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9. Februar 2010, 21:18 Uhr

Versteckte Falle für Angela Merkel

Das Urteil des Verfassungsgerichts zu Hartz IV war keine Revolution. Und doch werden sich Union und FDP noch wundern: Die Sprengkraft des Spruchs liegt nämlich im Detail. Ein Kommentar von Sebastian Christ

Zoom
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Zwei Protestherzen hängen vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Sie zeigten Wirkung, denn für bedürftige Kinder soll mehr getan werden© Winfried Rothermel/APN

Zwei Wahrheiten über das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vorweg. Erstens: Die Richter haben nicht grundsätzlich gegen die Hartz-Reformen geurteilt, sondern lediglich die Berechnungsgrundlagen für das Arbeitslosengeld II gekippt. Zweitens: Noch weiß niemand genau, wie viel das den Staat am Ende kosten wird. Doch die schwarz-gelbe Bundesregierung sollte sich darauf einstellen, dass die Grundsanierung der wohl folgenreichsten Sozialreformen der vergangenen 50 Jahre ein teurer Spaß werden kann. Das muss man wissen, um die politische Debatte richtig einordnen zu können.

Weil die Entscheidung so differenziert ausfiel, ist das Triumphgeheul der Linken kaum nachvollziehbar. Hat man etwa Katja Kipping am Dienstagabend im Bundestag zu diesem Thema reden hören, man könnte glauben, das Ende von Hartz IV sei nah: "Heute ist ein guter Tag", jubelte die stellvertretende Parteivorsitzende. "Es ist eine schallende Ohrfeige für alle, die Hartz IV mitgetragen haben". Postwendend forderte sie, quasi als logische Konsequenz aus dem Urteil, die Anhebung des Regelsatzes für Erwachsene auf derzeit utopische 500 Euro.

Schwarz-gelbe Projekte in Gefahr

Ebenso unverständlich ist jedoch auch die gelassen bis optimistische Stimmung in der Regierungskoalition. "Besonders freut mich, dass das Kind in seiner Gesamtheit in den Blick genommen wurde, mit all seinen individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten", sagte Sozialministerin Ursula von der Leyen (CDU). Dass zumindest die Anhebung der Sätze für Kinder beinahe unvermeidbar ist, lächelt die Niedersächsin weg.

Doch daraus ergeben sich weitreichende Konsequenzen für die künftige Regierungspolitik. Zum einen: Woher nimmt die Koalition das Geld für die Anpassung der Regelsätze für Kinder? Entweder, Union und FDP müssen anderswo bei den Sozialleistungen sparen und ziehen damit den Zorn von Millionen Leistungsempfängern auf sich. Oder Schwarz-Gelb muss bei wichtigen Reformprojekten wie der geplanten Steuersenkung auf die Bremse treten. Schön wird das nicht.

Der allgemeine Mindestlohn kann helfen

Eine noch viel größere Gefahr für die Regierung Merkel geht von dem aus, was Juristen das "Lohnabstandsgebot" nennen. Es besagt, vereinfacht ausgedrückt, dass ein Sozialleistungsempfänger deutlich weniger bekommen muss als die Menschen in unteren Lohngruppen mit Erwerbsarbeit verdienen. Besonders kinderreiche Familien, in denen die Eltern arbeitslos sind, könnten nach dem Urteil von höheren Hartz IV-Sätzen profitieren. Darin liegt Sprengkraft für das gesamte Lohngefüge am Arbeitsmarkt, weil das Arbeitslosengeld II als eine Art Basis-Mindestlohn funktioniert: Jeder Deutsche mit festem Wohnsitz kann es beantragen. Und manche werden bald mehr bekommen, während die Reallöhne stagnieren. Wie erklärt das die Union ihrer eigenen Klientel, die sich an Slogans wie "Arbeit muss sich wieder lohnen" jahrelang erbaute?

Vielleicht, indem man doch noch einmal über die Einführung eines allgemeinen Mindestlohns nachdenkt. Schon bald nämlich könnte das als "Jobbremse" geschmähte Konzept dem Gerechtigkeitsempfinden in weiten Teilen der Union Genüge tun. Und die linken Parteien hätten einen Wahlkampfschlager weniger.

Ein Kommentar von Sebastian Christ
KOMMENTARE (10 von 23)
 
paladin09 (11.02.2010, 03:14 Uhr)
Rauf mit den HartzIV Sätzen
Anders sind in diesem Land keine vernünftigen Löhne für arbeitende Bürger von denen sie ohne staatliche Zuschüsse leben können scheinbar nicht durchsetzbar.
Was Regierungen - Wirtschaftsverbände,- Vertreter,- Lobbyisten,- Gewerkschaften die letzten 40 Jahre aus diesem Land gemacht haben, kann man nur als katastrophal bezeichnen. Was hier in den letzten 40 Jahren an erarbeiteten Werten abgeschafft, verhökert, verloren gegangen ist läßt sich in Geld kaum beziffern. Aus einem einst reichsten Staat mit den besten Sozialsystem der Welt, einem der besten Bildungssysteme der Welt wurde ein überschuldeter Armutsstaat mit mittelmäßigem Bildungssystem und heute menschenverachtendem Sozialsystem. Mit dem Exportweltmeister ist es auch vorbei. Deutsche Wertarbeit ist längst nicht mehr das Wert, was sie einst wert war. Jeder brauch sich in seinem Haushalt nur einmal umsehen, sich seine Gerätschaften - Gebrauchsgegenstände genauer ansehen. Wo, steht da auch nur irgendwo noch Made in Germany drauf? Selbst wo evt. Made in Germany drauf steht ist, dann Made in China - Taiwan oder Korea drin. Der Sozialismus mit seiner Planwirtschaft ist Bankrott gegangen. Nun werden den kapitalistischen Wachstumswirtschaften, den hyperkapitalischen westlichen freien Marktwirtschaften das gleich bevorstehen. So, schlimm, traurig der kalte Krieg gewesen sein mag der ganze Völker - Nationen in Grenzen und Bedrohungen seiner Blöcke getrennt hatte, war der Kalte Krieg mit seinen Blöcken ein Garant für funktionierende westliche Wirtschaften. Heute sind aufsteigende Staaten wie China und andere Asienstaaten bereits wirtschaftlich stärker als es westliche Staaten je waren. Wir werden unsere Systeme dem anpassen, ändern müssen und es geht nicht an, das HartzIV Sätze politsiche mißbraucht werden um Hunger,- Sklavenlöhne - Niedrigstlöhne festzuschreiben von denen kein Mensch normal leben, geschweige existieren oder eine Familie ernähren kann.
Hamskibamski (10.02.2010, 07:06 Uhr)
Unsere Politiker entschlüsseln das Verfassungsurteil in etwa so wie die Prophezeiungen des Nostradamus.
Oder so wie die Weissagungen des Dr. Helmut Kohl und seine blühenden Landschaften !
Was aber keiner sieht, dass das Vorgehen gegen über 6 Mio. Arbeitslose fast an Volksverhetzung grenzt und dieses Vorgehen auch verfassungswidrig ist.
Hier wird systematisch Stimmung gegen die schwächsten der Gesellschaft gemacht. Die Medien ziehen Extrembeispiele heran und projezieren dieses ganz bewusst auf alle Arbeistlose. Politiker erwecken den Eindruck das Hartz4 Eltern nicht mit Geld umgehen können und daher nur noch Sachleistungen erhalten dürfen. Oder sogar von kollektiven Leistungsversaufen des Hartz4 Geldes ist die Rede.
Das aber 99,9 % der Arbeitslosen ganz normale zum Teil hochgebildete Menschen sind sieht kaum noch einer !

Wieder wird in diesem Land, wie schon in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Stimmung gegen eine Randgruppe gemacht und dieser Randgruppe die Schuld für Missstände gegeben, die sie nicht zu verantworten hat.

guenni22 (10.02.2010, 06:04 Uhr)
lesen macht schlau
möglicherweise sollten die Kommentatoren, ob Leserbriefschreiber oder Zeitungsautoren, das BVerfG-Urteil erst einmal lesen. Dort sind dem Gesetzgeber große Spielräume bei der Festlegung der Sätze attestiert worden. Von Verfassungswidrigkeit der bisherigen Beträge ist da nirgends die Rede. Bei (verfassungsgemäßer) Neuberechnung kann auch ein niedriger Betrag verfassungsgemäß sein.
Heinerich (10.02.2010, 04:45 Uhr)
Es ist doch nur eine Frage der Zeit bis
das, was die Karlsruher Richter fordern, von den Politikern so zerredet wird, bis für die Hartz IV Kinder wieder mal nichts übrig bleibt.
Kinder sind unsere Zukunft und das scheinen die Politiker schon lange vergessen zu haben, wenigstens benehmen sich die meissten so.
Kinder haben auch keine Lobbyisten die den Politikern den Hintern vergolden.
In diesem Sinne ihr Versager.
tomib (10.02.2010, 00:41 Uhr)
wieder mal das BVG...
Wie schon erwähnt, die deutschen Politiker schustern etwas zusammen und das BVG soll's richten. - Es stellt sich mir die Frage, ob die Parteien, die sich Volksparteien nennen, nicht aus Bequemlichkeit die Entscheidung des BVG in Anspruch nehmen, denn dann müssen sie sich nicht mit den eigenen Mitgliedern auseinandersetzen, die eine abweichende Meinung haben.

Aber zu diesem Fall. Die wahre Brisanz liegt darin, dass die Höhe der Regelsätze für die Sozialgerichte nachvollziehbar sein wird, dass sich die Empfänger gegen Teile der Regelsätze, wenn sie ihrem Lebensstil nicht entsprechen, klagen können, dass mit neuen Regelsätze keine Rechtssicherheit einkehren wird und kann. Gleichwohl begrüße ich das Urteil, weil die bisherige Mauschelei unter Führung des Finanzministeriums ein Ende haben wird. Das Existenzminimum wird von der Kassenlage des Staates (Das sind wir!) bestimmt, d.h. von dem, was nicht an Banken (egal ob staatliche oder nicht) zu ihrer Rettung ausgegeben oder versprochen wurde.

Logan5 (10.02.2010, 00:20 Uhr)
@knilch_59 und @jomimo
@knilch
Der Skandal ist Ihrer Ansicht nach, dass das BVerfG eingreifen musste? Vergessen Sie doch nicht, dass das seit Jahren der Standard ist. Noch vor wenigen Tagen erschien in der Presse, dass die Organisation der Jobcenter nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist (Grundsatz der kommunalen Selbstverwaltung). Gesetze, die gegen das Grundgesetz verstoßen, sind längst die Normalität.
@jomimo
Wer Arbeit will, der findet auch welche, ja das hat sich leider erledigt. Sagen Sie das doch den Opel-Mitarbeitern ins Gesicht, fahren Sie dahin, stellen sich vor das Tor und sagen jedem, dass er bestimmt Arbeit finden wird, wenn er welche sucht. Oder den Leuten von Quelle. Oder Nokia, da gibt es auch noch genug, die nie was gefunden haben. Die Vorstellung, dass man auf jeden Fall was findet, wenn man nur sucht, ist aus den 50ern. Die Zeiten heute sehen anders aus.
Prologo (09.02.2010, 23:58 Uhr)
@jomimo, wie lange sind Sie schon in diesem Forum?
Wenn Marmumstar in einer solchen Dichte eingreift, dann ist das ja super.

Wir können auch, falls Sie wollen, uns mal ohne Forumleser austauschen, unter,

simon.toribio@gmx.de

MfG,
T.

jomimo (09.02.2010, 23:51 Uhr)
@prologo
Marnumstar ist absolut neu und ein Beitrag in dieser Dichte und Länge ebenfalls.
jomimo (09.02.2010, 23:47 Uhr)
Hallo liebe Admins von STERN
Ich vermisse noch die Veröffentlichung eines Beitrags von vor 15 Min.

LG jomimo
Prologo (09.02.2010, 23:39 Uhr)
@jomomo 23,22
Wissen Sie was Jomimo, warum ich hier schreibe, damit ich weiterhin hier schreiben kann.

Denn das was wir hier schreiben verhallt nicht, sondern es beeinflußt und beschäftigt die Autoren der Artikel, und uns zur Meinungsbildung.

Das müssen wir uns erhalten und erkämpfen.

MfG,
T.
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