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22. August 2008, 13:05 Uhr

Wohin mit dem Atommüll?

Die CDU will die Laufzeit der Atomkraftwerke verlängern. Doch niemand weiß, wohin mit dem strahlenden Müll. Preisfrage: Welche Region zieht die A-Karte? Ein stern.de-Interview mit Energie-Experte Michael Sailer.

Ab unter die Erde: Noch immer kein Endlager für Atommüll in Sicht© Helmholtz Zentrum München/ddp

Herr Sailer, die große Koalition streitet über längere Laufzeiten für Atomkraftwerke. Aber wenn wir über den Strahlenmüll reden, ist es doch wurscht, ob die Meiler nur noch wie geplant 13 oder vielleicht doch 20 Jahre lang weiter laufen – ein Endlager muss in jedem Fall her, oder?

Wir brauchen ein Endlager, ganz klar. Aber die Laufzeiten sind nicht völlig egal, weil bei längeren Laufzeiten auch mehr Atommüll produziert würde. Richtig ist, dass das Gros des Mülls längst angefallen ist. Es wurden in Deutschland ja allein schon 18 Reaktoren stillgelegt. Die abgebrannten Brennelemente aus den derzeit laufenden Atomkraftwerken wurden zum Teil zu Wiederaufbereitungsanlagen in Frankreich und Großbritannien gebracht. Von dort kommen in den nächsten Jahren einige Dutzend Castoren mit Abfällen wieder zu uns zurück. Irgendwo muss dieser Abfall untergebracht werden.

Atommüll ist bereits vor 40 Jahren entstanden, die Zwischenlager in Deutschland werden aber derzeit nur für 40 Jahre genehmigt. Was passiert mit dem radioaktiven Abfall in den Fässern und Castoren nach dieser Frist?

Keiner weiß es genau. Es gibt keine Langzeiterfahrung. Zwar sind die deutschen Energieversorger verpflichtet, regelmäßig den Zustand der Lager und der Behälter zu überprüfen. Aber immer noch wird gestritten, wie gründlich sie das tun müssen. Das Nachschauen hat zum Beispiel im Zwischenlager Karlsruhe, wo schwachradioaktive Abfälle lagern, immer wieder zu umfangreichen Umpackaktionen geführt - die auch sehr teuer sind.

Und im Versuchsendlager "Asse II" bei Braunschweig, einem alten Salzbergwerk, hat einsickerndes Wasser offenbar Cäsium aus maroden Abfallfässern geschwemmt. Wie soll es nun weitergehen? Wolfram König, der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz, sagt, es dauere mindestens 15 Jahre von der Standortwahl bis zur Inbetriebnahme eines Endlagers. Und das sei ein optimistisches Szenario.

In der Tat. Beim Schacht Konrad in Salzgitter, der jetzt für die Endlagerung für mittel- und schwachradioaktiven Müll ausgebaut wird, wird es von der Entscheidung 1982 bis zur Inbetriebnahme 2013 um die 30 Jahre dauern. Man braucht also über fünf bis sieben Legislaturperioden Planungssicherheit, um ein Endlager zu bauen. Das ist das Problem. Bisher mochte noch keine einzige Regierung, übrigens egal welcher Couleur, so weit vorausschauen.

Das zeigt auch der Streit um Gorleben.

Das Moratorium für Gorleben, das Rot-Grün im Jahr 2000 für höchstens zehn Jahre in Kraft gesetzt hat, dauert unter Schwarz-Rot immer noch an. In dieser Zeit darf Gorleben nicht weiter erkundet werden. Bloß werden auch keine anderen Standorte erforscht. Für die Unionsparteien steht Gorleben irgendwie fest, wohl eher aus politischen denn aus wissenschaftlichen, sozio-ökonomischen oder sicherheitstechnischen Gründen heraus. Die SPD möchte eigentlich eine neue freie Standortsuche, setzt sie aber nicht durch.

In einem Endlager soll der radioaktive Müll in einem unterirdischen Gestein verschwinden und für eine Million Jahre sicher verschlossen sein. Gibt es Alternativszenarien?

In Frankreich und einigen anderen Ländern wurde oder wird über die langfristige oberirdische Zwischenlagerung nachgedacht, über Zeiträume von 80 oder 100 Jahren. Aber davor warne ich. Denken Sie sich nur mal in Jahr 1908 zurück und was seitdem alles in Deutschland passiert ist.

Zwei Weltkriege, zwei Diktaturen, ein kalter Krieg, Terrorzellen in Hamburg. Sie meinen, es ist zu gefährlich, soweit in die Zukunft zu planen?

Jedenfalls würden wir unseren Nachkommen enorm hohe Risiken und Kosten aufbürden. Die kann man gar nicht abschätzen. Zwischenlager müssen immer überwacht werden, nicht nur technisch. Stellen Sie sich mal vor, was wäre, wenn das Zeug in falsche Hände geriete!

Die Franzosen, aber auch manche deutsche Politiker hoffen darauf, das Problem bald mittels Hightech lösen zu können, durch "Transmutation". Dabei soll, vereinfacht gesagt, der Strahlenmüll physisch und chemisch so behandelt werden, dass er vielleicht nur noch fünf Jahre strahlt und dann unschädlich ist.

Transmutation ist ein schönes Märchen für Nichtingenieure. Sie ist technisch überhaupt noch nicht realisierbar. Darum forschen die Franzosen zwar weiter auf diesem Gebiet, haben aber der Endlagerung vor zwei Jahren die höchste Priorität eingeräumt. Denn unterschlagen wird beim Schwärmen von der Transmutation häufig, dass auch da hochradioaktiver Restmüll übrig bliebe. Es bleibt also dabei: Wir kommen nicht um sichere Endlagerstätten herum.

Das Bundesumweltministerium spekuliert in einem Papier auf die technischen Fähigkeiten künftiger Generationen. Sie könnten den Müll vielleicht doch umwandeln oder unschädlich machen. Deswegen soll das mögliche Endlager so konzipiert werden, dass der Müll "rückholbar" ist. Was bedeutet das für die Sicherheit?

Ich halte den Vorschlag, eine "Rückholbarkeit" zu ermöglichen, für wenig sinnvoll. Denn man könnte das Bergwerk nicht optimal verschließen, die Sicherheit wäre gefährdet. Klug ist, genau zu dokumentieren, was wo und wie eingelagert wird. Künftige Generationen, die die Fähigkeit haben, Müll umzuwandeln, haben sicherlich auch die Fähigkeit, Müll aus einem gesicherten Endlager zu bergen.

Michael Sailer

Michael Sailer Sailer ist Vorsitzender der unabhängigen Entsorgungskommission, die das Bundesumweltministerium kürzlich berufen hat. Sie soll das Bundesumweltministerium unter anderem in Fragen der Endlagerung von Atommüll beraten. Der Chemieingenieur Sailer ist stellvertretender Geschäftsführer des Ökoinstituts mit Büros in Freiburg , Darmstadt, und Berlin . Unter Rot-Grün hat er jahrelang im "Arbeitskreis Endlager" Richtlinien für eine freie Standortsuche erarbeitet. In Deutschland ist 31 Jahre, nachdem der Salzstock unter dem niedersächsischen Gorleben als Endlagerstätte ins Spiel gebracht wurde - noch immer kein Standort in Aussicht.

Alles über die Suche nach einem Endlager...

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Interview: Dorit Kowitz
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
aeternitas (22.08.2008, 18:26 Uhr)
@feder
Ich wusste gar nicht, dass der Boden von der Asse von Natur aus radioaktiv verseucht ist. Wissen Sie da mehr?
Also so wie die Fässer in den Videos da reingefallen sind, grenzt es an ein Wunder, wenn da keines leck geworden ist.
Ich möchte ALLE bitten, die das hier lesen, ihre Politiker (und vor allem die Politiker der Parteien, die man auf gar keinen Fall wählen will) in Zeiten des Wahlkampfes darauf anzusprechen oder dies bei www.abgeordnetenwatch.de zu tun. Dabei ist es egal ob man selbst in Braunschweig / Gorleben etc. wohnt oder in München oder auf Sylt. Unsere Politiker sollen endlich einmal merken, dass sie uns nicht das blaue vom Himmel herunterlügen können und sich selbst demontieren.
Blaubeersammler (22.08.2008, 18:18 Uhr)
@goofy4
nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin kein Ökoheini der aus ideologischen Gründen gegen Atom- und Kohlekraftwerke ist. Ich verbrenne auch mit Freude das Benzin auf der Autobahn, solange ich es mir noch leisten kann. Aber der Punkt ist doch, dass die Kernkraft, wie schon zu Helmuts Zeiten im Umweltministerium festgestellt wurde, ohne die staatlichen Subventionen die teuerste Form der Ernergieerzeugung wäre. Nicht nur wegen der Müllproblematik sondern auch wegen der völlig unzureichenden Risikoabsicherung für den Schadensfall. Der Dumme ist immer der Steuerzahler. Damals haben die Experten einen Preis von 4DM/kWh berechnet (im CDU-geführten Ministerium wohlgemerkt, nicht bei Greenpeace oder den Grünen)
Deshalb bin ich sogar sehr für neue Kohlekraftwerke. Zumindest solange die erneuerbaren Energien noch nicht in der Lage sind die Strommenge zu erzeugen, um Deutschland zu versorgen.
Aquarius2 (22.08.2008, 18:12 Uhr)
Frage
Ich hätte da mal eine Frage:
Welches Fraktionsmitglied von CDU/CSU wohnt in einem Einzugsbereich von 50km zu einem
a) Atomkraftwerk,
b) möglichen Endlager.
Das müsste doch einfach herauszubekommen sein.
Oder?
feder24 (22.08.2008, 18:09 Uhr)
Schlecht informiert
Wenn über ein so wichtiges Thema gesprochen wird, sollten sich die Beteiligten vorher richtig informieren. Der Stern- Redakteur hat es noch nicht einmal für notwendig gehalten, die offizielle Mitteilung der Betreibers von ASSE 2 zu lesen, z. B. im Internet. Dort steht nämlich, dass die Radioaktivität der Salzlauge nicht aus den gelagerten Abfallfässern stammt. Auch der „Stern“ hat das so im Juni beschrieben. Lesen die „Sternkollegen“ nicht die Artikel der Kollegen!
Und der sogenannte Experte stellt das nicht richtig.
Jeder soll selbst die Schlüsse aus diesen Fakten ziehen.
goofy4 (22.08.2008, 17:18 Uhr)
schon komisch
Alle sind sich einig wie gefährlich der Müll doch ist. Deshalb lässt man ihn jetzt schon seit Jahren enfach auf der grünen Wiese rumstehen und nennt das Zwischenlager. Gehts noch. Wenn das Zeug soooo gefährlich ist, warum kann man das dann machen??
Ach ja Blaubeersammler ich hätte da auch einen Vorschlag: Wenn die elektrische Energie aus Öko-Produktion und nicht neu gebauten Kohlekraftwerken zu knapp ist wird der Strom bei allen abgeschaltet die gegen Kernkraft sind.
Blaubeersammler (22.08.2008, 16:32 Uhr)
Endlager mal anders
alles nur nach München zu schicken wäre etwas unsolidarisch. Die CDU-Leute sollen ja auch noch was davon haben. Mein Vorschlag: Den Müll in handliche Portionen teilen und jedem Politiker und Wirtschaftsboss, der gegen den Atomausstieg wettert, in den Garten oder in die Wohnung stellen.
Aber mal Spaß beiseite: Wieso wird dieser entscheidende Aspekt bei der Kernkraft immer ausgeblendet. Und vor allem die Kosten für die Einlagerung, eventuelles Ausbuddeln und woanders wieder vergraben sind doch gar nicht zu beziffern. Die Rücklagen der Energiekonzerne sind doch lächerlich gering im Vergleich zu den erwarteten Kosten, die noch niemand komplett abschätzen kann, weil sie so langfristig sind. Kernkraft ist die teuerste Energieform, die wir uns aus volkswirtschaftlicher Sicht leisten. Nur leider will das niemand im bürgerlichen Lager wahr haben. Die Steuerzahler der Zukunft werden schon bezahlen.
tagora-sagittara (22.08.2008, 16:04 Uhr)
Zitat: Die CDU will die Laufzeit der Atomkraftwerke verlängern.
Lösung: Entlager im "Englischen Garten", München,... ist doch logisch!! Wer den strahlenden Müll will,... soll ihn auch bekommen!!
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