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17. April 2009, 14:02 Uhr

Die Krise als Verhütungsmittel

Nachdem die Geburtenzahl schon im vergangenen Jahr gesunken ist, könnte sich der Abwärtstrend infolge der Wirtschaftskrise noch weiter verschärfen. Aus Angst vor dem Abschwung verzichten viele Paare womöglich auf Nachwuchs, prognostizieren Wissenschaftler. Familienministerin von der Leyen glaubt selbst nicht mehr an einen Baby-Boom. Von Torben Waleczek

Krise, Kinder, Geburten, Wirtschaftskrise

Werden schwangere Frauen bald zur Rarität? Infolge der Krise könnten die Geburtenzahlen weiter sinken© Colourbox

Im Februar war die Welt von Ursula von der Leyen noch in Ordnung. Bei der Vorstellung des "Familienreports" berichtete die Familienministerin freudig von steigenden Geburtenzahlen. Seit 2007 gab es das neue Elterngeld, auch für eine bessere Kinderbetreuung hatte von der Leyen sich stark gemacht. Alles schien auf dem richtigen Weg zu sein. Doch kurz darauf präsentierte das Statistische Bundesamt frische Zahlen - und fuhr der CDU-Politikerin damit übel in die Parade. Denn im letzten Quartal 2008, so die Statistiker, ist die Geburtenzahl in Deutschland deutlich eingebrochen. Auf das Gesamtjahr gerechnet kamen sogar rund 8000 Kinder weniger auf die Welt als im Vorjahr.

Woher aber dieser plötzliche Rückgang? War das vielleicht eine erste Folge der Krise? Eine kollektive Zeugungsverweigerung angesichts der bedrohlichen Wirtschaftslage? Und was steht uns erst noch bevor, wenn die Probleme sich wirklich bemerkbar machen - eine Turbovergreisung qua Rezession? Nur einmal angenommen, es wäre so - dann hätten viele Paare sich schon zu Beginn des letzten Jahres wegen der Krise gegen ein Kind entschieden. Doch Anfang 2008 wussten bestenfalls einige Wirtschaftskenner vom Ausmaß der bevorstehenden Turbulenzen - bei der Bevölkerungsmehrheit war diese Angst noch nicht angekommen. Der Einbruch Ende 2008 lässt sich daher kaum auf die Krise zurückführen.

Trotzdem zeigt ein Blick in die Vergangenheit, dass sinkende Geburtenzahlen in Umbruchszeiten nicht ungewöhnlich sind. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise in den 1920er und frühen 1930er Jahren sind die Geburtenraten in vielen Ländern zeitweise stark gesunken. Auch nach der Wiedervereinigung ist die Zahl der Neugeborenen in den neuen Ländern drastisch eingebrochen.

Zeugungsstreik nach dem Jobverlust

Wie Paare in der jetzigen Situation reagieren, darüber lassen sich bislang nur Vermutungen anstellen. Verlässliche Zahlen gibt es noch nicht. Ohnehin ist die Demografie, also die Lehre von der Bevölkerungsentwicklung, ein langsames Geschäft. Seriöse Statistiker rechnen in Generationen und Alterskohorten, nicht in einzelnen Jahren. Dennoch wird viel spekuliert, wie die Krise sich auswirkt. "Manche Paare verschieben ihren Kinderwunsch jetzt vielleicht um ein oder zwei Jahre nach hinten", sagt Harald Michel vom Institut für Angewandte Demographie in Berlin. Untersuchungen legen zudem nahe, dass Männer in Sachen Familienplanung empfindlich auf Arbeitslosigkeit reagieren. Sie treten - zumindest aus Sicht vieler Statistiker - mit dem Jobverlust in den Zeugungsstreik. "Die Arbeitslosigkeit von Männern wirkt sich negativ auf die Geburtenzahl aus, das haben mehrere wissenschaftliche Studien gezeigt", sagt Michaela Kreyenfeld vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. "Dadurch könnte sich auch die jetzige Krise in der Fertilität niederschlagen."

Doch nicht nur auf die bloße Zahl der geborenen Kinder kann sich der Wirtschaftseinbruch auswirken. Denkbar ist auch, dass er gesellschaftliche Modernisierungsprozesse in Gang setzt. Wo die Situation auf dem Arbeitsmarkt immer prekärer wird, da taugt die Einverdienerehe mit dem Mann als Ernährer kaum noch als sicheres Modell. "Dieses klassische Schema könnte im Zuge der Krise weiter zurückgedrängt werden", sagt Forscherin Michaela Kreyenfeld. Was die Bundesregierung mit Steuermilliarden befördern will, das könnte als ungeahnte Nebenfolge der wirtschaftlichen Talfahrt also erheblich vorankommen: Die Erwerbstätigkeit der Frau und eine Familienplanung, bei der die Partner sich Berufstätigkeit und Kinderbetreuung teilen.

Die Familienministerin wird kleinlaut

Doch auch hier zeigt sich, wie schwer sich die Familienplanung der Deutschen einschätzen lässt. Denn umgekehrt könnten viele Männer durch die prekäre Lage auf dem Arbeitsmarkt davor zurückschrecken, eine Auszeit für die Kinderbetreuung zu nehmen. Schließlich verdienen Männer auch heute meist noch mehr als ihre Partnerin. Und wer weiß, ob die Rückkehr in den Job nach einer Pause wirklich reibungslos klappt?

Wie auch immer die Familienplanung junger Paare demnächst aussieht - über eines sind sich die Statistiker einig: Angesichts der deutschen Bevölkerungsstruktur wird die Geburtenzahl langfristig weiter zurückgehen, mit oder ohne Krise. Nach ihrer übereilten Erfolgsmeldung vom Februar ist auch Ursula von der Leyen mittlerweile etwas kleinlauter geworden. Es sei schon ein Erfolg, wenn ein "weiteres Herunterrutschen der Geburtenzahlen" aufgehalten werde, heißt es von der Ministerin neuerdings. Und wie die Zahl sich infolge der Wirtschaftskrise entwickelt, darüber will man in ihrem Ministerium auf Anfrage lieber gar nicht erst sprechen.

Von Torben Waleczek
 
 
KOMMENTARE (10 von 22)
 
Angel_of_Mercy (19.04.2009, 08:04 Uhr)
Positiv denken
Frau von der Leyen. Weniger Kinder bedeutet weniger Kindermisshandlungen und weniger Jugendkriminalität.
Zynismus beiseite.
Ich weiß nicht wie oft ich es in anderen Themen schon gepredigt habe, Arbeitsplätze braucht das Land, Arbeitsplätze und gerechten Lohn. Dann klappt es auch wieder mit Deutschland.
Garnet (18.04.2009, 17:31 Uhr)
@fastrunner
Ich habe Kinder.Die Kinder unserer Nachbarn sind nett,hoeflich,zuvorkommend und gebildet. Dies sollte Ihnen als Indikation dienen das ich nicht mehr in Deutschland lebe. Meine Super Annuation( Rente) wird von mir auf mein Rentenkonto gezahlt und ich bin daher nicht von den Kindern meiner Nachbarn oder von finanzieller Unterstuetzung meiner Kinder abhaengig. Ich gehe mit spaetestens 60 in Rente und werde von meiner angesparten Rente sehr gut leben.
Bei meinen Besuchen in deutschland stelle ich mitunter fest das es generel nicht an Kindern fehlt sondern an Erziehung,Bildung,Disziplin und Leistungsbereitschaft. Ja,ja ich weiss, damit kann man auch ein KZ fuehren.Nur, ich hab das Problem nicht mehr. Hab eine andere Staatbuergerschaft. Das befreit ungemein.
starmax (18.04.2009, 17:16 Uhr)
Die Krise als Bevölkerungs-Dezhimierung
in westlichen Industriestaaten.
Sicher ein angenehmer Nebeneffekt im Bündel der restlichen Maßnahmen der die Hochfinanz, die ja die 6Mrd.-Weltbevölkerung auf wenigstens die Hälfte reduziert sehen möchte (s. Interviews mit Madeleine Albright, D. Rockefeller).
Als da sind: Krieg, Seuchen, Hungersnot, Gentechnik, Wetterbeeinflussung...
Fastrunner (18.04.2009, 14:13 Uhr)
@ Garnet
So ein Quatsch !!! .... Wenn Du keine eigenen Kinder hast, wird sich im Alter keine Sau um DICH kuemmern !!!
Ist das Erklaerung genug, warum Du/jeder EIGENE Kinder haben sollte. Deines Nachbar's Kinder interessieren sich ganz sicher nicht fuer DICH.
aeternitas (18.04.2009, 14:12 Uhr)
Wir haben KEIN demographisches Problem!
Und Kinder sind auch nicht unsere Altersversorgung, wir sind doch nicht in Afrika!
In den letzten 120 Jahren ist die durchschnittliche Lebensdauer um bestimmt 20 Jahre gestiegen! Zudem nahm die Geburtenqoute rapide ab. Oder habt ihr alle noch 5-10 Geschwister, wie es bei euren (Ur-)Großeltern noch durchaus üblich war? Und trotzdem ist das System nicht zusammengebrochen!
Manche glauben immer noch an die geheiligte Bevölkerungspyramide, die aber völliger Unfug ist, wenn jedes Jahr viele Babys, Kleinkinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Erwachsene etc. sterben! Die kommt noch aus einer Zeit, als die Kindersterblichkeit hoch war!
Alles was wir HEUTE einzahlen wird auch HEUTE noch umverteilt. Ebenso in der Krankenkasse.
Wenn es Probleme geben sollte, dann sind sie von der Politik hausgemacht, dadurch, dass wir immer weniger Arbeitsplätze haben, bei denen die Arbeitnehmer überhaupt irgendwo einzahlen können und dass der Arbeitgeberanteil immer weiter zurückgeführt wird.
Wir werden doch von vorne bis hinten nur verar***t!
Ich empfehle folgende Links:
www.nachdenkseiten.de
und http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wissen_und_bildung/aktuell/1717658_Diagnose-Propaganda.html
Papa-Ralf (18.04.2009, 14:04 Uhr)
Krise oder Unrecht?
Früher haben die Menschen auch in Krisenzeiten zueinander gestanden und Kinder bekommen. Heute im Zeitalter der auf die Kosten der Männer/Väter sich selbstverwirklichenden Frauen, ist es für IHN schon existenzbedrohend, wenn ER ein Kind zeugt.
Deutschland wird deswegen auch nicht aussterben - nur die Deutschen.
brestling (18.04.2009, 13:57 Uhr)
Zeugungsstreik?
Erst hiess es doch von unserer Lieblingsministerin, in Krisenzeiten würde die Familie wieder wichtiger, das könnte die Geburten sogar steigern. Und zum Thema Zeugungsstreik wäre zu empfehlen, mal "Jobverlust und Unterhaltspflicht" zu beleuchten. Müttern kann das ja egal sein, die kriegen immer Geld weil sie die Kinder besitzen (§1626a BGB), Unterhaltspflichtige kriegen was anderes: Daumenschrauben und Fiktives Einkommen.
utospatz (18.04.2009, 13:20 Uhr)
Kindern in dieser demokratischen Welt
den Schritt auf diesen Globus zu verhelfen, grenzt schon fast an Völkermord! Es sei denn, das Pharaonentum würde wieder eingeführt!
Die Kinderarmut in Europa,(angeblich alles Demokraten) ist mittlerweile auf das Niveau der dritten Welt geraten! Jeder deutsche Parteiarsch spricht von einem reichen Land, während seine Partei, selbst bei Regierungsbeteiligung millionen Kinder vom Tisch des sogenannten Wohlstands verbannt! Die Hauptsache ist meiner Partei, und deren Stiftung gehts gut, bald geht es weiter, dann können wir ungehindert überflüssige Deppen nach Europa entsenden, uns weiter an angeblicher Regierungsarbeit beteiligen, unsere Ex-Staatssekretäre weiter ihr Konto und ihre Lobbyarbeit betreiben.!(s.Versorgermafia) Da sage Einer, das Volk sei dumm! Siehe Partei-Mitgliederschwund, Quahlverdrossenheit usw. Es ist wie bei der Jungfrau, du denkst du hast das Glück, doch plötzlich zieht das Mensch den Arsch zurück!
Garnet (18.04.2009, 12:59 Uhr)
Deutschland wird nicht aussterben.
Der Zuzug von Hunderttausenden gebaehrfreudigen Anatoliern,Nordafrikanern und Westafrikanern wird nicht nur die Abwanderung von hochmotivierten und top ausgebideten Deutschen kompensieren, sondern auch die niedrige Geburtenrate der deutschen Restbevoelkerung ausgleichen. Dem Bestreben die Bundespepublik Deutschland zum Agrarland zu machen hilft nicht nur die Tatsache das sie schon laengst auf dem Niveau einer Bananenrepublik angekommen ist sondern auch die steten und erfolgreichen Bemuehungen schulische Ausbildung auf das Niveau von Aserbaitschan zu reduzieren. Welche verantwortungsvolle Menschen moechten da noch Kinder haben? Was fuer ein Land wird Deutschland in 20 Jahren sein? Ein Praekariat? Ein Kalifat? Wozu dann Kinder?
Sternobyl (18.04.2009, 12:41 Uhr)
Menschen den Waren gleichstellen
Wir müssen einfach die Globalisierung so weit treiben, dass die Grenzen für Menschen ebenso weit offen stehen wie für die Waren der Großkonzerne, dann werden uns die Menschen nicht ausgehen.
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