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17. Oktober 2007, 13:37 Uhr

Let's ruck!

82 Prozent der Bundesbürger lehnen es ab, sich in einer Partei zu engagieren. Das ist verständlich - aber auch alarmierend. Es gibt nur zwei Lösungen: Entweder muss man das Fernsehen abschaffen. Oder mehr direkte Demokratie wagen. Von Lutz Kinkel

82 Prozent der Befragten wollen in der Politik trotz Unzufriedenheit nicht mitmischen

Demokratie nervt. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. SPD-Chef Kurt Beck will die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes verlängern, SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering nicht. Wochenlang fetzen sich die beiden in den Medien, schließlich kapituliert Müntefering. Und nun? Der SPD-Parteitag wird Becks Vorschlag beschließen. Auf dem Papier. Müntefering zeigt das Papier der CDU. Die stimmt nicht einfach zu, sondern verlangt im Gegenzug, den Kündigungsschutz zu lockern. Beck und Müntefering jaulen auf, das könnten sie nicht akzeptieren. Das Ende vom Lied: Es passiert nix, gar nix.

So könnte es ausgehen. Weil in der Politik eben nicht nur über die Sache verhandelt wird. Sondern auch über Machtfragen, Parteiprofile und Personen. Das macht den Prozess der politischen Willensbildung so kompliziert und zäh. Demokratie ist kein Stück für die Galerie, es fehlt die klare Rollenaufteilung in Helden und Schurken, niemand kann mit einsamen, großen Taten brillieren, die Schlussszene ist meist auch nicht erhebend - wenn es denn überhaupt eine gibt. Gut möglich, dass die SPD mit dem unerledigten Projekt ALG I in den Wahlkampf 2009 zieht.

Politik fürs Fernsehen

Würden Sie sich einen Fernsehfilm ansehen, der inhaltlich derartig vor sich hinstottert? Natürlich nicht. Das ist öde, langweilig. Logische Konsequenz: Die Regierung muss das Fernsehen verbieten. Denn es gewöhnt die Menschen an dramaturgische Regeln, die in der Realität nicht einzuhalten sind. Da ein TV-Verbot illusorisch ist, haben die Politiker die zweite logische Konsequenz gezogen. Sie versuchen, Politik fernsehgerecht zu inszenieren. Doch das klappt selten.

Ein Beispiel: Der CSU-Parteitag Ende September. Der große Edmund Stoiber sollte mit großem Tschingdarassabum verabschiedet werden. Aber die Delegierten klatschten nur verhalten, sie waren froh, den alten Besserwisser endlich los zu sein. Gabriele Pauli, die Frau, die diesen Personalwechsel angestoßen hat, wurde in die Rolle der Aussätzigen gedrängt. Denn Günther Beckstein, der bei Stoibers Abgang mitgefingert hatte, sollte dessen Nachfolge erhobenen Hauptes antreten dürfen. Kurzum: Die ganze Münchner Messehalle stank. Nach Lüge und Heuchelei.

Engagement ja, Parteien nein

Politik öd, Inszenierungen unglaubwürdig, und "rucken", wie von mehreren Bundespräsidenten beschworen, tut auch nichts. Kein Wunder, dass die Menschen den Parteien den Rücken zukehren. 82 Prozent wollen sich nicht in den Parteien engagieren. SPD und CDU verlieren Mitglieder in rauen Massen. Aber sind die Menschen deswegen unpolitisch? Nein. Sie bevorzugen andere Möglichkeiten, ihrem Willen Ausdruck zu verleihen. Die einen engagieren sich bei Greenpeace, die anderen adoptieren ein Kind aus einem Hungerstaat oder kümmern sich um einen lokalen Sportverein. Das Engagement ist individuell und findet in Konstellationen statt, die überschaubarer sind als die großen Volksparteien. Das ist für die Gesellschaft kein Schaden.

Aber unser System, die repräsentative Demokratie, leidet. Es braucht die Rückendeckung der Bevölkerung, sonst verliert es seine Berechtigung. Deswegen sollten die großen Parteien zwei Dinge tun. Erstens: Klar machen, dass politische Entscheidungsprozesse mühselig sind. Darin wiederum ist Müntefering Weltmeister. Er sagt in Interviews, dass es zur Demokratie gehört, zu streiten und zu ringen, auch mit den eigenen Parteifreunden. Das ist wohltuend in seiner Ehrlichkeit. Zweitens: Die repräsentative Demokratie verändern. Wenn die Beteiligung der Bürger abnimmt, sollte die Regierung mehr Beteiligung möglich machen. Man stelle sich vor, es gäbe Volksabstimmungen über die Gestalt unseres künftigen Sozialsystems. Experten und Politiker, jeder, der eine Meinung dazu hat, müsste um den Bürger werben, um jene also, um die es eigentlich geht. Parteitaktische Motive würden zwangsläufig an Bedeutung verlieren.

Die großen Volksparteien erheben den Anspruch, Politik für alle zu machen. Sie sollten sich trauen, Politik mit allen zu machen.

Ihre Meinung

Keine Lust auf Parteien? Wie kommt's?

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Von Lutz Kinkel
 
 
KOMMENTARE (10 von 22)
 
nightmare_online (19.10.2007, 10:28 Uhr)
Muahahahaha
@German_by_nature:
guter Gag, lange nicht mehr so gelacht. So einen gequirlten Unsinn liest man wahrhftig selten.
Die Kerls sind gegen Globalisierung? Man kann ja auch gegen Regen sein ... ROTFL
Roy05441 (18.10.2007, 20:08 Uhr)
Ist das ein Wunder`?
Nur verblödete Arschlöcher gehen unter!
herdubreid (18.10.2007, 19:25 Uhr)
warum will keiner?
..weil man das Gefühl hat, nicht gehört zu werden. Ich denke an Herbst ´89, Frühjahr ´90 in der DDR, als an jeder Ecke eine Bürgerbewegung entstand, die auch wirklich was bewegte an der Basis.
Und dann? Fast unbemerkt wurden die kleinen Gruppen Neues Forum, Demokratie jetzt und was es noch gab, von den "großen" aufgesogen, die ja sooo etabliert waren und ohne die man ja keine Chance im Wahlkampf gehabt hätte. Und dann? Wurden die aktiven Mitglieder an den Rand gedrägt, denn die Posten in den "großen" waren ja schon alle verteilt. Und außerdem lief doch alles so prima, wie es schon immer war. Wer engagiert sich da noch bei diesen verknöcherten Strukturen? Die "Wahl" von Beckstein erinnerte mich sehr an die "Wahl" von Egon Krenz im Mai`89. Alles war schon lange vorher klar. Jeder der an die Macht kommt, muss erstmal sein Klientel bedienen, dass ihn dahin gebracht hat. Und wer dabei nicht gegen sein Gewissen handelt, der hat auch keins.
nightmare_online (18.10.2007, 16:12 Uhr)
Zeitgeist
Ich behaupte ungeprüft das die meisten User die sich hier gegen Mitgliedschaften in Parteien aussprechen schlicht zu faul / bequem sind, Arbeit zu investieren. Möglicherweise Frust zu erfahren. Das gleiche Problem haben praktisch alle Vereine / Organisationen in D. Und das hat mit Politikverdrossenheit wenig zu tun. Ursache ist schlicht und ergreifend das Otto Normalverbraucher heute lieber auf dem Sofa liegt und "GZSZ" schaut anstatt sich zu engagieren.
Die (einzige) andere Gruppe von Bürgern die ich kenne, und die sich nicht in Parteien engagieren will sind jene die 2-3 mal auf einer Ortsverbands-Sitzung einer Partei waren und furchtbar enttäuscht sind, das dort keiner auf ihre "geistigen Ergüsse" gewartet hat, und sie nicht mit Freuden sofort zum "neuen Heilsbringer" gewählt wurden.
Zu dem - sorry - Geschwätz - über das "Lügen, Betrügen" etc. von Politikern möchte ich mich lieber nicht eingehender äußern, das hat kaum Kindergarten-Niveau.
Achja: Ich bin kein Partei-Mitglied (mehr). Ich weiss aber aus eigener Erfahrung das sich dort zu 99% ganz "normale" Leute engagieren. Ehrenamtlich. Freiwillig. Unbezahlt.
Aber es ist ja einfacher in Foren irgend einen Unsinn über die bösen bösen Politiker zu verzapfen als für seine Meinung / Position in der Öffentlichkeit in einer Sitzung einzustehen.
Aurum (17.10.2007, 18:38 Uhr)
Parteimitgliedschaft
könnte ich mir persönlich vorstellen, wenn ich mich mit dieser identifizieren könnte. Aber leider gibt es momentan keine solche Partei. Denn egal, welche Partei nun an die Macht kommt, stellt sie nunmehr nur noch den Konkursverwalter für Deutschland.
heiner5362 (17.10.2007, 18:14 Uhr)
igitt
niemals werde ich einer dieser sekten beitreten.
wer es miterlebt hat dass selbst bei betriebsratswahlen mit härtesten bandagen wie verleumdung und erpressung hantiert wird, bis kurz vor dem psychischen zusammenbruch aufgrund solcher machenschaften,
geht nicht in die politik.
eher in die mafia, da weiss man wer der cheffe ist.
dieses ganze verlogene postengeile pack gehört auf alg2 zurückgestuft und persönlich haftbar gemacht für schäden am staat hervorgerufen durch dummpostengeiles geschwafel ohne jedweden intellektuellen hintergrundes.
vom grundschullehrer zum gas-gerd
mir ist schlecht und da soll ich mich aktiv dran beteiligen ???
das wäre ethisch gesehen selbstverstümmelung.
Malt (17.10.2007, 18:00 Uhr)
@romeodelta
Na klar!
Kommt ja immer doof als Diktator (wobei mir die Bezeichung "Gottkaiser" fast noch mehr zusagt... oder Imperator), wenn man sein Auto selber fahren muss ;-)
Ohne Witz: Ich bin der Meinung, dass das Volk (in der Gesamtheit) schlicht und ergreifend einfach zu dumm ist, um für sich selbst zu entscheiden. Kann man schon daran sehen, dass es immer mehr Privatinsolvenzen gibt... mit den abenteuerlichsten Begründungen (Die beste Begründung bisher: Ich habe nicht gewußt, dass man einen Easy-Kredit auch zurück zahlen muss ^^).
Daran kann man sehen, dass ein Staat halt immer nur ein Abziehbild seiner Bürger ist! Ich mein: Wenn es von unserer Regierung schon als Erfolg verkauft wird, dass sie weniger neue Schulden macht - entweder fehlt's auch da an den grundlegendsten Kenntnissen des Lebens (man darf nicht mehr ausgeben, als man einnimmt) oder die denken sich (womit sie vermutlich auch recht haben): Das Volk ist so dumm, denen kann man auch ein X für ein U vormachen.
Deswegen wählt mich zu eurem Gottkaiser (habe mich mittlerweile dafür enschieden).... dann müsst Ihr wenigstens nur noch einen Typen bezahlen. Und schlechter mach ich's auch nicht. Versprochen!
hatschie (17.10.2007, 18:00 Uhr)
ärmlicher kommentar
dieser kommentar ist ein beleidigung für jeden politisch bewussten menschen!
nun bekommen wir, die bürger also den schwarzen peter gereicht, wenn das volk angeödet ist von diesen postengeschiebe und machtgerangel die sich hier als politik bezeichnet?
unverschämtheit.
jeden tag bekommen wir von den parteien vorgeführt was sie von uns halten: wir haben untertanen zu sein und zu zahlen. punkt.
ob europa oder euro, ob afghanistan oder kernkraft, zu allen wichtigen fragen wird der wille des volkes ignoriert und übergangen. die parteien benehmen sich als hätten sie das copyright auf alle politichen entscheidungsprozesse.
menschen die sich nicht mit allen entscheidungen dieser könige im einklang befinden, werden überwacht, bespitzelt und kriminalisiert.
wir sollen kriege führen für das kapital, werden ausgenommen wie weihnachtsgänse und unterdrückt wie in der ddr.
alle macht geht vom volke aus? lächerlich! das hat mit meiner realität noch nie was zu tun gehabt.
es wird zeit, dass politiker endlich mal für ihr versagen haftbar gemacht werden können. es wird zeit, dass endlich mal offen gesagt wird, wer hier wirklich der herr im hause ist.
romeodelta (17.10.2007, 17:36 Uhr)
@Malt
Deal!!!! aber ich möchte einen Posten :-)
alestopholus (17.10.2007, 17:22 Uhr)
Politik
heißt: Lügen, betrügen, egoistisch handeln, nur den eigenen Vorteil sehen (oder den der Partei)... Vielleicht möchten sich viele einfach nicht auf dieses Niveau heruntersetzen ?
Und wieviel wird noch von der Politik entschieden ? Wieviel von der Wirtschaft ?
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