"Kohl war wie der FC Bayern"

19. Dezember 2012, 06:24 Uhr

Peter Struck war ein großer Sozialdemokrat - und er war BVB-Fan. Der Ex-Minister, der nun verstorben ist, sprach im März 2011 im stern über Söldner und Krisen, über Klopp, Magath und Wehner.

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Peter Struck war auch ein großer Fußballfan. Hier ein Bild aus dem Jahr 2002, als der damalige SPD-Fraktionschef gemeinsam mit Parteifreunden ein WM-Tor der Nationalmannschaft bejubelt.©

Herr Struck, Sie sitzen bei Borussia Dortmund seit Jahren im Wirtschaftsund im Beirat, sind noch viel länger Mitglied des Vereins ...
... und vor allem bin ich jetzt stolz. Die haben vor niemandem Angst. Wer soll die denn schlagen? Soll ich weiterschwärmen?

Bitte.
Nehmen wir das 3 : 1 in München, erzielt nicht mit lauter Nationalspielern bis auf die Auswechselbank, sondern weil einer für den anderen rennt. Elf Freunde, ja.

Die Harmonie bei Borussia Dortmund wirkt ja beinahe romantisch: Junge Spieler wie Marcel Schmelzer und Kevin Großkreutz verlängern, andere wie Mats Hummels bekennen sich vehement zum Verein. Sind die Gesetze des Millionengeschäfts Fußball außer Kraft gesetzt?
Ich hoffe das - zumindest in Dortmund. Die entscheidende Figur ist da der Trainer. Dem gelingt es, mitzureißen. Solange der da ist, sagen sicher einige: Ich bleibe auch.

Nach stern-Informationen verzichtete Kevin Großkreutz bei der Verhandlung seines Jahresgehaltes auf ein paar Hunderttausend Euro, dafür wurde ihm zugesichert, seine Vertragsverlängerung bei der Hauptversammlung bekannt zu geben. Er fand das wichtig, als Geste für die Fans.
Bei dem Großkreutz, ja, der wurde als Dortmund-Fan geboren. Da glaube ich das.

Eine Ausnahme?
Wenn der Manuel Neuer nicht von Schalke zu den Bayern ginge, wenn der sich sagte, ich bleib da, wo ich als Fan in der Kurve stand, dann wäre das auch so etwas.

Heimat würde über Geld und Titel gestellt?
Das wäre etwas Wunderschönes. Die meisten Fußballspieler sind aber Söldner, das ist klar. Die Gruppe derjenigen, die ein Empfinden für ihren Verein haben, liegt in der Bundesliga höchstens bei fünf Prozent.

Man kann auch - Wolfsburg 2009 - ohne eigene Leute Meister werden.
Barcelona ist mit den Jungs aus dem eigenen Internat besser als Real Madrids Weltauswahl.

Wie haben Sie die Zeit des Leidens erlebt? 2002 wurde Dortmund Meister, längst hoch verschuldet. 2005 war der Verein dann quasi pleite.
Der heutige Geschäftsführer Aki Watzke steht der CDU nahe, aber das gebe ich als Sozialdemokrat gern zu: Der hat den Verein zusammen mit dem Präsidenten Reinhard Rauball vor der Katastrophe bewahrt. Das war dramatisch damals, für mich doppelt, ich konnte ja nicht mit anpacken.

Ein Minister hat keinen Einfluss?
Ich hab gesagt: "Leute, lasst mich bloß in Ruhe, bittet mich um nichts." Ich konnte mich als Mitglied der Bundesregierung doch nicht für einen von 18 Bundesligavereinen engagieren. Helfen konnte ich dann wieder als Fraktionsvorsitzender. Ich kannte ja Werner Müller, den früheren Wirtschaftsminister, und der war inzwischen Chef von Evonik geworden. Dortmund hat bei Evonik einen ordentlichen Sponsorvertrag bekommen.

Ins Stadion durften Sie aber schon als Verteidigungsminister.
Ja und mein Personenschutzkommando hat sich immer sehr gefreut. Einmal sind wir zum Signal Iduna Park, im dicken Auto, Blaulicht obendrauf, Motorradfahrer davor, auch mit Blaulicht. Wir fuhren dort her, wo die Leute zu Fuß gehen. "Guck mal, die Bonzen", hieß es dann natürlich. Da hab ich mein Gesicht und meinen Schal gezeigt. "Ach, hallo, Peter!", hieß es dann.

Anders als Gerhard Schröder, der immer gern ins Stadion kam, und der neue BVB-Aufsichtsrat Peer Steinbrück scheinen Sie dann ein echter Dortmund-Fan zu sein.
Schröder sagt, er müsse keinen Vereinsbeitrag zahlen, der ist wohl Ehrenmitglied. Ich zahle.

Darf sich die Politik einmischen in den Profifußball? In Gelsenkirchen half ein kommunaler Energieversorger dem FC Schalke 04 mit mehr als 20 Millionen Euro aus. Ist das Subventionierung von Arbeitsplätzen?
Das ist vor allem richtig. Es gibt keine bessere Werbung für Städte wie Gelsenkirchen oder Dortmund als ihr Fußballklub.

Wo liegen die Parallelen zwischen Politikern und Fußballern?
Die Fans erwarten ehrliche Arbeit auf dem Platz, das geht einem Politiker, der ein Mandat bekommt, auch so. Man darf die Leute nicht bescheißen.

Auf dem Rasen werden Schwalben immerhin bestraft, in der Politik sah es so aus, als könne Minister bleiben, wer geistiges Eigentum klaut.
Zu Guttenberg, tja, ein peinliches Benehmen. Dass die Kanzlerin den nicht vom Platz gestellt hat, fand ich traurig. Immerhin hat er sich noch selbst ausgewechselt.

Kann man sich vorstellen, dass eine Bundestagsfraktion so kuschelig zusammenarbeitet wie offenbar ein großer Teil der Mannschaft von Borussia Dortmund?
Schwierig. Weil die Abgeordneten in ihrem Wahlkreis oft direkt gewählt wurden. Die sind da etwas Besonderes, und in der Fraktion sind sie das nicht mehr.

Der Fußballprofi war ja in seinen Jugendmannschaften auch immer etwas Besonderes.
Das stimmt. Eine Fraktion ist aber jedenfalls nicht kuschelig.

Welche Rolle hat der Trainer beziehungsweise der Fraktionsvorsitzende?
Den Laden zusammenhalten, die Richtung vorgeben. Das ist gar nicht so leicht. 1998 hatten wir in der SPD-Fraktion 298 Abgeordnete, bei Sitzungen saßen mit Mitarbeitern und Referenten 400 Leute im Saal. Anders als der Trainer spielt der Fraktionsvorsitzende allerdings mit. Er muss als Erster reden, wenn es wichtig wird. Er ist der Spielmacher. Ich war also, was heute bei Dortmund Nuri Sahin ist. Das gefällt mir.

Trainer und Fraktionsvorsitzende werden zuweilen als Zuchtmeister bezeichnet.
Mir hat man damals eine Peitsche geschenkt, zur Erinnerung an Herbert Wehner. Aber so kann man heute eine Fraktion nicht mehr führen. Man muss auch überzeugen. Man kann nicht einfach 10.000 Euro Geldstrafe verhängen oder einen in die Amateurmannschaft schicken.

Vor 400 Leuten kann man einen Abgeordneten doch durchaus mit Worten plattmachen.
Das geht schon, das darf man aber nicht allzu oft machen. Ich glaube, dass Jürgen Klopp kein Zuchtmeister ist. Wahrscheinlich ist eher Felix Magath einer wie Herbert Wehner. Ich will jetzt nicht auf dieses "Quälix"-Image hinaus, aber einen 17-Jährigen wie diesen Schalker Draxler mit einem Profivertrag von der Schule zu ziehen, das geht nicht. Aber so etwas kennzeichnet Magath offenbar. Herbert Wehner sah nur die Sache. Und dabei ging es ihm nicht um den einzelnen Menschen. Gegen den konnte er sehr hart sein - obwohl er persönlich manchmal sehr nett und liebenswürdig war. Er hatte ein Ziel: die Sozialdemokratie an die Regierung zu bringen und sie dort zu halten. Dem hat er alles, alles untergeordnet. Viele hatten Angst vor ihm.

Das berichten Spieler auch von Felix Magath. Der sagt, es sei seine Art, Erfolg zu haben. Und den hat er ja durchaus in seiner Karriere.
Mag sein. In der Politik ist das sicher nicht der richtige Weg, Wehner wäre heute unmöglich.

Und im Fußball?
Beim BVB herrscht auch Disziplin, aber man scheint sich da zu mögen. Und man hat Erfolg. Das schließt sich also nicht alles aus.

Braucht es Charisma, auch im Fußball?
Das zeigt zumindest das Beispiel Borussia Dortmund. Jürgen Klopp kommt doch im Grunde sogar bei Schalke-Fans an. Eines lernt man schnell in der Politik: dass Begeisterung gewaltige Kraft freisetzen kann. Und es geht beim Fußball ja nicht nur um Talent und Taktik.

Was jetzt vor Borussia Dortmund liegt, die letzten zehn Spieltage der Saison, ist das nicht wie der Bundestagswahlkampf der SPD 1998 gegen Kohl?
In jenem Sommer schien damals alles klar, wir sind marschiert und marschiert. Kohl kam nicht mehr ran, und schließlich wurde Schröder Kanzler. Kohl war der FC Bayern der Saison 2010/2011. Die SPD war Borussia Dortmund.

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