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16. Oktober 2006, 16:38 Uhr
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Neu-Ulm, ein Einsatzgebiet der CIA?

Anfang 2004 verschleppte der CIA den deutschen Staatsbürger Khaled el-Masri in ein Geheimgefängnis. Zuvor erkundeten laut stern.de und "Report Mainz" getarnte CIA-Agenten womöglich den Raum Ulm/Neu-Ulm, in dem der Deutsch-Libanese lebte. Von Rainer Nübel und Hans-Martin Tillack

Von der CIA entführt: der deutsche Staatsbürger Khaled el-Masri© Bernardo Rodriguez/AP

Die CIA-Entführer waren erstaunlich gut informiert, als sie im Frühjahr 2004 Khaled el-Masri in einem Foltergefängnis im afghanischen Kabul wiederholt verhörten. Gezielt fragten sie nach konkreten Lokalitäten im Raum Ulm, unter anderem nach dem Multikulturhaus, dem Islamischen Informationszentrum und sogar danach, ob er in Neu-Ulm in einem bestimmten Geschäft regelmäßig Fisch eingekauft habe. Sie wussten sogar, wo sich im Neu-Ulmer Multikulturhaus die Tiefkühltruhe befand. Bereits in Mazedonien, wo el-Masri im Januar 2004 festgehalten worden war, war er nach seiner eigenen Darstellung nach konkreten Vorgängen und Personen im Raum Ulm befragt worden.

Bei den Verhören in Kabul wurde el-Masri gezielt auch nach mehreren islamistischen Führungspersonen aus dem Raum Ulm gefragt: darunter Reda Seyam, der im Verdacht steht, den Bali-Terroranschlag im Oktober 2002 mitfinanziert zu haben - und Yehia Yousif, laut Sicherheitsbehörden ein Hassprediger im Multikulturhaus - und el-A., ein ägyptischer Arzt, der kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Donaustadt Richtung Sudan verlassen hatte. Dieser hatte bereits 1998 in Neu-Ulm Kontakt zu dem mutmaßlichen al-Kaida-Finanzchef Mamduh Mahmud Salim.

CIA wusste selbst von Autokauf

Zu el-Masris Überraschung hatten seine amerikanischen Entführer Kenntnis von Dingen, die eigentlich nur er oder engste Vertraute aus Neu-Ulm wissen konnte: dass er einmal aus Norwegen für einen Autokauf 40.000 Euro überwiesen bekommen hatte oder dass das von Reda Seyam benutzte Auto auf el-Masris Frau zugelassen war. Die Amerikaner hätten ihn "nahezu nur über Ulm/Neu-Ulm ausgefragt", sagt el-Masris Anwalt Manfred Gnjidic.

Gezielt interessierten sich die CIA-Agenten auch für drei Islamisten aus dem Raum Ulm, die als Gotteskrieger nach Tschetschenien gegangen und dort getötet worden waren. Sie seien im Neu-Ulmer Multikulturhaus zum Dschihad aufgehetzt worden, soll in Kabul el-Masri vorgehalten worden sein.

Ermittler in der Wohungen: das Neu-Ulmer Ehepaar Bauer© Report Mainz/ARD

Besuch von falschen Polizisten

Dem US-Geheimdienst war offenkundig vor der Entführung des Deutsch-Libanesen klar, dass es sich bei der Region Ulm um ein wichtiges radikal-islamistisches Zentrum handelte. Mit möglichen Verbindungen zu al-Kaida-Figuren. Doch woher hatte der US-Geheimdienst solche detaillierten Kenntnisse? Deutsche Sicherheitsbehörden betonen bis heute unisono, sie hätten keine Informationen an die CIA weitergegeben. Die andere Möglichkeit: Amerikanische Terrorfahnder ermittelten auf eigene Faust im Raum Ulm - was einen massiven Verstoß gegen bundesdeutsche Hoheitsrechte bedeuten würde. Deutsche Ermittler sagen seit längerem hinter vorgehaltener Hand, dass diese Variante "durchaus realistisch" sein könne. Ein Vorgang, der sich im Frühjahr 2003 im bayerischen Neu-Ulm ereignete, könnte tatsächlich auf eigene Ermittlungen der Amerikaner hindeuten. Die Neu-Ulmer Eheleute Wolfgang und Birgit Bauer (Namen von der Redaktion geändert) bekamen damals verdächtigen Besuch: "In den ersten Apriltagen 2003 klingelte ein Mann an unserer Tür und verlangte Zutritt zu unserer Wohnung", berichtete jetzt das Ehepaar gegenüber stern.de und dem ARD-Magazin "Report Mainz". Er komme von der deutschen Polizei, habe er behauptet, und er müsse eine gegenüberliegende Wohnung observieren. "Einen Dienstausweis zeigte er jedoch nicht." Der Mann habe seine Lederjacke geöffnet und auf eine beige Weste gezeigt, auf der in ungewöhnlicher Pinkfarbe das Wort "Polizei" gestanden habe. Er sei circa 35 Jahre alt gewesen, etwa 1,80 Meter groß, mit fast schulterlangen dunkelblonden Haaren und Schnauzbart.

Voll bewaffnet am Fenster

Wolfgang Bauer, der 17 Jahre für einen amerikanischen Konzern gearbeitet hat und fließend US-Englisch spricht, fiel auf: "Er sprach sehr gut deutsch, aber mit einem amerikanischen Slang. Das merkte man daran, wie er manche Wörter aussprach und vor allem am rollenden 'r'. Ich hatte den Eindruck, dass es sich um einen in Sprachen gut geschulten Amerikaner handelt.“ Erst zwei Tage zuvor waren der aufgrund eines früheren Unfalls körperlich angeschlagene Neu-Ulmer und seine Frau nach mehrwöchiger Abwesenheit heimgekehrt. Sie hatten den Eindruck, dass ihre Wohnungstür aufgebrochen worden war - ohne dass etwas aus der Wohnung entwendet worden war. Den Eheleuten fiel nun auf, wie gut der mutmaßliche Amerikaner sich in ihrer Wohnung auskannte. "Zielgerichtet ging er in unser Arbeitszimmer, nahm den Computerstuhl und setzte sich in die äußerste Ecke vor ein Fenster." Der Mann habe eine Sporttasche mit sich geführt. "Darin sahen wir ein großes Funkgerät und zwei Teile eines olivgrünen Gewehrs." Zudem habe in seiner Weste eine Pistole gesteckt. Als sie ihn auf seine Bewaffnung angesprochen hätten, habe er gesagt: "In diesem Geschäft muss man gut ausgerüstet sein."

Nach dem Amerikaner kamen Deutsche

Alarmiert berichteten Wolfgang Bauer und seine Frau damals einem Dritten über den Besuch des angeblichen Ermittlers. Und sie informierten die Polizei Neu-Ulm. Dort war über einen solchen Einsatz nichts bekannt. Später bekam das Ehepaar wieder Besuch - jetzt von einem Augsburger Ermittler des Polizeipräsidiums Schwaben, der sich auswies. "Von ihm erfuhren wir, dass im gegenüber liegenden Haus die Witwe eines islamistischen Tschetschenien-Kämpfers lebt." Auf Fragen nach dem "Amerikaner" sei der bayerische Fahnder nicht eingegangen. "Er machte den Eindruck, dass er über diesen Mann und dessen Observierungseinsatz überhaupt nicht in Kenntnis war", berichtet das Ehepaar. Er habe sich über den Vorgang mächtig aufgeregt.

Seit diesem Tag sei der Mann mit dem amerikanischen Akzent nicht mehr gekommen. Dafür hätten, so die Eheleute, im Anschluss deutsche Ermittler 18 Monate lang sie immer wieder benutzt, um die gegenüberliegende Wohnung zu observieren. Darunter auch ein Beamter des Landeskriminalamts Baden-Württemberg. "Uns wurde nie genau gesagt, warum. Wir lebten ständig in Aufregung. Und auch in Angst." Wiederholt seien sie aufgefordert worden, eigene Beobachtungen weiterzugeben und Autokennzeichen aufzuschreiben.

Ehepaar zu Eid bereit

Im zuständigen bayerischen Innenministerium hat man "keine Erkenntnisse" über eine mögliche Observierung durch Amerikaner in Neu-Ulm. Beim Polizeipräsidium Schwaben in Augsburg wird der Auftritt des mutmaßlichen Amerikaners bestritten. Bestätigt wird, dass 2003 in der Wohnung des Ehepaars observiert worden sei. Doch dabei habe es sich um einen Beamten einer anderen Dienststelle gehandelt, nämlich des LKA Baden-Württemberg. Alles sei ordnungsgemäß abgelaufen. Die Observierung habe nur wenige Tage gedauert. Das LKA Baden-Württemberg bestätigt, dass ein Beamter die Neu-Ulmer Wohnung am 9. April 2003 für eine Observierung genutzt habe.

Nach Erinnerung des Neu-Ulmer Ehepaars fand der Besuch des Mannes mit dem US-Slang allerdings früher, nämlich bereits Anfang April statt. Ein LKA-Beamter sei erst einige Tage später gekommen. "Immer wieder haben wir das Polizeipräsidium Schwaben gebeten, uns ein Foto des bewaffneten Mannes zu zeigen, der bei uns observiert hat. Bis heute ist dies nicht geschehen." Und beide betonen: "Wenn es nötig ist, sagen wir vor dem Berliner Untersuchungsausschuss unter Eid aus, was damals passiert ist."

Der Chef des Bundes deutscher Kriminalbeamter, Klaus Jansen, hat sich die von "Report Mainz" gefilmten Aussagen des Ehepaars angeschaut. Er kommt zu dem Schluss, dass deren Schilderungen "sehr glaubhaft" seien.

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