Mohammad Kalali fordert die deutsche Asylpolitik heraus: Mit Flüchtlingen ist er 500 Kilometer nach Berlin gelaufen - und pfeift dabei auf ein deutsches Gesetz. Von Jonas Gerding

Umstrittener Hungerstreik: Mohammad Kalali (r.) hat sich in Würzburg den Mund zugenäht - aus Protest gegen die Asylpolitik© David Ebener/DPA
Mit aller Kraft wollte Mohammad Kalali seine Vergangenheit hinter sich lassen. Doch nun türmt sie sich wieder vor ihm auf: ein grauer Betonklotz, vier Stockwerke hoch und 50 Meter lang, ein Wohnheim für Flüchtlinge, wie der 34-jährige Iraner selbst. Vor der Wende waren hier die Soldaten der Volksarmee stationiert. Heute sind die meisten Wohnblöcke verlassen, Fenster eingeworfen und mit Brettern verschlagen. Das Gelände ist eingezäunt, teilweise mit Stacheldraht. Drum herum ist nicht als Wald und Wiesen. Die Einöde Sachsen-Anhalts.
Die deutschen Behörden hätten Kalali auch in dieses Wohnheim schicken können. Aber er sollte nach Bayern, in die Nähe von Regensburg. „Ich habe wie in einem Gefängnis gelebt“, sagt Kalali. Er zog aus, um dagegen zu demonstrieren: Er campierte auf dem Würzburger Marktplatz, trat in den Hungerstreik und marschierte schließlich mit 17 Flüchtlingen von Würzburg nach Berlin – aus Protest gegen die deutsche Flüchtlingspolitik und ein Gesetz, dass ihnen verbietet, ihren Landkreis zu verlassen: die Residenzpflicht.
Es ist das letzte Wochenende vor ihrer Ankunft in Berlin. 385 Kilometer sind sie schon gelaufen. 115 Kilometer haben sie noch vor sich. Oft schlafen sie in Zelten auf Sportplätzen. In Wittenberg sind sie in einer christlichen Herberge untergekommen. Die ersten Sonnenstrahlen scheinen auf die Wiese des Innenhofs. Kalali nippt an einem dampfenden Kaffee, die letzte Stärkung für die 20 Kilometer, die er heute laufen wird.
Seit eineinhalb Jahren lebt er in Deutschland, spricht aber nur wenige Worte deutsch. Ein Mitstreiter übersetzt: Im Iran habe er die Regierung kritisiert, verbotene Schriften gelesen - genug für das Regime, um ihn ins Gefängnis zu werfen. Das ist die Geschichte, die er jedem erzählt. Auch der deutschen Ausländerbehörde, die die Fragen über sein Schicksal klären musste: Droht ihm politische Verfolgung? Hat er ein Recht auf Asyl?
Der Treck bricht auf. Darunter Afghanen, Syrer, Marokkaner, aber auch etwa zehn deutsche Aktivisten. Ein Transporter fährt Proviant, Kleidung und Zelte hinterher. Kalali läuft in ausgelatschten Turnschuhen über den Asphalt, entlang der Altbauten des Städtchens, vorbei an Feldern, Dörfern und Wäldern. So hatte er sich Deutschland vorgestellt: friedlich, frei und fair.
Was er stattdessen erlebte, habe er nicht länger ertragen können: dass ihm Behörden verbieten, dorthin zu gehen, wo er möchte, zu leben, wo er möchte; dass sie ihm mit Nahrungspaketen vorschreiben, was er zu Essen habe und ihm das Arbeiten verweigern. "Ich bin doch ein Mensch wie jeder andere auch", klagt der gelernte Mechaniker in seiner Muttersprache und fragt in den wenigen Worten Deutsch, die er beherrscht: "Was soll das?"
Das sei ja nur vorübergehend so, rechtfertigt das Bundesinnenministerium seine Flüchtlingspolitik. So lange, wie der Asylantrag laufe. Durchschnittlich ein halbes Jahr. Und für diese Zeit besteht das Ministerium auf Residenzpflicht und die Wohnheime. Die Flüchtlinge müssten vor Ort sein - für Anträge, Nachfragen, persönliche Gespräche. Zu groß sei die Gefahr, dass sie untertauchen. Doch die Gesetze werden lockerer, nicht zuletzt wegen Protesten: Essenspakete sind in fast allen Bundesländern abgeschafft, Flüchtlinge dürfen sich in einigen Bundesländern frei bewegen und das Bundesverfassungsgericht hat ihnen jüngst den Rücken gestärkt: Ab diesem Jahr bekommen sie mehr Geld.
Für die Wohnheime sind die Landkreise verantwortlich. Manchmal bringen sie Flüchtlinge in gewöhnlichen Wohnungen unter, oft sind es aber Kasernen und Immobilien, die sonst keiner möchte. Oft sind die Zustände so schlimm, dass Menschen daran verzweifeln, kritisiert Kalali. Im Januar erhängte sich in Würzburg ein Iraner in seinem Zimmer. Kalali verließ daraufhin sein Wohnheim in der Nähe von Regensburg, fuhr 250 Kilometer nach Würzburg und schloss sich mit zehn Iranern zusammen.
Auf dem Marktplatz stellten sie Zelte und Plakate auf und forderten den Freistaat Bayern heraus: Sie pochten auf die Bewilligung ihrer Asylanträge. Der Protest weitete sich auf acht Städte aus. Kalali und einer seiner Mitstreiter nähten sich die Münder mit OP-Fäden zu und traten in den Hungerstreik. 33 Tage lang. Der Staat sei nicht erpressbar, wiegelte das Bundesland ab. Selbst der Flüchtlingsrat kritisierte Kalali. Letztlich brachen sie den Streik ab. Die meisten bekamen Asyl. Andere nicht – so auch Kalali.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Kalali seinen kompromisslosen Widerstand fortsetzt - auch wenn er dafür wieder Flüchtlingsheime betreten muss.