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9. Juni 2010, 07:45 Uhr

Das Volk würde Gauck wählen

Er ist der Präsidentschafts-Favorit des Volkes - und langsam offenbar auch der FDP. Dabei dachte Joachim Gauck sogar kurz über einen Verzicht auf die Kandidatur nach.

Gauck, Bundespräsident, Kandidat, Joachim Gauck, Präsidentschaftskandidat

Der Mann mit dem Sympathievorsprung: Bürgerrechtler Joachim Gauck© Wolfgang Kumm/DPA

Der Kandidat von SPD und Grünen für das Amt des Bundespräsidenten, Joachim Gauck, hat eine "menschliche Sekunde" darüber nachgedacht, ob er aus Rücksicht auf Bundeskanzlerin Angela Merkel auf seine Kandidatur verzichten solle. In der neuen, am Donnerstag erscheinenden Ausgabe des stern sagte Gauck, zunächst habe er gedacht: "Warum soll ich jene ärgern, die dir eigentlich nahestehen? Das ist doch schade." Dann aber, so Gauck, habe er den Gedanken verworfen: "Wenn du davon die Entscheidung abhängig machst, ist das ein wenig verspielt und ganz sicher unerwachsen." Gauck im stern: "Ich durfte nicht Nein sagen. Das hätte ich nicht verantworten können."

Nach einer aktuellen Forsa-Umfrage für den stern hat der ostdeutsche Bürgerrechtler Gauck einen klaren Sympathievorsprung vor dem Kandidaten der schwarz-gelben Koalition, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU). 42 Prozent der Bevölkerung würden für Gauck votieren, 32 Prozent für Wulff, wenn sie den Bundespräsidenten selbst wählen könnten. Wulff hat bei den Anhängern von CDU/CSU (61 Prozent) einen stabilen Sympathiewert, fällt aber schon bei FDP-Anhängern (42 Prozent) deutlich ab. Gauck erzielt hohe Werte im rot-grünen Lager (SPD-Anhänger: 58 Prozent; Grünen-Anhänger: 75 Prozent) und sogar auch bei Anhängern der Linken, obwohl die Partei eine eigene Kandidatin aufstellen wird. Gauck läge mit 52 Prozent läge klar vor Wulff (17 Prozent), hätten Anhänger der Linken nur die Wahl zwischen diesen beiden Kandidaten.

Ob Christian Wulff so ein Ergebnis schon geahnt hat, als er dem "Hamburger Abendblatt" ein Interview gab? Jedenfalls lehnte er im Gespräch mit der Zeitung eine Direktwahl des deutschen Staatsoberhaupts ab. ""Eine Direktwahl würde das Staatsoberhaupt mit Erwartungen an Macht und Einfluss versehen, die es nicht einlösen könnte. Der Bundespräsident ist Hüter der Verfassung und Repräsentant des Staates, aber er gestaltet nicht die Tagespolitik." Damit stellte sich Wulff im Gegensatz zum zurückgetretenen Horst Köhler, der sich mehrfach für eine Direktwahl des Staatsoberhaupts ausgesprochen hatte.

Nicht nur die Bevölkerung, auch die FDP kann sich offenbar immer mehr mit Gauck anfreunden - und immer weniger mit Wulff. In den Reihen der Liberalen gibt es erhebliche Unzufriedenheit mit der Nominierung. Vorstandsmitglied Wolfgang Kubicki ließ im stern deutliche Sympathie für Gauck erkennen, der sei ein "herausragender Kandidat mit natürlicher Autorität, den auch ein Hauch von Charisma umweht - dies würde man Christian Wulff nicht so ohne weiteres zusprechen". Der FDP-Fraktionschef im Stuttgarter Landtag, Ulrich Rülke, hält das Rennen noch für offen. Rülke sagte im stern: "Es könnte am Ende durchaus eng werden."

Machttaktische Spielchen sind bei der Wahl nicht ausgeschlossen. Hessens FDP-Vorsitzender Jörg-Uwe Hahn beispielsweise droht unverhohlen mit dem Entzug der Unterstützung für Wulff, falls die Union weiter seine Partei attackiert. "Die bürgerliche Mehrheit für Wulff in der Bundesversammlung ist nicht sicher, solange unter den Wahlleuten der FDP das Unbehagen über die Union groß ist", sagte er der Wochenzeitung "Rheinischer Merkur".

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