Auf Wiedersehen!

14. Dezember 2011, 17:18 Uhr

Christian Lindners Rücktritt als Generalsektretär kam überraschend. Das einstige "FDP-Bambi" ist deshalb aber noch lange nicht abgeschrieben, im Gegenteil. Von Hans Peter Schütz

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Wird das Rampenlicht nicht so schnell verlassen: Christian Lindner, FDP-Generalsekretär a.D.©

Der Ausstieg kam kurz und schnell und es gab keine Erklärung dafür. Dann war Christian Lindner weg. Über Nacht. Und stürzte das politische Berlin am Mittwochmorgen in politisches Chaos. Nur wenige hatten damit gerechnet, dass der FDP-Generalsekretär nach nur zwei Jahren Amtszeit so rabiat aussteigen würde.

Aber ganz so unerwartet hat Lindner seinen Liberalen den Bettel nicht hingeworfen. Er zweifelte schon länger, ob er noch lange im Amt bleiben würde.

Der tapfere Parteigeneral

Vor einem Vierteljahr sprach er mit Journalisten. Deren erste Frage war: Stimmen Sie der These zu, dass Guido Westerwelle an der Spitze der Unsympathen in der FDP steht? Lindner antwortete nicht, nickte kaum bemerkbar mit dem Kopf. Die zweite Frage lautete: Ist es denn nicht so, dass Philipp Rösler auf der Mitleidsskala klarer Spitzenreiter ist?

Lindner nickte wieder unmerklich und blickte wie Hilfe suchend hinter sich auf die Wand an seinem Schreibtisch in der Berliner FDP-Zentrale. Dort hängen großformatige Schwarz-Weiß-Bilder von liberalen Großdenkern wie Friedrich August von Hayeck, Ralf Dahrendorf und Otto Graf Lambsdorff. Der Blick zurück war wie ein Hilferuf.

Schon vor drei Monaten war in dieser Sekunde klar, dass Lindner selbst daran zweifelte, dass es eine gute Entscheidung war, sich als FDP-Generalsekretär anheuern zu lassen. Dass ihn die renommierte "Frankfurter Allgemeine" an diesem Tag in einem Kommentar als "Nullnummer" bezeichnet hatte, ertrug Lindner noch mit Fasson. "Ich werde als Parteigeneral eben für Tapferkeit bezahlt", sagte er. Außerdem hatte die Zeitung noch kurz zuvor einen ganzseitigen Aufsatz aus seiner Feder mit dem Titel "Wozu Liberalismus?" abgedruckt. Er gab sich unverdrossen. "Wir kämpfen", versicherte er im anschließenden Gespräch.

Lindner hat keine Lust mehr auf die Arschkarte

Doch irgendwann mochte er seine wahre Gemütslage im Amt des Generalsekretärs nicht mehr unterdrücken. Er sagte: "Ich habe hier doch die Arschkarte."

Auf der standen aus seiner Sicht folgende Punkte: Erstens war die FDP vom stolzen 14,6-Prozent-Ergebnis bei der Bundestagswahl auf drei Prozent in den Umfragen abgestürzt. Das war ein Niedergang, wie ihn bisher noch keine Partei nach einer Bundestagswahl hingelegt hat. Zweitens war ihm schon damals klar, dass mit dem neuen FDP-Chef Rösler keine Trumpfkarte gezogen worden war. Er selbst musste sich als Mitglied der "Bubitruppe" Röslers beschimpfen lassen. Und drittens wurde er schon damals innerhalb der FDP zum Hauptverantwortlichen dafür gestempelt, dass die Arbeit an einem neuen Grundsatzprogramm nicht hurtig genug vorankam.

Schon damals definierte Lindner die FDP mit Sätzen, die nicht in das Weltbild Röslers passten. Der Liberalismus dürfe sich nicht als Interessenvertreter privilegierter Gruppen missbrauchen lassen, sagte Lindner: "Der Liberalismus muss oberhalb der Interessen stehen und die Regeln des Miteinanders von dort definieren. Er kann sich nicht mit Gruppen verbünden." Eine Wegbeschreibung, die sich mit dem bisherigen Kurs von Rösler in der Banken- und Finanzkrise nicht vereinbaren lässt.

Viel Lob für den "Goldfisch", nur Spott für Rösler

Kein Wunder, dass Rösler bei der offiziellen Verabschiedung von Lindner heute seine Distanz zu dem zurückgetretenen Parteigeneral nicht unterdrückte. Ein knappes Dankeswort für "hervorragende Arbeit" gab er ihm mit, und ohrfeigte ihn dann praktisch anschließend noch mit dem Satz: "Jetzt werden wir nach vorn schauen, und ich werde zügig über den neuen Generalsekretär entscheiden." Das dürfte im Klartext wohl geheißen haben: einen Generalsekretär, der nach vorn blickt. Im Kopf hatte Rösler da schon Patrick Döring, den er dann am Abend als Nachfolger Lindners vorschlug.

Fragen ließ Rösler beim Lindner-Adieu nicht zu. Der Altliberale Gerhart Baum, der schon viele Krisen in der FDP erlebt hat, sprach jedoch offen aus, wo er seine Partei unter diesem Parteichef Rösler sieht: "Die Partei ist in einer Lebensgefahr wie nie zuvor!" Nirgendwo wurde Lindner für die Misere verantwortlich gemacht. Die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sagte: "Die FDP steht vor dem Verfall, und der hat einen Namen: Philipp Rösler."

Wie lange der noch Parteichef bleibt, ist offen. Spätestens dann, wenn die FDP bei der Landtagswahl im Mai aus dem Landtag in Kiel fliegt, dürfte er am Ende sein. Bezogen auf Lindner gibt es keine derartigen Urteile. In der Spekulation wird er bereits als neuer FDP-Fraktionschef gehandelt für den Fall, dass Rainer Brüderle ins Amt von Rösler aufrückt.

Die personell ausgeblutete FDP könnte es sich auch gar nicht leisten, Talente wie Lindner in der Sache wie am Mikrophon auszublenden. Der hat bisher zudem immer das Talent bewiesen, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz zu sein. Schon mit 25 Jahren wurde er 2004 Generalsekretär der nordrhein-westfälischen FDP und war dann stellvertretender Vorsitzender der Landtagsfraktion. Zu Beginn seiner Karriere belächelten ihn viele in der eigenen Partei wegen seiner jungen Jahre – er war mit 13 in die Politik eingestiegen – als das "Bambi" der FDP. Durch den Wechsel nach Berlin hat er gelernt, wie man in der politischen Bundesliga spielen muss, um erfolgreich zu sein. Der ehemalige stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Werner Hoyer, lobt ihn schon bald mit dem Satz: "Er ist einer der Goldfische in meinem Teich."

Lindner schmiedet schon neue Pläne

Im Gegensatz zu Rösler kann sich Lindner durchaus vorstellen, seine Partei aus der "bürgerlichen Umklammerung" zu führen, notfalls auch über Bündnisse mit den Grünen und der SPD. Und er achtet auch die Wähler der Piratenpartei: "Die Wähler der Piratenpartei sind sicher keine Narren." Aus seiner Sicht operieren die Piraten über das Web, um für Probleme gemeinsame Lösungen zu bekommen. "Diese kollaborative Politik finde ich spannend, auch wenn man noch nicht sagen kann, ob sie funktioniert."

Der Mann wird den Liberalen erhalten bleiben. Denn die FDP ist in seinen Augen "eine Partei, die den Bürgern die Verantwortung für ihr Leben nicht abnehmen will". Dafür will er weiterhin "kämpfen" – ohne zeitliche Befristung.

Auch an diesem Punkt unterscheidet er sich grundsätzlich von Rösler. Dass er schon heute gesagt hat, dass für ihn mit 45 definitiv Schluss sei mit der Politik, kann Lindner nicht verstehen. Der sagt: "Ich habe dafür keinen Plan." Das kann nur heißen: Ich mache auf jeden Fall weiter.

Kaum anzunehmen, dass der 32-Jährige künftig seine Zeit damit verbringt, sich täglich italienische Nudeln zu kochen und sich Steve-Mc-Queen-Filme reinzuziehen. Auch Urlaub von der Politik wird er keinen machen. Wie schon in seiner politischen Jugendzeit. "Während andere knutschten, saß ich im ICE."

So gesehen kann sein Rücktritt als Anlauf gesehen werden, jetzt erst recht in der FDP durchzustarten. Wie sagte Lindner, als das Rednerpult im Thomas-Dehler-Haus verließ: "Auf Wiedersehen."

 
 
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