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5. Oktober 2009, 11:16 Uhr

Das Albtraumpaar

In ihrer Not installiert die SPD zwei ihrer Hoffnungsträger an der Spitze: Sigmar Gabriel und Andrea Nahles. Zwei Machtmenschen, die nicht zusammenpassen. Wie soll das gehen? Von Peter Ehrlich und Horst von Buttlar

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Könnten kaum unterschiedlicher sein: Nahles und Gabriel zusammen in der Berliner Parteizentrale© Gero Breloer/DPA

Wenn zwei Wortgewaltige plötzlich schweigen, wird es ernst. Sigmar Gabriel verstummt schon am Tag nach der Wahl, nur ein kleines, ganz harmloses Interview hat er am Wahlsonntag dem "Spiegel" gegeben. "Ich bin jetzt zum zweiten Mal Bundestagsabgeordneter mit Direktmandat", sagt er lakonisch und demütig über seine Zukunft. "Und da hat man gefälligst seine Arbeit zu machen." Ansonsten hält er sich raus bei all dem, was nach einer Wahl an Analysen, Aufrufen und Ansagen so folgt. Andrea Nahles spricht ab Dienstag nicht mehr öffentlich. Nur nichts falsch machen, bis die neue Führung der SPD steht.

Es wird keine Krönung sein

Ein Duo, das bisher fast nie miteinander, aber gelegentlich gegeneinander agiert hat, hat plötzlich ein gemeinsames Interesse: die Führung von Deutschlands ältester Partei zu übernehmen.

Es wird keine Krönung sein, keine vom breiten Jubel getragene Inthronisierung. Das Vorgehen der SPD nach dem Untergang vom 27. September ist bisher kein Neuanfang, dem irgendein Zauber innewohnt. Die Neubesetzung der Spitzen wirkt hastig und handstreichartig, keine lange Debatte gab es, schon gar keine Befragung der Basis.

Was auch für Unmut gesorgt hat. Von einem "Hauruckverfahren, das einer Ämterpiraterie gleichkommt", spricht das SPD-Vorstandsmitglied Hermann Scheer. "Das hinterlässt den Eindruck, dass einige Leute würfeln, und das Ergebnis zählt dann", schimpft der Parteilinke Ottmar Schreiner.

Doch der Fahrplan steht fest: Am Montag sollen Präsidium, Vorstand und die Vertreter der Landesverbände die neue Führung absegnen. Ursprünglich sollte die Sitzung erst Freitag stattfinden, doch sie wurde kurzfristig vorgezogen. Über die neue Spitze wird endgültig der Parteitag Mitte November entscheiden.

Mit Extradrang zur Macht

Es ist ein eigenartiges Paar, das die SPD nach Erleben ihres schlimmsten Albtraums an der Spitze installieren will. Sigmar Gabriel und Andrea Nahles - beide sind Politiker mit dem gewissen Extradrang zur Macht. Beide gehören zu den wenigen, bei denen das Wort "Hoffnungsträger" und "Bundeskanzler" früh in ihrer Biografie auftaucht.

Nahles hat als 19-Jährige in der Abiturzeitschrift ihrer Schule als Berufswunsch angegeben: "Hausfrau oder Bundeskanzlerin". Gabriel war Ministerpräsident, gerade 42 Jahre alt, als Gerhard Schröder über ihn verbreiten ließ, er habe das Zeug, später einmal Parteichef und Kanzler zu werden.

Und beide passen irgendwie so gar nicht zusammen: Gabriel, der wendige Pragmatiker, Nahles, die linke Programmatikerin. Bisher können sie sich nicht leiden. Nahles hat 2007 sogar verhindert, dass Gabriel ins Parteipräsidium aufrückt. Wird solch ein Paar nun Seit' an Seit' marschieren?

Die designierte Parteispitze versuchte in den Wochenendinterviews, solche Zweifel zu zerstreuen. Niemand sprach von einem Duo - oder Trio, wenn man Frank-Walter Steinmeier an der Fraktionsspitze dazuzählt -, sondern von einem "Team", das die Partei führen soll. "Der Grundgedanke des Wechsels an der Spitze ist, die SPD als Team zu führen", sagte Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit dem "Tagesspiegel".

Zweifel am Traumpaar

Mit dem Personalpaket, zu dem Wowereit als designierter Parteivize auch gehört, sei es gelungen, "widerstrebende Kräfte in einer neuen Führung zu bündeln". Auch Olaf Scholz, ebenfalls einer der künftigen Stellvertreter, beschwor in der "FAS" die "kollektive Führung". Angesprochen auf die Rolle von Nahles, sagte er: "Viele werden in der SPD künftig wichtig sein, auch Nahles."

Manchmal wirkt es, als werde das neue Spitzenpaar in einem Atemzug gelobt und gleichzeitig relativiert, als sei allen nicht ganz wohl bei der Sache. Bei Gabriel mag es daran liegen, dass der als Retter Auserkorene ausgerechnet dem ähnelt, den viele für den Niedergang der SPD verantwortlich machen: Gerhard Schröder. Gabriel hat jene Eigenschaften eines Politikers, die Hoffnung und Angst zugleich machen. Er ist Machtmensch, intelligent, ein guter Redner. Für ihn sind Inhalte aber oft funktional, sie müssen einen bestimmten Zweck haben, und sei es den, sich wieder einmal zu profilieren. So unterstützte er Schröders Reformkurs und machte 2003 gleichzeitig Wahlkampf gegen ihn. Gabriel fordert mal die Einführung von Studiengebühren und dann die Einführung der Vermögensteuer.

Königin der Hinterzimmer

Immer signalisiert er, zu was er sich berufen fühlt, schreibt Bücher mit ehrgeizigen Politikertiteln wie "Links neu denken" oder "Mehr Politik wagen". Gleichzeitig verachtet er die Partei, das Funktionärswesen. So sozialisiert er in der SPD ist, so fremd erscheint er oft in ihr. Man würde ihm auch zutrauen, die FDP zu retten. Wenn Genossen über Gabriels Eignung zum SPD-Chef sprechen, sagen sie Sätze, die eigentlich nicht zusammenpassen: "Er hat Wärme", sagt Scholz. "Weil er kämpfen kann, weil er zuspitzen kann", sagt Wowereit.

Auf der anderen Seite Andrea Nahles: ebenfalls ehrgeizig, eine gute Rednerin, eine Hoffnungsträgerin, die selbst inständig auf sich hofft. Ihr glockenhelles Lachen kann ansteckende Fröhlichkeit verbreiten, sie ist in der Partei aber auch gefürchtet als Strippenzieherin und Netzwerkerin. "Heimliche Parteivorsitzende" oder "Königin der Hinterzimmer" sind Etiketten, die ihr anhaften. Sie hat bereits als Parteivize die SPD geformt und Kurt Beck vor sich hergetrieben. Sie ist die Wortführerin der Linken - und sie ist glaubwürdig links. Sie würde immer die Vermögensteuer, aber nie Studiengebühren fordern.

Dieser Artikel wurde übernommen... ...aus der aktuellen Ausgabe der "Financial Times Deutschland"

Seite 1: Das Albtraumpaar
Seite 2: Gabriel braucht Nahles
 
 
KOMMENTARE (10 von 38)
 
Doji (06.10.2009, 14:30 Uhr)
Typisch SPD - wieder kein Konzept
Das verstehe mal einer: statt sich mit Inhalten zu befassen, werden überstürzt und konzeptlos Personen ausgetauscht.
SethusCalvisius (06.10.2009, 00:13 Uhr)
Das Albtraumpaar
ist für mich doch eindeutig Merkel/Westerwelle.
Was Gabriel und Nahles angeht, muss man eben abwarten. Natürlich muss sich die SPD in erster Linie programmatisch neu aufstellen, dazu muss man aber auch die Personalfragen geklärt haben. Es ist wohl klar, dass diese inhaltliche Diskussion nicht unter Müntefering stattfinden kann. Insofern ist es richtig, erst den neuen Vorsitzenden zu wählen.
Dass das aber jetzt schon wieder im Hinterzimmer ausgekungelt wurde und die zuständigen Gremien wieder nur abnicken dürfen, ist ein schwerer Fehler. Es kann durchaus sein, dass Gabriel auch ohne diese Absprachen gewählt worden wäre, aber was hätte es geschadet, das demokratisch durchzuziehen? Wahrscheinlich war es die Angst der Parteiführung, die Basis könnte die Seeheimer endgültig verjagen.
Ich denke aber, dass die Partei mehr aushält als viele so denken. Sieht man in die Geschichte der SPD, stellt man fest, dass diese Flügelkämpfe immer dazugehörten. Willy Brandt, immer noch einer der bedeutendsten Politiker, hat die SPD in seiner Jugend sogar verlassen. Später musste er erhebliche Widerstände in seiner Partei überwinden, als er 1969 nicht die Große Koalition fortführen, sondern eine Koalition mit der FDP eingehen wollte. Der jahrelange Streit zwischen Wehner und Brandt ist legendär. Von daher war es wohl der größte Fehler, als unter Schröder der linke Flügel endgültig stillgelegt werden sollte.
kralli19 (05.10.2009, 15:26 Uhr)
Nahles Links ???
Wenn Nahles als Links in der sPD gilt, dann Gute Nacht, sPD.
Die ist so links wie Putin ein lupenreiner Demokrat ist.
TT2007 (05.10.2009, 14:55 Uhr)
Die Windmühlenpartei SPD...
...viele Flügel, die sich um sich selbst drehen. Ich hatte wirklich gehofft, dass die SPD noch einmal die Kehrtwende schaffen würde, aber langsam glaube ich nicht mehr daran.

Eine Klügeltussi, deren wirtschaftspolitische Kompetenz man mit der Lupe nicht findet und einen windigen Populisten mit aufgeblasenem Ego. So ein billiges und substanzloses Schmierentheater; die wenigen verbliebenen aufrechten Genossen tun mir wirklich leid.
vegefranz (05.10.2009, 14:55 Uhr)
vermögenssteuer/studiengebühren

das soll also heissen: Wer fleissig ist und vermögen anhäuft, wird bestraft

wer 25 Semester Sozialpädagogik studiert, wird belohnt .


.
h.o.n.k. (05.10.2009, 14:46 Uhr)
Da ist der SPD wohl
die innere Basisdemokratie gründlich abhanden gekommen. Weiter so - es muß noch viel schlimmer werden, bevor es wieder besser wird. Auch wenn ich mir kaum vorstellen kann, daß es schlimmer (lauter) geht als mit Nahles.
Hajo (05.10.2009, 14:41 Uhr)
SPD-Das Traumpaar
Es ist doch wirklich interressant was in manchen Situationen in der Politik so aus dem Hut gezaubert wird.Doch ich denke schlimmer gehts nimmer.Und dann redet die SPD von Neuanfang und Neuorientierung?Hab ich irgendetwas nicht mitbekommen?Schade ist nur das man zusehen muß wie diese alte Partei mit einer scheinbar unendlichen Kraft ihr eigenes Grab schaufelt.Würde diese Kraft doch nur in Parteiprogramme und Personalentscheidungen gesteckt.
MMSterling (05.10.2009, 14:35 Uhr)
A. Nahles
Zitat "Sie würde immer die Vermögensteuer, aber nie Studiengebühren fordern."
Was mich bei jemandem, der 20 Semester studiert, aber nie außerhalb seiner Partei gearbeitet hat, jetzt aber echt überrascht.
Sternchen2020 (05.10.2009, 14:10 Uhr)
Was heisst schon "Machtmenschen".
Viele bilden sich auch viel ein - oftmals auf nichts. Von einer Frau Nahles wollen sich nur so wenige Bürger vertreten werden, dass sie normalerweise schon in der Versenkung verschwunden wäre. Wäre da nicht eine Kleinpartei namens SPD, dei mit letzter Kraft versucht, sich am Tellerrand der Poltik festzukrallen.

Vergebliche Liebesmüh`. Auch dieses Duo wird nicht ändern können, was längst in Gang gekommen ist: Das Sterben einer einstmals sozialdemokratischen Partei, die alles verraten und verkauft hat, nur um an der Macht zu bleiben. Da Gegenteil ist eingetreten.
raptor-xl (05.10.2009, 14:02 Uhr)
das wird nix...
in einigen monaten wird die selbstzerfleischung weitergehen, denn die beiden können nicht miteinander.... und wenn links sich durchsetzt, dann streiten die sich mit der linkspartei um deren 10%. alle anderen spricht die spd ja eh nicht mehr an...
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