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19. April 2011, 20:08 Uhr

Der Grüne und die Schöpfung

Die Grünen, in der aktuellen stern-Umfrage bei sensationellen 28 Prozent, sind für due Bürger sexy geworden. Ein Interview mit dem parlamentarischen Geschäftsführer Volker Beck über Treue, Konservative, die Schöpfung und Manieren.

© Picture-Alliance Volker Beck, 50 ... ist parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen, seine politischen Schwerpunkte sind Menschenrechte, die Homosexuellen-Bewegung sowie die Entschädigung von NS-Opfern. Beck, der eher dem linken Spektrum der Grünen zugerechnet wird, argumentiert mit Blick auf konservative Werte zum Teil überraschend ähnlich wie Verteidigungsminister Thomas de Mazière, CDU.

Herr Beck, sind Sie ein Konservativer?

Ich bin in vielen Fragen wertkonservativ, aber auch emanzipatorisch.

Sie sind Aktivist der Schwulenbewegung, wie passt das zusammen?

Sehr gut. Man muss im zu Bewahrenden immer das Bewahrenswerte identifizieren. Wir haben uns zum Beispiel immer für die Ehe unter Homosexuellen stark gemacht. Dass sich Menschen umeinander verlässlich kümmern, dass Familien funktionieren, gilt ja als konservativer Wert. Wir transportieren Werte in die Gegenwart und erneuern sie. Das unterscheidet uns von rückschrittlichen Konservativen, die immer nur sagen: Das haben wir noch nie so gemacht.

Was halten Sie von Treue?

Ich finde, es kommt auf soziale Treue an.

Was ist das: soziale Treue?

Ich lebte 17 Jahre mit meinem Partner zusammen, wir haben geheiratet und ich habe ihn in seinen letzten Lebensmonaten gepflegt. Er hätte dasselbe für mich getan, wäre ich krank geworden. Das ist es, worauf es ankommt - sich füreinander zu entscheiden und aufeinander verlassen zu können. Die Frage, ob mal jemand mit einem anderen ins Bett geht, ist zweitrangig. Man muss sich ja auch klar machen: Die Menschen haben aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung die Chance, einen sehr langen Zeitraum miteinander zu verbringen. Soll das gelingen, muss man da den Fokus darauf richten, worauf es wirklich ankommt.

Gehen wir die konservative Agenda noch ein bisschen durch. Was halten Sie von Manieren?

Manieren sind ein Ausdruck des Respekts gegenüber demjenigen, mit dem man es gerade zu tun hat. Das heißt nicht, sich am Knigge des 19. Jahrhunderts zu orientieren. Umgangsformen verändern sich ja auch.

Sie sitzen hier im Anzug vor uns, tragen ein blütenweißes Hemd und Krawatte.

Ich mag das und habe überhaupt kein Problem mit Leuten, die das nicht mögen. Es gibt nichts Alberneres als die aktuelle Debatte, ob Schriftführer im Bundestag einen Schlips tragen müssen. Manche Männer, die einen Rollkragenpullover oder ein schickes, offenes Hemd unter dem Anzug haben, sind besser gekleidet als andere, die kreischbunte Krawatten zu grell gestreiften Hemden kombinieren.

Gibt es ein Schriftstück, das exemplarisch die konservativen Vorstellungen der Grünen bündelt?

Ein zentraler Text für mich ist der Schöpfungsbericht. Nicht nur, weil die Bewahrung der Schöpfung, also die Umweltpolitik, ein Kernanliegen der Grünen ist. Sondern, weil da alles drinsteht, worum es im gesellschaftlichen Miteinander geht. Dass Gott den Menschen zu seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat, und dass diese Gottesebenbildlichkeit dazu zwingt, die Würde jedes Einzelnen zu respektieren, ob man ihn mag oder nicht. Aber das ist natürlich ein Schriftstück, das für jemanden, der nicht religiös ist, wohl nicht anspricht und überzeugt. Deswegen kann ich hier nicht für die Grünen, sondern nur für mich sprechen.

Wie religiös sind die Grünen?

Wir sind eine weltanschaulich und religiös neutrale Partei. Zu uns gehören viele Christen, aber auch Juden, Muslime, Atheisten und Anhänger anderer Religionen. Politisches Engagement kann zwar individuell religiös motiviert sein, eine politische Entscheidung muss aber auf Argumenten und einer allgemeinen Ethik beruhen. Ich persönlich bin religiös, streite mich aber sehr oft mit der katholischen Amtskirche.

Etwa in der Frage der Homosexualität?

In der Frage von Homosexualität, in der Frage der Wiederverheiratung von Geschiedenen, in der Frage der Empfängnisverhütung, in der Frage der Aids-Prävention. Es wäre schön, wenn der Vatikan ganz im Sinne eines Wortes von Paulus über Keuschheit und Ehe in Afrika sagen würde: Lebt monogam oder keusch, aber wenn ihr das nicht tut, ist es besser, ein Kondom zu benutzen als jemand anders oder euch selbst mit HIV zu infizieren. Doch dieser paulinische Pragmatismus fehlt der katholischen Kirche. Sie versucht ihre mittelalterliche Sexuallehre mit politischen Mitteln gesellschaftlich durchzusetzen. Das ist nicht akzeptabel, auch nicht bei anderen Religionen.

Quälen sich die Grünen noch mit militärischen Einsätzen, oder ist das Thema abgeräumt, seitdem Joschka Fischer in den Balkan-Krieg zog?

Über militärische Einsätze darf man nicht leichtfertig entscheiden. Sie können nur letztes Mittel sein. Die Grünen waren mehrheitlich immer antimilitaristisch, aber nicht pazifistisch. Das Eingreifen in Ex-Jugoslawien fanden wir damals notwendig, um Schlimmeres zu verhindern. Es gibt bei uns auch niemanden, der den Angriff der Alliierten auf Hitler-Deutschland für kritikwürdig hielte. Der Nationalsozialismus wäre nicht besiegt worden, wenn man sich wie Ghandi an den Strand gesetzt und Salz gewonnen hätte. Für die aktuelle Politik bedeutet das: Wenn die Vereinten Nationen den Auftrag geben, Menschen zu schützen, um einen Völkermord zu beenden, ist das ein entscheidendes Kriterium für eine Entscheidung.

Wenn die Grünen so bürgerlich geworden sind, wie Sie sagen: Warum sollte ein Hartz-IV-Empfänger Sie wählen?

Weil wir für die Gewährleistung des soziokulturellen Existenzminimums streiten, das haben wir bei der Auseinandersetzung um die Hartz-IV-Regelsätze gezeigt. Die, die uns aus der Mittelschicht wählen, sagen: Uns geht's gut, aber den anderen soll es nicht schlecht gehen. Deswegen akzeptieren sie das grüne Programm, das sie von der Bürgerversicherung bis zur Vermögensabgabe auch bei der solidarischen Gestaltung der Gesellschaft fordert. Ziel ist es, zu verhindern, dass sich Armut verfestigt. Das geht nur über Transfers und den Aufbau von Bildungsinfrastruktur. Dieser Teil des Bürgertums sagt: Wir wollen auch den Benachteiligten neue Chancen eröffnen, weil wir sehen, dass man durch Leistung etwas werden kann. Das gönnen wir anderen auch.

Interview: Lutz Kinkel, Hans Peter Schütz
 
 
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