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20. Oktober 2009, 15:50 Uhr

Karlsruher Richter zweifeln Hartz-IV-Sätze an

"Sind die Zahlen wirklich valide?": Im Verfahren um die Hartz-IV-Sätze hat Karlsruhe die Berechnungsmethode der Bundesregierung in Frage gestellt. Das Verfassungsgericht kündigte an, erstmals grundsätzlich über ein menschenwürdiges Existenzminimum entscheiden zu wollen - und verzichtete dabei nicht auf Ironie.

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Verkündete die Einschätzung des Ersten Senats: Gerichtspräsident Hans-Jürgen Papier© Johannes Eisele/Reuters

Das Bundesverfassungsgericht hat am Dienstag Zweifel an der Methode zur Ermittlung der Hartz-IV-Regelsätze geäußert und eine umfassende Prüfung angekündigt. Leicht ironisch sprach Gerichtspräsident Hans-Jürgen Papier von einer "punktgerechten Landung", die der Gesetzgeber damals beim - politisch gewollten - Betrag von 345 Euro geschafft habe: "Sind die Zahlen wirklich valide, oder hat man die gegriffen, um auf 345 Euro zu kommen?", fragte Papier an die Adresse der Bundesregierung.

Diese hatte die geltenden Regeln verteidigt. Die Höhe der Leistungen sei auf der Grundlage neuer wissenschaftlicher Methoden festgesetzt worden, sagte Sozial-Staatssekretär Detlef Scheele. Das bis 1989 geltende Warenkorbsystem habe immer wieder zu Diskussionen geführt, welche Gegenstände als existenzsichernd zu berücksichtigen seien. Das Statistikmodell der EVS orientiere sich dagegen am Verbrauchsniveau einer vergleichbaren Gruppe. Letztlich sei es ohnehin eine "normative Wertentscheidung, welcher Bedarf hilfebedürftigen Menschen zugebilligt wird". Die Gesamtausgaben aus der "Grundsicherung für Arbeitssuchende" an 7,3 Millionen Hartz-IV-Empfänger betrugen 2006 rund 40,5 Milliarden Euro.

Scheele räumte allerdings eine anfängliche Schieflage des Systems ein: Von 2005 an erhielten alle Kinder unter 14 Jahren 60 Prozent des Regelsatzes. Weil aber der Verbrauch der 6- bis 14-Jährigen höher sei, habe man den Satz kürzlich auf 70 Prozent angehoben.

Papier kündigt Premiere an

Papier kündigte an, dass das Bundesverfassungsgericht in dem Verfahren nun erstmals über Inhalt und Grenzen eines menschenwürdigen Existenzminimums entscheiden will. Bisher sei in der Rechtsprechung des Gerichts weder der sachliche Gehalt des aus Menschenwürdegarantie und Sozialstaatsprinzip hergeleiteten Existenzminimums geklärt, noch dessen Konsequenzen für den Gestaltungsspielraum des Gesetzgebers, sagte Papier.

Das Gericht prüft, ob die Leistungen für Kinder deren tatsächlichen Bedarf abdecken. Weil die Sätze lediglich durch einen pauschalen Abschlag auf die Hartz-IV-Beträge für Erwachsene festgelegt worden sind, halten das Bundessozialgericht und das Hessische Sozialgericht die Regeln für verfassungswidrig. Sie haben dem Karlsruher Gericht die Klagen von drei Familien aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hessen vorgelegt. Die Kläger halten die Sätze von heute 215 Euro für Kinder unter 6 Jahren (60 Prozent des Regelsatzes) und 251 Euro für Kinder unter 14 Jahren (70 Prozent) für zu niedrig. Ein Urteil wird erst in einigen Monaten erwartet.

Abschläge für Maßkleidung bei Sozialhilfeempfängern

Die Skepsis der Karlsruher Richter reicht womöglich noch weiter. Viele ihrer Fragen richteten sich darauf, ob bereits der Regelsatz für Erwachsene - anfangs 345, heute 359 Euro - überhaupt richtig ermittelt worden sei. Grundlage dafür ist die sogenannte Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS), mit der das Verbraucherverhalten der unteren 20 Prozent in der Einkommensskala erfasst wird.

Zur Berechnung von Hartz IV werden auf bestimmte Posten Abschläge gemacht, zum Beispiel bei der Kleidung - weil in den erhobenen EVS-Zahlen laut Gesetzgeber auch Ausgaben für Maßkleidung und Pelze enthalten seien. Verfassungsrichter Michael Eichberger zog diese Abschläge in Zweifel: Es sei doch sehr fraglich, ob beim ärmeren Fünftel der Bevölkerung für Maßkleidung überhaupt Geld ausgegeben werde.

DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 33)
 
mpumpe (22.10.2009, 03:52 Uhr)
knilch_59 (21.10.2009, 22:26 Uhr)
Das die Reichen sich der üppigen Sozialgeldern der H4 Bezieher bedienen ist wohl unbeabsichtigte Realsatire.

Natürlich sind auch die Kommunen am Ende der Fahnenstange angelangt, durch Anfangs gesetzgeberischen Murks unter dem Superminister Clement sind die "Bedarfsgemeinschaften" explodiert und eine in der Welt einzigartige Idiotie jedem Jugendlichen ein Appartment zu spendieren konnte nur mühsam mit der U25 Vorschrift eingedämmt werden.

Eine weitere Idiotie ist daß die Kosten für ihre Unterkunft nach dem Vollkostenprinzip erstattet werden. Um es krass zu sagen: In Hartz-IV-Haushalten kann geheizt werden, bis der Arzt kommt, weil der Sozialstaat immer zahlt. Energie sparen und im Zweifel einmal die Heizung herunterdrehen müssen alle anderen.

Zwar versuchen die Behörden durch pauschalierte Sätze die Heizkosten zu deckeln, mit mäßigem Erfolg.

Und bei dem Hinweis auf den weltweiten Spitzenplatz Deutschlands bzgl. der Höhe der Sozialgelder gibt es naturgemäß bei den Gutmenschen die alles so schrecklich finden nur Schhwerhörige.
knilch_59 (21.10.2009, 22:26 Uhr)
@mpumpe (21.10.2009, 19:54 Uhr)
Ihre Zahlen beruhen auf einem schweren gedanklichen Irrtum: Die genannten Werte sind keine Leistungen an Arme, sondern Leistungen an Reiche, die lediglich durch die Armen durchgeschleust werden. Wer finanziert denn die Ärzte? Im Prinzip sind das zu 80% der Einnahmen einer Praxis EMPFÄNGER VON SOZIALLEISTUNGEN. Hinter den 60 % verstecken sich also Subventionen an Wohlhabende. Ebenso die hohen Ausgaben für Zinsen: Auch das ist eine Subvention an Reiche: Dafür, dass sie in der Vergangenheit zu wenig Steuern gezahlt haben, muss sich der Staat jetzt bei ihnen Geld leihen. Vom Wohngeld profitieren keine armen Mieter, sondern es dient dazu reichen Vermietern die Pfründe zu sichern.

Nerven Sie im Zusammenhang mit den Staatsschulden und Hartz-IV nicht mit der Bildungsproblematik. Kultur ist Ländersache, und genau diese Länder verweigern sich der Erhebung einer Vermögens- und einer Erbschaftsteuer. Das führt dazu, dass sich Reiche, so sie noch Kinder haben, Bildung kaufen können (und müssen) und durch eine subtile Diskriminierung dafür sorgen, dass in diesem Land nicht nur Reichtum, sondern auch Armut erblich ist.
mpumpe (21.10.2009, 19:54 Uhr)
@ Bitte-sachlich
Genau.

Immer sachlich bleiben.

Ich finde es sehr bedenklich wenn ein Staatswesen 60 % seines Haushalts für Pump, Renten und Soziales ausgibt.

Dann bleibt zu wenig für Zukunftsausgaben wie etwa Bildung auf die das rohstoffarme Deutschland existentiell angewiesen ist.

Ich bin mir ziemlich sicher daß "das Volk" sich keine 90 % für Soziales genehmigen möchte, insbesondere nicht die jüngeren Jahrgänge. Ganz davon abgesehen zeugt so eine Aussage mit Verlaub gesagt von wenig Sachverstand.

Deutschland lebt nicht auf einer Insel der Glückseligen und kann sich im Sozialbereich nur die Ausstattungsvorsprünge erlauben die es im internationalen Wettbewerb bei Produkten und Dienstleistungen auch erwirtschaftet.

Das funktioniert schon lange nicht mehr, die Sozialgaben werden auf Pump finanziert. Jeder der noch klar denken kann weiß daß es auf Dauer unmöglich ist wie zum Beispiel in der H4 Hauptstadt Berlin daß dort 300000 Haushalte von Sozialgeldern leben.

Und daß Deutschland leicht nachweisbar jetzt schon einen Spitzenplatz in der Welt bei der Verteilung von Sozialgeldern ausgibt müßte Grund sein darüber nachzudenken ob man noch mehr ausgeben will.





Bitte-sachlich (21.10.2009, 17:02 Uhr)
@mpumpe
Haben Sie mal überlegt und auch begründet, wieviel Sozialanteil im Bundeshaushalt sein sollte? Wenn Sie mit Ihren Prozenten nur so um sich werfen, wird einem schwindlig :)

Der Bundeshaushalt gehört dem Volk, dem ganzen versteht sich! Wenn sich das Volk daraus 90% genehmigt, warum nicht? (Tut's im übrigen nicht mal im Traum.) Diese ganze Beschimpfung der Sozialausgaben rührt von der irrigen Annahme her, da bekäme jemand unverdient Geld geschenkt. Das ist typische konservative Rethorik und liegt offensichtlich darin begründet, dass die Vertreter der Wirtschaft gern mehr für Ihre eigenen Zwecke hätten. Etwa die Rettung Ihrer maroden Banken oder Unternehmen ala Opel. Was bekanntlich dem Volk nur bedingt nutzt, aber einer ganzen Heerschar von eigentlich gescheiterten Wirtschaftslenkern satte Einkommen rettet. Vergessen Sie bitte bei Ihrer Argumentation nicht, dass seit Jahrzehnten die Schere zwischen Arm und Reich bundesamtlich immer weiter auseinandergeht. Was natürlich nicht sein dürfte in der sozialen Marktwirtschaft!

Der Schuldenblock im Haushalt ist eine Katastrophe für das Staatswesen. Ja, wer verdient denn daran bitte schön, wer kassiert insgesamt mehr Geld in Form von Zinsen als vorher bar dafür auf den Tisch gelegt wurde? Muss ich nix weiter dazu sagen, auch nicht, welche staatstragenden Parteien in 60 Jahren Bundesrepublik das politisch verantwortet haben ... siehe neue Bundesregierung!

Die ganze Hartz IV Streiterei wird am lautesten zum Thema Sozialmissbrauch ausgetragen. Dieselben Scharfmacher, die eine kleine Minderheit von Schmarotzern zum Vorwand nehmen, der Mehrheit Ihren Anspruch auf gesetzlich zustehende Leistungen abzusprechen, äußert sich beim Thema Reiche immer mit dem Abwehrbegriff "Sozialneid".



knilch_59 (21.10.2009, 11:51 Uhr)
@n8g8
Die Verkürzung des ALG1-Bezugszeitraums halte ich für richtig, die wieder vorgenommene Verlängerung des Zeitraums für Ältere für falsch! Das lindert zwar soziale Härten, erfolgt aber nicht im Geiste dessen, wozu es gedacht ist: Die Zeit bis zur Rente mit ALG1 zu überbrücken, kann doch nicht ernsthaft eine Versicherungsleistung der Arbeitslosenversicherung sein (Dann müsste man so fair sein und das auch so nennen, wie es ist, nämlich ?frühere Frührente?).
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Genau dieses konsequente Nichtbedenken, wie mit einer noch so gut gemeinten Maßnahme die Gesamtzusammenhänge entstellt werden, hat uns in unsere heutigen Schwierigkeiten gebracht: Da wird Sozialpolitik über steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten gestaltet, da bezahlen Mieter von Wohnungen Besitzsteuern auf Grundbesitz und der Staat übers Wohngeld die eigenen Grundsteuern.
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Es wird mindestens eine Generation benötigen, den ganzen Unsinn an sozialen Wohltaten, den uns die vergangenen Politikergenerationen beschert haben, wieder aufzudröseln. Und die Mitte wird daran zerbrechen, aber wir müssen von diesem kollektiven Irrsinn runter: Da gibt es steuerlich subventionierte Schwimmbäder, Millionengräber, von deren künstlich niedrig gehaltenen Eintrittspreisen die Reichen profitieren. Die Armen können sich mit ihrer Familie noch nicht mal die 10 Euro für die Familienkarte leisten, die Reichen bezahlen 10 Euro und meckern dann noch, dass der Laden jedes Jahr 10 Mio-s an Zuschuss kostet. Öffentlicher Personennahverkehr, Theater, Museen, ?
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Das hat unmittelbar mit ALG2/Hartz-IV zu tun, weil das alles Sachen sind, die zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gehören, weil die Mitte sich das leisten kann. Sie kann es sich aber nur leisten, weil es auch für sie subventioniert ist. Mehr Netto vom Brutto würde dann nämlich auch bedeuten, dass der Bus ein Drittel teurer wird.
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Nein, ich bin nicht der Meinung, dass man in Generalstreik treten muss, nur weil man plötzlich und unerwartet mit der Realität konfrontiert wird. Die historische Niederlage der SPD besteht darin, dass sie es nicht geschafft hat die Sinnhaftigkeit ihrer Maßnahmen zu vermitteln PLUS sie die Maßnahmen nicht sozial ausgewogen durchgeführt hat. Das Heulen und Zähneklappern nur auf die Hartzies und die Unteren Einkommensschichten zu beschränken, war einfach falsch!
mpumpe (21.10.2009, 09:54 Uhr)
Typisch deutsche Diskussion
"Sozio-kulturelles Minimum" und der "Bedarf" sei falsch ermittelt. Du lieber Himmel, der "Bedarf" ist so daß er den internationalen Vergleich nicht scheuen muß.

Bei wohl 90 % der Menschheit gibts keinen "Bedarf". Und bei den wohlhabenden wo es "Bedarf" gibt ist Deutschland an führender Stelle.

Wohl gemerkt, jetzt schon. 60 % des Bundeshaushalts gehen für Pump, Soziales und Rentenzuschüsse drauf.

Sollen es 100 % sein damit der "Bedarf" soziokulturell stimmt?

Selbst im bevölkerungsmäßig kleinen Schweden gibts nicht so viel "Bedarf".
Mikeorganizer (21.10.2009, 08:34 Uhr)
Solange...
Menschen darüber entscheiden, die mit eine Gehalt nach Hause gehen, dass ein gemeiner Arbeitnehmer fast im viertel Jahr nicht verdienen kann und diese mit einem Rentenanspruch von bis zu 8000 Euro in den Ruhestand gehen kann es bei der Hartz4 Missere keine Gerechtigkeit von diesen Leuten geben.
Mikeorganizer (21.10.2009, 08:31 Uhr)
Es ist nicht überraschend ....
dass man wieder mal nur an den Symptomen herumdoktort ohne das eigentliche Problem zu erkennen. Hartz4 war, ist und wird weiterhin ein ungerechtes und demütigendes System bleiben.
ganzbaf (21.10.2009, 07:17 Uhr)
Hartz 4 ist scheisse...

weil er Leute dazu zwingt, zu Dumpinglöhnen zu arbeiten, Was Arbeitgeber und Zeitarbeitsfirmen weidlich ausnutzen.

Deutschland braucht gute Mindestlöhne und das Recht auf Arbeit, dann kann man die Sozialhilfe auch praktisch ganz streichen.

Bezahlen müssen dies die Arbeitgeber, die im Geld nuer so schwimmen und drauf sitzen, Deswegeb flutscht die Wirtschaft ja nicht ;-)
n8g8 (21.10.2009, 00:47 Uhr)
@knilch
"Das ALG1 wird aus den Mitteln der Arbeitslosenversicherung bestritten. Deren Leistung ist zeitlich begrenzt, und das ist auch richtig. Die Erfahrung zeigt, dass nach einem Jahr Arbeitslosigkeit die Chancen zur Vermittlung in einen der früheren Tätigkeit vergleichbaren Job verstrichen sind, damit ist das, was versichert war, abgegolten."
Jupp, nur ergänze ich, dass durch die Rot-Grüne Regierung die Bezugszeiten von ALG 1 von 36 (?) Monaten auf 12 Monate radikal gekürzt wurde. Und wenn man sich einmal bewusst macht, dass dies zu Zeiten von steigender Arbeitslosigkeit geschehen ist, hätten die Beitragszahler in Bezug auf ihre Beiträge zur Arbeitslosenversicherung gnadenlos in den politischen Generalstreik treten müssen!!! Oder sind Sie da anderer Meinung?!?
Mal ganz abgesehen davon, dass zeitgleich das inhumane Hartz IV System eingeführt wurde, obwohl der Anstieg an Arbeitslosigkeit bereits eingesetzt hatte. Und daher bleibt für mich nur eine Schlußfolgerung: Hatz IV war, ist und bleibt auch weiterhin ein bewusstes, schamloses Programm zur Etablierung der Verarmung breiter Bevölkerungsschichten!!!
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