Die CDU will die Laufzeit der Atomkraftwerke verlängern. Doch niemand weiß, wohin mit dem strahlenden Müll. Preisfrage: Welche Region zieht die A-Karte? Ein stern.de-Interview mit Energie-Experte Michael Sailer.

Ab unter die Erde: Noch immer kein Endlager für Atommüll in Sicht© Helmholtz Zentrum München/ddp
Wir brauchen ein Endlager, ganz klar. Aber die Laufzeiten sind nicht völlig egal, weil bei längeren Laufzeiten auch mehr Atommüll produziert würde. Richtig ist, dass das Gros des Mülls längst angefallen ist. Es wurden in Deutschland ja allein schon 18 Reaktoren stillgelegt. Die abgebrannten Brennelemente aus den derzeit laufenden Atomkraftwerken wurden zum Teil zu Wiederaufbereitungsanlagen in Frankreich und Großbritannien gebracht. Von dort kommen in den nächsten Jahren einige Dutzend Castoren mit Abfällen wieder zu uns zurück. Irgendwo muss dieser Abfall untergebracht werden.
Keiner weiß es genau. Es gibt keine Langzeiterfahrung. Zwar sind die deutschen Energieversorger verpflichtet, regelmäßig den Zustand der Lager und der Behälter zu überprüfen. Aber immer noch wird gestritten, wie gründlich sie das tun müssen. Das Nachschauen hat zum Beispiel im Zwischenlager Karlsruhe, wo schwachradioaktive Abfälle lagern, immer wieder zu umfangreichen Umpackaktionen geführt - die auch sehr teuer sind.
In der Tat. Beim Schacht Konrad in Salzgitter, der jetzt für die Endlagerung für mittel- und schwachradioaktiven Müll ausgebaut wird, wird es von der Entscheidung 1982 bis zur Inbetriebnahme 2013 um die 30 Jahre dauern. Man braucht also über fünf bis sieben Legislaturperioden Planungssicherheit, um ein Endlager zu bauen. Das ist das Problem. Bisher mochte noch keine einzige Regierung, übrigens egal welcher Couleur, so weit vorausschauen.
Das Moratorium für Gorleben, das Rot-Grün im Jahr 2000 für höchstens zehn Jahre in Kraft gesetzt hat, dauert unter Schwarz-Rot immer noch an. In dieser Zeit darf Gorleben nicht weiter erkundet werden. Bloß werden auch keine anderen Standorte erforscht. Für die Unionsparteien steht Gorleben irgendwie fest, wohl eher aus politischen denn aus wissenschaftlichen, sozio-ökonomischen oder sicherheitstechnischen Gründen heraus. Die SPD möchte eigentlich eine neue freie Standortsuche, setzt sie aber nicht durch.
In Frankreich und einigen anderen Ländern wurde oder wird über die langfristige oberirdische Zwischenlagerung nachgedacht, über Zeiträume von 80 oder 100 Jahren. Aber davor warne ich. Denken Sie sich nur mal in Jahr 1908 zurück und was seitdem alles in Deutschland passiert ist.
Jedenfalls würden wir unseren Nachkommen enorm hohe Risiken und Kosten aufbürden. Die kann man gar nicht abschätzen. Zwischenlager müssen immer überwacht werden, nicht nur technisch. Stellen Sie sich mal vor, was wäre, wenn das Zeug in falsche Hände geriete!
Transmutation ist ein schönes Märchen für Nichtingenieure. Sie ist technisch überhaupt noch nicht realisierbar. Darum forschen die Franzosen zwar weiter auf diesem Gebiet, haben aber der Endlagerung vor zwei Jahren die höchste Priorität eingeräumt. Denn unterschlagen wird beim Schwärmen von der Transmutation häufig, dass auch da hochradioaktiver Restmüll übrig bliebe. Es bleibt also dabei: Wir kommen nicht um sichere Endlagerstätten herum.
Ich halte den Vorschlag, eine "Rückholbarkeit" zu ermöglichen, für wenig sinnvoll. Denn man könnte das Bergwerk nicht optimal verschließen, die Sicherheit wäre gefährdet. Klug ist, genau zu dokumentieren, was wo und wie eingelagert wird. Künftige Generationen, die die Fähigkeit haben, Müll umzuwandeln, haben sicherlich auch die Fähigkeit, Müll aus einem gesicherten Endlager zu bergen.
Michael Sailer Sailer ist Vorsitzender der unabhängigen Entsorgungskommission, die das Bundesumweltministerium kürzlich berufen hat. Sie soll das Bundesumweltministerium unter anderem in Fragen der Endlagerung von Atommüll beraten. Der Chemieingenieur Sailer ist stellvertretender Geschäftsführer des Ökoinstituts mit Büros in Freiburg , Darmstadt, und Berlin . Unter Rot-Grün hat er jahrelang im "Arbeitskreis Endlager" Richtlinien für eine freie Standortsuche erarbeitet. In Deutschland ist 31 Jahre, nachdem der Salzstock unter dem niedersächsischen Gorleben als Endlagerstätte ins Spiel gebracht wurde - noch immer kein Standort in Aussicht.
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