Bildung zu tun haben. Und so sollte Herr Dr. Sarrazin im Rahmen des "31. Jahresgesprächs" im "Alten Schalthaus", einem ehemaligen Umspannwerk, in Darmstadt über "Bildung, Demografie und gesellschaftliche Trends" sprechen.

Was Sarrazin dann offenbar vortrug, ließ sich am Abend in einer Meldung der Nachrichtenagentur DPA nachlesen: Deutschland laufe Gefahr, wegen des angeblich geringeren Bildungsgrads der Mehrheit der Zuwanderer zu verdummen, soll Sarrazin gesagt haben. Gemeint waren vor allem Zuwanderer aus der Türkei, dem Nahen und dem Mittleren Osten sowie aus Afrika. Die seien weniger gebildet als Zuwanderer aus anderen Ländern, so der Text. Der Knaller war das allerdings noch nicht, Vergleichbares hatte Sarrazin schon zuvor gesagt. Größere Sprengkraft haben andere Sätze, die nahelegen, dass Sarrazin verschiedenen Ethnien genetisch bedingt unterschiedliche Intelligenz unterstellt. Es gebe "eine unterschiedliche Vermehrung von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz", wird der Bundesbandvorstand zitiert. Und: Intelligenz werden von Eltern an Kinder weitergegeben, der Erbanteil liege bei fast 80 Prozent. Die sinngemäße Übersetzung dieser Äußerung könnte also lauten: Kinder aus der Türkei sind genetisch zu blöde. Weil die Türken gerne viele Kinder haben, zieht uns das im Schnitt runter. Sollte Sarrazin das so gemeint haben, wäre das eine eindeutig biologistisch-rassistische Äußerung, unverantwortlich, unerträglich und von einem Bundesbankvorstand untragbar. Entsprechend schimpft die Linkspartei. Grünen-Chefin Claudia Roth fordert unverhohlen Sarrazins Rücktritt. "Mit seinen unsäglichen rassistischen Äußerungenhat Thilo Sarrazin einen neuen Tiefpunkt erreicht", so Roth. "Für die Bundesbank als eine der wichtigsten öffentlichen Institutionen in diesem Land ist ein Führungsmitglied mit dieser Geisteshaltung untragbar."

Ein Kreuzzug gegen Einwanderer?

In der Tat scheint der einst hochgeachtete Sarrazin sich mittlerweile auf einer Art Kreuzzug gegen Einwanderer mit muslimischem Hintergrund zu sehen. Seinem Amt ist das längst nicht mehr angemessen. Es ist völlig unverständlich, weshalb er sich immer wieder zu einem Thema äußert, dessen Brisanz er kennt und das mit seinem Zuständigkeitsbereich bei der Bank nichts zu tun hat. Allein dass sich Sarrazin in Darmstadt wieder auf dieses dünne Eis begeben hat, schürt Zweifel, ob er für das Amt geeignet ist.

Allerdings: Bei den Zitaten selber ist jedoch Vorsicht durchaus angebracht, ob sie im Zusammenhang der Rede Sarrazins tatsächlich so gemeint waren, wie die zitierten Kernsätze andeuten, ist noch zu klären. Hat der SPD-Politiker tatsächlich bestimmte Ethnien genetisch bedingt als weniger intelligent eingestuft?

Die Beweisführung gestaltet sich schwierig. An ein Manuskript der Rede, so es eines gibt, ist derzeit kein Herankommen. Eine Sprecherin der Bundesbank sagte stern.de, es handele sich um eine persönliche Äußerung des Vorstands. Inhaltlich könne und wolle man das nicht kommentieren. Sarrazin selbst war über die Pressestelle der Bank nicht erreichbar. Auch der Organisator der Veranstaltung, Arbeitskreis-Geschäftsführer Reinhold Stämmler, verfügt weder über Mitschnitt noch über ein Manuskript. Dafür nimmt Stämmler seinen prominenten Gast in Schutz. "Den kausalen Zusammenhang zwischen Ethnie und Intelligenz habe ich aus dem Vortrag nicht herausgehört", sagte er stern.de. Bei dem Vortrag seien viele Lehrer anwesend gewesen, Pädagogen, Vertreter jedweder politischer Couleur. Keiner habe sich aufgeregt. Vielmehr habe Sarrazin herausgearbeitet, wie wichtig soziale Faktoren für den Bildungserfolg seien. "Er hat viel Zustimmung bei seinen Ausführungen gehabt", sagte Stämmler.

So ist vorerst nicht sicher, ob Sarrazins Äußerungen am Donnerstag tatsächlich Teil einer rassistischen Argumentation waren, wie es die bisher bekannten Zitate andeuten, oder ob sie ihre Brisanz im Zusammenhang verlieren. Sicher ist jedoch, dass Sarrazin es offenbar nicht lassen kann, mit fremdenfeindlichen Ressentiments zu zündeln. Mit gefährlichen Zitaten riskiert er so eine weitere Spaltung der Gesellschaft - und Volksverdummung.

Von Florian Güßgen
 
 
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