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14. Dezember 2006, 12:15 Uhr

"Waschen Sie sich erst mal"

Darf man das - als Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei? Kurt Beck hat einem Arbeitslosen den Tipp gegeben, sich erst einmal zu waschen und zu rasieren, um einen Job zu bekommen. Kommentar des Koalitionspartners: "instinktlos".

Zoom

Ein Bartträger rät zur Rasur: der SPD-Vorsitzende Kurt Beck© Arnd Wiegmann/Reuters

SPD-Parteichef Kurt Beck hat einem Arbeitslosen praktische Tipps für die Jobsuche gegeben. Einem Bericht des "Wiesbadener Tagblatts" zufolge riet er bei einem lokalen Wahlkampftermin einem Arbeitslosen: "Wenn Sie sich waschen und rasieren, finden Sie auch einen Job."

Der Mann hatte zuvor lautstark auf seine Situation aufmerksam gemacht. "S'Lebbe iss doch wie's iss", habe der SPD-Vorsitzende und Vollbartträger den dabei stehenden Genossen seine forsche Reaktion erklärt. Der 37 Jahre alte Arbeitslose war keineswegs beleidigt und versprach, sich zu waschen und zu rasieren. Im Gegenzug müsse Beck ihm einen Termin in der Mainzer Staatskanzlei verschaffen.

SPD-Parteisprecher Lars Kühn sagte dazu: "Die Einladung steht." Wenn sich der Betroffene meldet, "wird ihm Kurt Beck bei der Arbeitssuche helfen." FDP-Generalsekretär Dirk Niebel kritisierte die Äußerung Becks. "Allein durch Körperpflege ist die Arbeitslosigkeit leider nicht zu bekämpfen", sagte er der Berliner "B.Z.". Uwe Schummer (CDU) von der Arbeitnehmergruppe in der Unions-Bundestagsfraktion nannte Becks Bemerkung "instinktlos".

DPA
KOMMENTARE (10 von 27)
 
holstein (15.12.2006, 14:43 Uhr)
Diskriminierend? Nein!
Die Bemerkungen von Herrn Beck sind nicht diskriminierend, sondern entsprechen leider der Realität.
gallonero (14.12.2006, 22:28 Uhr)
Kurt Beck
1. Wir leben in Deutschland und nicht in einem Land wo es besser oder schlechter ist als hier!!!! Also müssen wir unsere Probleme lösen und nicht die von Ruanda oder Schweden!!! Wir haben 4 Mio. Arbeitslose und noch ca. 2-3 Mio. stille Reserve an Arbeitsosen.
2. Hier reden zu viele Leute von Sachverhalten, von denen sie keine Ahnung haben, und das fanatisch!
3. Der dicke Kurt kann froh sein dass er Politiker ist, welcher Arbeitgeber würde diese "Tonne" einstellen?
4.Es wird Zeit für eine Grundversorgung für alle Hilfebedürftigen in Höhe von ca. 1250,-- Euro!! ( Kommt da wieder die Frage auf: wer soll das bezahlen?)
5. Antwort: was haben deutsche Kriegsschiffe vor der Küste des Libanons zu suchen? Waffen die zu 90 % über Land ins Land kommen abzufangen? wer zahlt diesen Unsinn? Der kritiklose Steuerzahler, der sich aber über jeden ALGII empfänger aufregt, aber der Libanon ist weiter weg als ein Arbeitsloser in der näheren Umgebung, also schlag den Arbeitslosen!!!
6. Und die Moral von der Geschicht, werd bloß arbeitslos nicht!!!!
mfg
Pixelschubser (14.12.2006, 15:37 Uhr)
@ RomanTicker
Werter RomanTicker,
sicher, in einem Punkt haben Sie Recht: Wir Deutschen jammern auf hohem Niveau. Aber prinzipiell finde ich es gar nicht so verkehrt, wie sie es darstellen wollen, schließlich sollte man sich mit seinen Wünschen und Hoffnungen nach oben orientieren, nicht nach unten.
Dass dieser Mensch dort mit Fahne und Mief nach einem Job ruft, ist sicher erst mal ein klarer Verstoß gegen alle Regeln, die sich bei der Arbeitssuche bisher etabliert haben. Ihm dann aber durch die Blume mitzuteilen "Was hast Du denn, es gibt andere Leute, denen es schlechter geht als Dir!" finde ich schon ziemlich heftig. Wer lange Zeit arbeitslos ist, leidet darunter und dieses Leiden führt bei verdammt vielen Betroffenen zu einer gewissen motivatorischen Agonie. Oder platt ausgedrückt: Aus lauter Hoffnungslosigkeit lassen sich diese Menschen hängen. Das ist eine anerkannte Krankheit und nennt sich Depression - schon mal davon gehört? Ich empfehle zu diesem Thema mal die einschlägige Fachliteratur zu studieren.
Wenn dann ein freudestrahlender dicklicher Politiker daherkommt und diesem menschen sagt "Wasch Dich erst mal!", dann ist das eine Ohrfeige ins Gesicht all derer, die in der gleichen Situation stecken. Nur die werden sich hier sicher nicht zu Worte melden, da sie aus Geldmangel vermutlich weder einen PC besitzen, noch einen Internetzugang.
Das alte Sprichwort "Jeder ist seines Glückes Schmied" gilt heute leider nur noch unter Optimalbedingungen. Und diese kann sich heute nicht mehr jeder selbst schaffen.
Ich habe mich aus der Arbeitslosigkeit heraus als letzten Ausweg verselbständigt; trotz sehr guter Zeugnisse und Referenzen habe ich in meinem Beruf keine Anstellung mehr gefunden. Wenn ich mit meinem Betrieb nun baden gehe, bin ich gezwungen, Hartz IV zu beantragen oder aber einen Job anzunehmen, der mir nicht schmeckt. Wäre nicht das erste Mal. Aber diese Alternative ist immer noch besser als der finanzielle und soziale Absturz ins bodenlose nichts, aus dem man hierzulande nicht mehr herauskommt.
Um auf unseren angetrunkenen Arbeitssuchenden zurückzukommen: Immerhin ruft er nach einem Job und nicht nach dem nächsten Bier, das ist doch durchaus schon mal als Anfang zu werten, oder?
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Sie nie in diese entsetzliche Situation kommen...
RomanTicker (14.12.2006, 15:11 Uhr)
Nicht alles durcheinander bringen
Man stelle sich folgendes vor. Es gibt 10 Personen, die die Länder dieser Erde repräsentieren. Einer ist gesund, der zweite hat eine leichte Erkältung und die anderen 8 haben schwere bis tödliche Verletzungen. Deutschland wäre aus wirtschaftlicher Sicht die Person mit der Erkältung. Und wenn man die momentane Jammermentalität der Deutschen als Grundlage für die Haltung der kranken Person heranzieht, dann würde sich diese erkältete Person darüber ärgern und lauthals beschweren, dass es einen gibt, dem es besser geht. Die 8 Sterbenden würde er nicht berücksichtigen. Hätte er nicht eher Grund hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken und aktiv zu seiner Genesung beizutragen? Sollte er nicht froh sein, dass es ihm nicht so geht wie den schwer Verletzten oder Sterbenden?
Viele Leute sind entsetzt und fühlen sich angegriffen, dabei hat der Herr Beck konkret über einen Arbeitslosen gesprochen und nicht über alle. Er hat sicherlich gut daran getan, diesem speziellen Herrn ein paar Ratschläge zur Körperpflege zu geben. Denn ein gepflegtes Äußeres ist nun mal eine Grundvoraussetzung, um einen Job zu bekommen.
In Deutschland gibt es auch Arbeitslose, die kein Problem mit der Körperpflege haben, aber das ist ein ganz anderes Thema, um das es hier nicht geht.
Warum müssen die meisten Menschen in Deutschland eigentlich immer jammern und all ihre Probleme auf andere schieben, wie in diesem Falle auf Kurt Beck? Den Menschen hier geht es im Schnitt erheblich besser als dem Durchschnitt der Menschheit, das ist eine belegbare Tatsache und gilt insbesondere für Arbeitslose. Die meisten ach so tollen Länder, in die viele Deutsche auswandern wollen, haben sehr viel weniger Mitleid mit Arbeitslosen, egal ob wir uns die USA, Kanada oder das boomende China ansehen. Das soll nicht bedeuten, dass wir uns zurücklehnen können, ABER jeder von uns Deutschen hat seinen Teil beizutragen. Und das ist momentan eher weniger der Fall. Wer keinen Job hat, der hat es natürlich schwer, auch hier in Deutschland. Aber man sollte nicht so ungerecht sein, deshalb über unser Land schlecht zu reden. Ich habe es selbst erlebt, dass Manschen in den USA und Kanada, die arbeitslos werden, bereit sind, jeden Job anzunehmen und dabei auch erhebliche Verschlechterungen in Kauf nimmt. Dort hat man auch keine andere Wahl, denn HartzIV gibt es da nicht! Das möchte ich nicht befürwarten, aber es ist so und wir können froh sein, dass es uns noch nicht so mies geht. Es mag Länder geben, in denen die Bedingungen besser sind, aber es gibt mehr, in denen es schlechter aussieht.
PhilippSte (14.12.2006, 15:05 Uhr)
Jetzt mal ehrlich...
...wie hätten Sie denn reagiert, wenn jemand mit so einem ungepflegten Erscheinungsbild im betrunkenen Zustand Sie anpöbelt und Sie persönlich für seine Lebenssituation verantwortlich machen will?
Jetzt hacken wieder alle Gutmenschen auf Beck rum, weil er einfach eine Wahrheit ausgesprochen hat, anstatt dass mal das rüpelhafte Verhalten von diesem Mann verurteilt wird.
Lächerlich finde ich auch, wie viele wieder versuchen politisches Kapital aus dieser Unwichtigkeit zu schlagen und behaupten, Beck habe alle Arbeitslosen beleidigt. Er hat nur einen Besoffenen in die Schranken gewiesen, der ihn von der Seite angepöbelt hat!
klauknie (14.12.2006, 14:55 Uhr)
Waschen Sie sich erstmal
Die Kritiker der Äußerung sollten sich mal nicht ins Hemd machen. Sie wissen genau, wie diese Äußerung gemeint ist und dass sie in keiner Weise eine Beleidigung aller Arbeitslosen ist, sondern nur das ungepflegte Auftreten dieses Menschen betrifft! Mal ganz ehrlich: Würden sie jemanden einstellen, der dermaßen ungepflegt auftritt??
zman_miami (14.12.2006, 14:49 Uhr)
De facto hat er Recht...
De facto hat Kurt Beck wohl die Wahrheit gesagt, auch wenn viele unserer Mitmenschen das so nicht wahrhaben wollen. Nur die Hand aufzuhalten und andere für mein Schicksal verantwortlich zu machen ist wohl nicht der richtige Weg. Mir ging es besser, sobald ich meinen Hintern hochbekam und etwas für mich selbst tat, und dann taten auch andere etwas für mich. Aber der erste Schritt obliegt mir, wie eigentlich immer im Leben!
bomfirit (14.12.2006, 14:32 Uhr)
Ehrlich gesagt...
...gehört schon viel dazu einfach mal ehrlich zu sein. Es kommt nicht drauf an ob jemand lange Haare hat oder einen Bart trägt. Herr Beck hatte wohl einfach den Eindruck daß der Typ sich etwas gehen gelassen hat. Solche Menschen brauchen manchmal eine Autorität die Ihnen am Anfang sagt wie man den Arsch hochkriegt. Allein die Erfahrung wirklich von Herrn Beck ernst genommen und verstanden zu werden ist für ihn sicher hilfreicher als wenn man ihm Ausreden unter die Nase reibt. Das Leben is halt so wie es is, man kanns nicht ändern. Aber man kann sich selbst ändern.
Lotterliese (14.12.2006, 14:20 Uhr)
recht hat er
Ich bin auch desöfteren der Meinung des Herrn Beck. Ich war selbst rund ein dreiviertel Jahr auf Arbeitslosengeld angewiesen und habe während dieser Zeit immer versucht, ein gewisses Level meines bisherigen Auftretens und Aussehens zu erhalten. Ich habe mich dabei immer an den Inhaber einer sehr erfolgreichen Arbeitsvermittlung meiner Heimatstadt erinnert, der seinen Kunden und allen Betroffenen geraten hat: auch in der Arbeitslosigkeit solle man jeden Morgen zu einem festen Zeitpunkt z.B. 7:30 Uhr aufstehen, sich sorgfältig waschen/pflegen/ankleiden, als ob man auf Arbeit oder sonst irgendwie in die Öffentlichkeit geht und sich selbst Aufgaben stellen, die man während des Tages abarbeitet. Auch wenn man ganz unten ist, zwingt einen keiner, sich gehen zu lassen. Man sollte sich erst ein Bild von einem selbst in den Augen der anderen machen und dann versuchen, dieses Auftreten möglichst positiv zu beeinflussen. Und es ist in unserer Gesellschaft anfänglich immer so: der erste Eindruck zählt!!! Nicht wegen des ungepflegten Erscheinungsbildes sind vier Millionen Menschen arbeitslos, aber je mehr man sich gehen lässt, desdo schwerer ist es, wieder den Anschluss zu finden und zu behalten.
catchme (14.12.2006, 14:14 Uhr)
Darf man(n) nicht mehr die Wahrheit sagen ?
Wenn einem so ein Hartz IV-Subjekt entgegenkommt, anpöbelt und dann noch stinkt, dann finde ich die Reaktion von Herrn Beck noch sehr zurückhaltend ... in diesem Land muß die Wahrheit schon noch gesagt werden dürfen !
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