. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
3. April 2008, 15:40 Uhr

Lobbyisten schreiben an Gesetzen mit

Wenn die "Leiharbeiter" mitbestimmen: Seit Jahren sitzen Lobbyisten in Bundesministerien - und schreiben zum Teil sogar an Gesetzen mit. Das ist das Ergebnis eines Rechnungshofberichts. An Richtlinien, wie weit Interessenvertretung gehen darf, hat bisher offenbar niemand gedacht. Von Sebastian Christ

Offenbar arbeiteten zeitweilig mehr als 100 Interessenvertreter in den Ministerien - ohne das Wissen der Bundestagsabgeordneten© AP Photo/Michael Sohn

Es klingt unglaublich: Lobbyisten von Verbänden und Konzernen sollen in den vergangenen Jahren an der Ausarbeitung von Gesetzen in Bundesministerien beteiligt gewesen sein. Zu diesem Schluss kommt ein interner Bericht des Bundesrechnungshofs an den Haushaltsausschuss des Bundestages, der stern.de vorliegt. Zum Teil hatten die Interessenvertreter sogar leitende Funktionen inne. Wie weit die Einflussnahme ging, ist noch unklar.

Das Papier wurde erstellt, nachdem das ARD-Fernsehmagazin "Monitor" zu diesem Thema recherchiert hatte. Demnach sollen zwischenzeitlich über 100 so genannte "Externe" in Bundesministerien gearbeitet haben. Viele sind immer noch dort angestellt. Mehr als drei Viertel von ihnen gehören bundeseigenen oder bundesnahen Institutionen an. Der Rest, immerhin noch etwa zwei Dutzend Angestellte, kommt aus der freien Wirtschaft. Der Bundesrechnungshof hat Fälle von 2004 bis 2007 untersucht.

Ein Teil der "Externen" sei zu Weiterbildungszwecken und in Expertenfunktion beschäftigt worden – was nicht unbedingt kontraproduktiv sein muss, schließlich dient der Informationsaustausch zwischen Wirtschaft und Politik in zahlreichen Fällen auch der sachlichen Ausarbeitung von Gesetzen und Richtlinien. So wird verhindert, dass die Bundesregierung an der Realität vorbei plant. Explizit wird in den Bericht jedoch erwähnt, dass von außen kommende Angestellte auch "bis hin zur vollständigen Wahrnehmung der Aufgaben von Beschäftigten der Behörde" mit eingebunden waren. Was das heißt? Auch hier wird der Bericht sehr konkret: "Externe waren auch in Tätigkeitsfeldern eingesetzt, die hinsichtlich ihrer politischen Bedeutung, ihres Zugangs zu internen Informationen oder ihrer Nähe zu den Interessenschwerpunkten der entsendenden Stelle eine herausgehobene Position hatten. Sie waren auch an der Erarbeitung von Gesetzes-/Verordnungsentwürfen, sonstigen Regelungen, an Vergabeverfahren und an Leitungsvorhaben beteiligt, außerdem wirkten sie bei der Außenvertretung der Bundesregierung mit; in wenigen Einzelfällen wurden zeitweilig Führungspositionen wahrgenommen."

Aus Personalmangel Lobbyisten angestellt

Als ein Beispiel für Interessenvertreter von staatseigenen Institutionen nennt der Bericht etwa den Beschäftigten eines öffentlichen Kreditinstituts, der in einem nicht näher benannten Bundesministerium gearbeitet haben soll. Eines der Fallbeispiele von privatwirtschaftlichen Externen beschreibt, wie ein Angestellter eines Unternehmens direkt in einem Referat beschäftigt war, das an der Weiterentwicklung von firmenrelevanten Vorschriften arbeitete. Der Mann wurde trotz des Einspruchs von einem Konkurrenzunternehmen weiterbeschäftigt.

Oft wurden Mitarbeiter aus Personalmangel von den Behörden angeworben. Die Bezahlung erfolgt in vielen Fällen durch die Unternehmen und Verbände, bei denen sie ursprünglich beschäftigt waren. Richtlinien darüber, in welchem Rahmen Lobbyvertreter beschäftigt werden können, und was sie tun dürfen, gab es bisher offensichtlich nicht.

Insgesamt kommt der Bericht zu dem Schluss, dass es bisher wohl zu keiner Gefährdung öffentlicher Interessen durch die Beschäftigung Externer gekommen sei. Es könne jedoch auch nicht ausgeschlossen werden, dass Lobbyisten in ihrer Arbeit auch Interessenvertretungsfunktionen wahrgenommen haben.

"Da fühle ich mich veralbert"

Das Thema „Lobbyarbeit in den Ministerien“ schwelt schon länger. Bereits 2003 hatte die Bundestagsabgeordnete Gesine Lötzsch (Linke, damals PDS) eine Anfrage an die Bundesregierung gestellt. Sie wollte wissen, wie viele „Externe“ in den Ministerien beschäftigt sind, und welche Aufgaben sie dort übernehmen. Ihr wurde damals beschieden, dass es dazu keine Zahlen gäbe. Außerdem seien diese Mitarbeiter nicht mit "hoheitlichen" Aufgaben betraut. Also mit der Ausarbeitung von Gesetzen, zum Beispiel.

"Da fühle ich mich veralbert", sagt Lötzsch heute. "Wir werden als Parlamentarier im Dunklen gelassen. Als Abgeordnete wissen wir nicht mehr, was von wem kommt." Sie fordert, dass künftig jedes Gesetz, an dem Lobbyisten mitgearbeitet haben, gekennzeichnet werden soll. Am liebsten wäre ihr jedoch, wenn der Einfluss von Interessenvertretern ganz zurückgedrängt werden könnte. "Kein Lobbyist darf Einfluss auf hoheitliche Aufgaben haben."

Lötzsch nennt als negatives Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit die Mitarbeit eines Angestellten aus der Automobilindustrie im Verkehrsministerium. Er soll zur selben Zeit tätig gewesen sein, als die Verträge zum Autobahnmautsystem geschlossen wurden. Bis heute wartet der Bund auf Ausfallzahlungen seitens der Industrie in Milliardenhöhe, weil sich die Fertigstellung des Mautsystems verzögerte.

Auch die grüne Abgeordnete Anna Lührmann reagierte besorgt auf den Bericht des Rechnungshofs. "Was in Zukunft nicht mehr sein darf ist, dass Firmenvertreter in Ministerien arbeiten, die ihren eigenen Interessenbereich tangieren." Ihr selbst sei der Fall eines Angestellten aus dem Luftfahrtbereich bekannt, der im Verkehrsministerium gearbeitet habe. Lührmann will sich dafür einsetzen, dass die im Bericht angegebenen Richtlinienvorschläge vom Haushaltsausschuss umgesetzt werden.

Das Bundesverkehrsministerium war am Donnerstagnachmittag nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

TV-Tipp Sehen Sie dazu am 03.04.08 im ARD-Magazin "Monitor" um 21.45 Uhr den Beitrag: "Heimliche Interessensvertreter: Lobbyisten in Bundesministerien"

Von Sebastian Christ
 
 
KOMMENTARE (10 von 48)
 
Joe67 (05.04.2008, 18:21 Uhr)
Schlimmer als Bestechung
Wenn ein Mitarbeiter eines Ministeriums einer Firma mehr als einen Kugelschreiber annimmt, so ist dies Vorteilsnahme - gemeinhin "Bestechung" genannt.
Wenn das Ministerium für seine hoheitlichen Aufgaben Externe beschäftigt, die ihr Geld von einer anderen Firma erhalten, so soll dies legal sein?
Wenn Externe diese Aufgaben übernehmen, so würde die Dienstpflicht erfordern, diese externen Mitarbeiter auf die gleichen Richtlinien zu verpflichten wie die eigenen Mitarbeiter. Wurde dies versäumt oder ist dies systembedingt nicht möglich, so liegt bei den Vorgesetzten eine Dienstpflichtverletzung im Ministerium vor. Wenn der Minister oder die Ministerin das gedeckt hat, so sollten diese zurücktreten.
ganzbaf (05.04.2008, 10:09 Uhr)
Andererseits...
wahrscheinlich haben die das sogar... ;-p
ganzbaf (04.04.2008, 22:41 Uhr)
Wohl kaum
.
chatahootchee (04.04.2008, 17:56 Uhr)
WAERE ES NICHT BESSER,
man haette beim Biosprit einen Lobbyisten mitwerkeln lassen? Vielleicht haette dieser mehr Ahnung von der Materie!
powderC (04.04.2008, 17:21 Uhr)
Was war vorher?
Ich erinnere mich. Zu Beginn der Schröder-Regierung hat alles begonnen. Und schon damals gab es ein grottenschlechtes Steuergesetz, das dem Staat unnötige Steuerausfälle bescherte. Zufall oder Lobbyarbeit? Übrigens der Finanzminister hieß Lafontaine und verabschiedet wurde das Gesetz im Bundesrat, weil der abgewählte Ministerpräsident Eichel gegn den Willen seines schon feststehenden Nachfolgers für die Mehrheit im Bundesrat sorgte. Wie wäre es mit einer Recherche des Stern?
fx60 (04.04.2008, 16:51 Uhr)
Noch mehr zum Lobbyismus...
Ein Arzt aus Oberbayern hat mal recherchiert: Bertelsmannkonzern (besitzt die RTL-Gruppe u.a. Medien) unterhält die Bertelsmanstiftung, die -angeblich- unabhängig demoskopisch forscht und referiert (vor Politikern, und die Referenten sind gut bezahlt...), besitzt den Löwenanteil an den Rhönkliniken, dem erfolgreichsten privaten Klinikträger. Dann wäre da noch der Plan, Arztpraxen durch medizinische Versorgungszentren zu ersetzen ("billiger"), die natürlich irgendwann auch einen Träger brauchen... Na? Und wer macht die Meinung in der Bevölkerung? Bild und RTL zum Beispiel. Wer macht sie bei der Politik? Stiftungen zum Beispiel... Interessant übrigens, daß alles immer zu teuer bleibt... Und wer ist regelmäßig mal bei Frau Merkel zu Besuch? Die Besitzerinnen von Bild und Bertelsmann. Ach ja: der AOK-Chef von 2003, der damals nocvh gegen die Gesundheitsreform war, predigt heute das Gegenteil - als Referent der Stiftung.
endbenutzer (04.04.2008, 14:27 Uhr)
@Dewerth:
*LOOOOL* Der war gut. ;-)
Dewerth (04.04.2008, 14:10 Uhr)
Lobbyisten beim Stern erfolgreich.
Stern musste Lobbyisten-Artikel von der Startseite nehmen. Anzeigenaufträge gerettet.
utospatz (04.04.2008, 13:47 Uhr)
Wenn ich einen Kriminellen
für meine Zwecke benötige, kaufe ich mir einen Lobbyisten!
Schon nach der Wende habe ich die Behauptung aufgestellt:" Die Anzahl der Länderparlamente muss verdoppelt werden, damit ich im System die vierfache Anzahl dieser Kriminellen unterbringen kann!"
Oh Herr, wie viele Kackermänner hätten wir da?
Deshalb ist mein damaliger Freundeskreis von ca'250 auf drei Personen geschrumft. Der deutsche Bürger wird öffentlich rechtlich verdummt, und dementsprechend von denjenigen die aus Dummheit er gewählt, anschliesend zur Schlachtbank geführt!
paulmaz (04.04.2008, 10:29 Uhr)
Endbenutzer
Hab ich richtig gelesen, die Bundes-
kanzlerin soll ein "Machtwort" spre-
chen? Hab gehört, dass die Polittou-
ristin Merkel demnächst in Deutsch-
land eine Stipvisite abgeben will.
Sie können sicher sein, dass sie,wie
gewohnt als erste auf Tauchstation
geht wenn es unangenehme Sachen zu
erledigen gibt.
MEHR ZUM ARTIKEL
Bundesrechnungshof Wenn die Leiharbeiter mitbestimmen

Der Bundesrechnungshof hat angemahnt, externe Leiharbeiter übernähmen Führungsfunktionen in Ministerien und seien an Gesetzentwürfen beteiligt. So steige das Risiko von Interessenkonflikten. mehr...

Berufswechsel Grüne wird Zigaretten-Lobbyistin

Schon wieder wildert die Wirtschaft bei den Grünen: Nachdem der ehemalige Parlamentarische Staatssekretär Matthias Berninger vor einiger Zeit als Lobbyist zum Lebensmittelkonzern Mars wechselte, wird eine seiner Kolleginnen für die Tabakindustrie aktiv. mehr...

Berlin Die Stadt der 3.000 Lobbyisten

Mit dem Umzug nach Berlin hat sich im deutschen Politbetrieb ein neuer Berufszweig entwickelt: der Konzern-Lobbyist. Denn Unternehmen schicken lieber die eigenen Leute. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe