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23. September 2007, 10:10 Uhr

Der letzte Mann der SPD

Sie weiß, wie die Partei tickt. Sie hat Genossen zur Macht verholfen - und Parteichefs gestürzt. Jetzt soll Andrea Nahles stellvertretende SPD-Vorsitzende werden. Unterwegs mit der jungen Wilden aus der Eifel. Von Ulrike Posche

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Sie soll alle linken Sehnsüchte und Kräfte der SPD bündeln: Andrea Nahles, hier bei einer Lesung in ihrem Wahlkreis© Christian Irrgang

Roulade vom Eifelrind mit Kartoffelstampf und Rotkohl in der Säulenhalle. Dazu 2006er Bad Neuenahrer Kirchtürmchen, Domina Trocken in schön geschliffenen Gläsern und die Mainzer Hofsänger im Felsenkeller. Bis zur Moselrieslingcreme am Ende des Menüs hatte die SPD-Politikerin Andrea Nahles jenen Sonntag vor dem großen SPD-Knall blendend abgespult. Erst moderierte sie flott eine Dichterlesung, dann eine Scheckübergabe, schließlich meisterte sie die steilen Treppen der Burg Eltz, die ihrer Hüfte sichtlich Mühe machten. Und immer strahlte sie dabei wie eine Braut, die gleich den Strauß wirft. Sie wusste ja noch nicht, dass ein zürnender Kurt Beck, der Vorsitzende aller Sozialdemokraten, sich gerade warm lief und allen am nächsten Tag zeigen würde, wo der Hammer hinge.

Immer wieder war das Gute-Laune-Politiker- Lachen der Nahles aus den Runden älterer Herren, die sie umstellten, aufgetost. Dann, wenn der Mainzer Lottomann beispielsweise erklärte, die Frau Nahles, die habe einen "Eifel-gestählten Charme, mit dem sie einfach alles durchsetzen" könne. Und wenn der mal nicht greife, der Charme, dann verfüge sie "über eine große Zahl anderer Instrumente". Darauf lachte Andrea Nahles so sehr, dass ihr die roten Blutkörperchen ins Gesicht schossen und die fein gezackte Harry-Potter-Narbe auf ihrer Stirn, die sie seit einer zu rasanten Autofahrt in Schweden zeichnet, noch weißer als sonst hervortrat. Man kann sich gut vorstellen, wie dieses ungestüme Mädchen mit den wilden Locken schon früher die ältesten Genossen begeisterte. Wie sie die für sich einnahm, selbst als sie noch eine ziemlich vorlaute Sozialdemokratin war - Juso-Vorsitzende, Demokratischer Sozialismus, für Oskar Lafontaine ein "Gottesgeschenk" und so weiter. Sie hatte einen Bruder und vier Cousinen am Mittagstisch, da durfte man sich die Butter vom Brot nicht nehmen lassen. Das prägt. Nahles war immer das schnelle Mädchen, das sich alles traute.

"Sie findet Widerspruch und Akzeptanz zugleich"

Mit 18 gründet sie einen SPD-Ortsverein in ihrem katholischen Heimatdorf. Sieben Mitglieder bei 340 Einwohnern. Die Mutter fürchtet, das könne Unruhe ins Dorf bringen. Aber das schreckt die Tochter nicht. Eine wie Andrea Nahles denkt nicht ans Risiko, die wird nicht Vegetarierin, wenn sie "Gammelfleisch" hört. So eine isst die Bockwurst aus der Hand und brettert im schwarzen Golf durch die Kurven wie die Jungs aus Küttig und Lonnig, wenn sie das Leben spüren wollen. Heute übrigens ist Mutter Gertrud selbst SPD-Ratsmitglied im Ort, und sie würde ihre Tochter wohl heute auch nicht mehr vom Gymnasium fernhalten. "Realschule reicht", hieß es damals, dann eine Lehre in der Volksbank, erst später Abitur. Im Nachhinein profitiert die Politikerin von dieser Biografie, wenn sie über Schule und Chancen referiert: "Kinder müssen unterschiedlich gefördert werden", erklärte sie neulich in Leipzig. "Ey, liebe Leute, ich weiß, wovon ich rede..." Andrea Nahles soll im Oktober zur stellvertretenden SPD-Vorsitzenden gewählt werden. So will es Kurt Beck. In ihr, so der Gedanke, bündelten sich dann alle linken Sehnsüchte und Kräfte der Partei.

Nahles ist der Außenposten, der Checkpoint, dahinter beginnt das Grenzgebiet zur Linken, dann kommt Lafontaine. Man kann ziemlich sicher sein, dass Andrea Nahles nie mit Lafontaines neuer Partei liebäugeln würde und schon gar nicht mit ihm koalieren. Denn zu tief hockt in ihr die menschliche Enttäuschung über den, dem sie einst zur Macht verhalf. "Nein", sagt sie ernst, "diesem Mann würde ich nie mehr in meinem Leben folgen." Stattdessen folgt sie Kurt Beck. Sie kennt sich aus mit diesem überschaubaren Typus. Das Vaterkind Nahles war schon als 18- Jährige so was wie die Räubertochter der Pfälzer "Messdiener-Fraktion", jener katholischen SPD-Männer, die selten einer Meinung mit ihr waren und sie dennoch irgendwann auf den Schild hoben. "Sie hatte von jeher Steherqualitäten. Sie findet Widerspruch und Akzeptanz zugleich", sagt Nahles-Entdecker Hans-Dieter Gassen, 64, "und so viele gibt es ja von dieser Sorte nicht."

"Meine Fresse noch mal!"

Ihr früherer SPD-Kreisvorsitzende ist heute Direktionspräsident der Landesregierung, und wenn Nahles seinen Rat sucht, dann ist er zur Stelle. Als sie vor zwei Jahren mit ihrer Kandidatur zur SPD-Generalsekretärin den Rücktritt ihres damaligen Parteivorsitzenden Franz Müntefering herbeiführte, warfen viele aus Gassens Umgebung der Politikerin ihre "unbesonnene Art" und Schlimmeres vor. Gassen korrigierte die Kritiker. Für ihn war es Nahles' "unverdorbene Art". Und die habe in der Partei einen Prozess in Gang gebracht, der "noch lange nicht zu Ende ist". Auch jetzt gärt er wieder, brodelt und knallgast an allen Ecken. Und das wilde Mädchen, inzwischen 37 Jahre alt, schüttelt sein Haar und reagiert. "Verdammte Kacke", schimpft Frau Nahles kurz nach der Rieslingweincreme, "das hat uns gerade noch gefehlt: Ratschläge aus dem Off von Leuten, die die Partei führen wollen, meine Fresse noch mal!" Sie sagt oft "meine Fresse noch mal", wenn sie sich über die Ihren ärgert.

Oder "verdammte Kacke", wenn gerade von Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier die Rede ist. Von den "Stones", wie sie die beiden anderen Kandidaten- Brocken für die SPD-Vize- Posten betriebsintern nennen. Gerade regt sie sich über deren jüngst erschienenes Buch "Auf der Höhe der Zeit" auf, das sie und ihr Kreis als einzige Provokation empfinden. Schon vor Wochen lag Andrea Nahles mit ihren Anhängern im Clinch, weil die sich von Peer Steinbrück nicht als "Heulsusen" hatten beschimpfen lassen wollen. "Ruhig, Leute", hat sie damals noch gedämpft, man kenne den doch. "Macht das Kreuzchen trotzdem beim Peer", riet sie sanft, denn sonst ließen dessen rechte Truppen sie im Gegenzug auch "durchseiern". Dann war sie mit "dem Horst", ihrem Lebensgefährten, an den Bodensee gefahren. Urlaub hieß das offiziell. Inoffiziell saß sie dort von neun bis eins am Schreibtisch und beackerte auftragsgemäß das neue Programm, das auf dem Hamburger Parteitag verabschiedet werden soll.

"Was schafft die eigentlich?"

Es ist nämlich so: Immer wenn sich Steinbrück, Steinmeier, Wolfgang Thierse, Beck und "Hubi" Heil, der Generalsekretär, zum Planen des Parteitages trafen, war die Andrea plötzlich Expertin: die Einzige, die wusste, wie man das überhaupt macht. "Schreib doch mal einen Vermerk", brummelte Beck väterlich, wenn die wieder nicht wussten, ob und wie hoch die Frauenquote von irgendwas sein musste. Die anderen waren zuvor oft nur Gäste bei Parteitagen. Sie aber hatte vor zehn Jahren schon Mehrheiten organisiert. "Tja, das ist eben der feine Unterschied", spöttelt sie. Die andern mögen tolle Minister sein, aber sie kennt die Hälfte aller Delegierten namentlich. Deshalb ist sie sich auch so sicher, dass das, was die "Stones" jetzt mit der SPD vorhaben, niemals eine Mehrheit finden kann. "Vorsorgender Sozialstaat" heiße bei denen ja, jeder bekomme bloß ein kleines Gepäckstück mit auf den Lebensweg und müsse dann wie Hans im Glück gucken, wie er damit klarkomme. "Nee, nee, Leute, so geht das nitt, mir wollen doch bitte schön die Waffengleichheit von Kapital und Arbeit wiederherstellen", donnert sie. Tolle Sätze sind das. Ist man 40, fühlt man sich automatisch wieder jung und kämpferisch, wenn man das hört.

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Ausgabe 38/2007

Zur Person Andrea Nahles wurde am 20. Juni 1970 in Mendig geboren und trat bereits 1988 in die SPD ein. Seit 2005 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestages. Nahles wohnt derzeit in Weiler bei Mayen

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