In ihrer Not installiert die SPD zwei ihrer Hoffnungsträger an der Spitze: Sigmar Gabriel und Andrea Nahles. Zwei Machtmenschen, die nicht zusammenpassen. Wie soll das gehen? Von Peter Ehrlich und Horst von Buttlar

Könnten kaum unterschiedlicher sein: Nahles und Gabriel zusammen in der Berliner Parteizentrale© Gero Breloer/DPA
Wenn zwei Wortgewaltige plötzlich schweigen, wird es ernst. Sigmar Gabriel verstummt schon am Tag nach der Wahl, nur ein kleines, ganz harmloses Interview hat er am Wahlsonntag dem "Spiegel" gegeben. "Ich bin jetzt zum zweiten Mal Bundestagsabgeordneter mit Direktmandat", sagt er lakonisch und demütig über seine Zukunft. "Und da hat man gefälligst seine Arbeit zu machen." Ansonsten hält er sich raus bei all dem, was nach einer Wahl an Analysen, Aufrufen und Ansagen so folgt. Andrea Nahles spricht ab Dienstag nicht mehr öffentlich. Nur nichts falsch machen, bis die neue Führung der SPD steht.
Ein Duo, das bisher fast nie miteinander, aber gelegentlich gegeneinander agiert hat, hat plötzlich ein gemeinsames Interesse: die Führung von Deutschlands ältester Partei zu übernehmen.
Es wird keine Krönung sein, keine vom breiten Jubel getragene Inthronisierung. Das Vorgehen der SPD nach dem Untergang vom 27. September ist bisher kein Neuanfang, dem irgendein Zauber innewohnt. Die Neubesetzung der Spitzen wirkt hastig und handstreichartig, keine lange Debatte gab es, schon gar keine Befragung der Basis.
Was auch für Unmut gesorgt hat. Von einem "Hauruckverfahren, das einer Ämterpiraterie gleichkommt", spricht das SPD-Vorstandsmitglied Hermann Scheer. "Das hinterlässt den Eindruck, dass einige Leute würfeln, und das Ergebnis zählt dann", schimpft der Parteilinke Ottmar Schreiner.
Doch der Fahrplan steht fest: Am Montag sollen Präsidium, Vorstand und die Vertreter der Landesverbände die neue Führung absegnen. Ursprünglich sollte die Sitzung erst Freitag stattfinden, doch sie wurde kurzfristig vorgezogen. Über die neue Spitze wird endgültig der Parteitag Mitte November entscheiden.
Es ist ein eigenartiges Paar, das die SPD nach Erleben ihres schlimmsten Albtraums an der Spitze installieren will. Sigmar Gabriel und Andrea Nahles - beide sind Politiker mit dem gewissen Extradrang zur Macht. Beide gehören zu den wenigen, bei denen das Wort "Hoffnungsträger" und "Bundeskanzler" früh in ihrer Biografie auftaucht.
Nahles hat als 19-Jährige in der Abiturzeitschrift ihrer Schule als Berufswunsch angegeben: "Hausfrau oder Bundeskanzlerin". Gabriel war Ministerpräsident, gerade 42 Jahre alt, als Gerhard Schröder über ihn verbreiten ließ, er habe das Zeug, später einmal Parteichef und Kanzler zu werden.
Und beide passen irgendwie so gar nicht zusammen: Gabriel, der wendige Pragmatiker, Nahles, die linke Programmatikerin. Bisher können sie sich nicht leiden. Nahles hat 2007 sogar verhindert, dass Gabriel ins Parteipräsidium aufrückt. Wird solch ein Paar nun Seit' an Seit' marschieren?
Die designierte Parteispitze versuchte in den Wochenendinterviews, solche Zweifel zu zerstreuen. Niemand sprach von einem Duo - oder Trio, wenn man Frank-Walter Steinmeier an der Fraktionsspitze dazuzählt -, sondern von einem "Team", das die Partei führen soll. "Der Grundgedanke des Wechsels an der Spitze ist, die SPD als Team zu führen", sagte Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit dem "Tagesspiegel".
Mit dem Personalpaket, zu dem Wowereit als designierter Parteivize auch gehört, sei es gelungen, "widerstrebende Kräfte in einer neuen Führung zu bündeln". Auch Olaf Scholz, ebenfalls einer der künftigen Stellvertreter, beschwor in der "FAS" die "kollektive Führung". Angesprochen auf die Rolle von Nahles, sagte er: "Viele werden in der SPD künftig wichtig sein, auch Nahles."
Manchmal wirkt es, als werde das neue Spitzenpaar in einem Atemzug gelobt und gleichzeitig relativiert, als sei allen nicht ganz wohl bei der Sache. Bei Gabriel mag es daran liegen, dass der als Retter Auserkorene ausgerechnet dem ähnelt, den viele für den Niedergang der SPD verantwortlich machen: Gerhard Schröder. Gabriel hat jene Eigenschaften eines Politikers, die Hoffnung und Angst zugleich machen. Er ist Machtmensch, intelligent, ein guter Redner. Für ihn sind Inhalte aber oft funktional, sie müssen einen bestimmten Zweck haben, und sei es den, sich wieder einmal zu profilieren. So unterstützte er Schröders Reformkurs und machte 2003 gleichzeitig Wahlkampf gegen ihn. Gabriel fordert mal die Einführung von Studiengebühren und dann die Einführung der Vermögensteuer.
Immer signalisiert er, zu was er sich berufen fühlt, schreibt Bücher mit ehrgeizigen Politikertiteln wie "Links neu denken" oder "Mehr Politik wagen". Gleichzeitig verachtet er die Partei, das Funktionärswesen. So sozialisiert er in der SPD ist, so fremd erscheint er oft in ihr. Man würde ihm auch zutrauen, die FDP zu retten. Wenn Genossen über Gabriels Eignung zum SPD-Chef sprechen, sagen sie Sätze, die eigentlich nicht zusammenpassen: "Er hat Wärme", sagt Scholz. "Weil er kämpfen kann, weil er zuspitzen kann", sagt Wowereit.
Auf der anderen Seite Andrea Nahles: ebenfalls ehrgeizig, eine gute Rednerin, eine Hoffnungsträgerin, die selbst inständig auf sich hofft. Ihr glockenhelles Lachen kann ansteckende Fröhlichkeit verbreiten, sie ist in der Partei aber auch gefürchtet als Strippenzieherin und Netzwerkerin. "Heimliche Parteivorsitzende" oder "Königin der Hinterzimmer" sind Etiketten, die ihr anhaften. Sie hat bereits als Parteivize die SPD geformt und Kurt Beck vor sich hergetrieben. Sie ist die Wortführerin der Linken - und sie ist glaubwürdig links. Sie würde immer die Vermögensteuer, aber nie Studiengebühren fordern.
Dieser Artikel wurde übernommen... ...aus der aktuellen Ausgabe der "Financial Times Deutschland"