Mit dem Bologna-Prozess wurde das Studiensystem umgestellt. Trotz guter Absichten ist das Projekt missglückt. Master-Student Sebastian Huld berichtet, was Studieren in Deutschland bedeutet.

Hörsäle werden besetzt, Protestplakate aufgehängt: Studenten in ganz Deutschland protestieren gegen Bologna© Thomas Kienzle/AP
Noch eineinhalb Semester, und ich habe es endlich geschafft. Im Sommer 2010 habe ich, sofern alles gut geht, endlich meinen Studienabschluss in der Tasche. Ich gehöre dann zur ersten Generation, die nicht mehr mit einem Diplom- oder Magister-Abschluss zu Bewerbungsgesprächen antritt, sondern mit einem so genannten Master. Um genau zu sein, mit einem Master of Arts (M.A.) der Universität Hamburg im Fach Politikwissenschaft. Ich werde mir vielleicht ein T-Shirt drucken mit der Aufschrift "Ich habe Bologna überlebt". Denn genau das ist das Studium in Deutschland geworden: ein Kampf ums Überleben. Ums Durchhalten, trotz der enormen Belastungen.
Wie konnte es dazu kommen? Im Jahr 1999 beschlossen 30 europäische Staaten in der so genannten Bologna-Erklärung, einen gemeinsamen Hochschulraum zu schaffen. Ähnlich der Europäischen Wirtschaftsunion sollten europaweit einheitliche Standards in der akademischen Lehre und bei den Abschlüssen geschaffen werden. Zugleich sollte die Mobilität der Studenten erhöht werden. Jeder sollte überall in Europa studieren können und sich mit seinem Abschluss überall bewerben können.
Kernstück der Reform war die Einführung des Bachelor- und Master-Abschlusses. Anstatt fünf Jahren Regelstudienzeit für ein Diplom oder Magister, sollten die Studenten nach drei Jahren schon einen Bachelor-Abschluss vorweisen können. Mit entsprechend guten Noten darf man sich dann Hoffnungen auf einen Master-Studienplatz machen. Oder, wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung formuliert: "Das Bachelor/Master-System eröffnet den Studierenden neue Möglichkeiten für eine Kombination attraktiver Qualifikationen sowie für eine flexiblere Verbindung von Lernen, beruflichen Tätigkeiten und privater Lebensplanung."
Wenn das wirklich die Ziele der Bologna-Reform sind, kann ich als eines der ersten Bologna-Kinder nur eines feststellen: Die Reform ist in beinahe jeder Beziehung gescheitert. Anstatt uns mehr Flexibilität zu geben, wurde uns alle Flexibilität genommen. Zugleich ist der Druck, neben dem Studium arbeiten zu gehen, schlechte oder unbezahlte Praktika zu machen und uns sozial zu engagieren, größer als bei allen Studentengenerationen zuvor.
Das Studieren im Bachelor-/Master-System bedeutet in erster Linie eine Verschulung der akademischen Ausbildung. Seit meinem ersten Semester zählt beinahe jede Vorlesung, jedes Seminar für die Gesamtnote. Welche Kurse ich besuche, konnte ich gerade zu Beginn nur selten selber bestimmen. Denn Bachelor bedeutet Modulsystem. Das Studium ist in mehrere Module unterteilt, die jeweils einen thematischen Aspekt des Studienfachs beinhalten und aufeinander aufbauen. Ein Modul besteht meist aus einer Kombination aus Vorlesung und Seminar, die ich alle besuchen muss.
Wenn innerhalb eines Moduls mehrere Kurse möglich waren, ich mir also einen aussuchen kann, heißt das noch lange nicht freie Wahl zu haben. Denn drei Fragen bestimmen für einen Bachelor/Master-Studenten die Auswahl seiner Kurse: Erstens, kollidiert der angebotene Kurs mit meinen Arbeitszeiten? Zweitens, kollidiert er mit einem meiner Pflichtkurse? Drittens, gibt es ausreichend Lernpunkte für diesen Kurs?
Denn im neuen Studiensystem erhalten Studenten für jeden Kurs abhängig vom Arbeitsaufwand unterschiedlich viele Lernpunkte, auch Credit Points genannt. Da es pro Veranstaltung zwischen zwei und sechs dieser Lernpunkte vergeben werden und pro Semester 30 zu erbringen sind, wählt man also den Kurs mit den meisten Lernpunkten. Denn mehr Lernpunkte bedeuten nicht zwangsläufig mehr Arbeitsaufwand. Je nach Fachbereich und Universität fällt die Arbeitsbelastung höchst unterschiedlich aus.
Von den Unterschieden zwischen den Ländern ganz zu schweigen: Ich habe in meinem Auslandssemester in Paris beinahe doppelt so viele Lernpunkte bei gleichem Arbeitsaufwand bekommen wie bei meinem Bachelor-Studium in Bremen. Freunde, die ebenfalls im Ausland waren, berichteten ähnliches. Von europäischer Vereinheitlichung kann nicht die Rede sein.
Das Ziel, mit der Bologna-Reform die Mobilität der Studenten zu steigern, ist jetzt schon verfehlt. Die Zahl der Erasmus-Studenten - so heißt das europäische Austauschprogramm für Studenten- sinkt rapide. Zu hoch ist der Zeitdruck an der Heimat-Uni. Zu teuer der Auslandsaufenthalt.