16. November 2012, 16:06 Uhr

Die Jagd nach den Machern von kreuz.net

Es gibt einen ersten Fall in Sachen kreuz.net: Pfarrer Hendrick Jolie im Bistum Mainz. Er steht im Verdacht, Autor der Hetzseite gewesen zu sein. Wie reagiert die Katholische Kirche? Von Alina Bube und Lutz Kinkel

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Ausriss aus Kathpedia: Pfarrer Hendrick Jolie©

Ein paar Schlagzeilen von diesem Freitag. "Homo-Faschismus: Kirchen-Hasser Xavier Naidoo will kein Homohasser sein" steht da. Oder "Kinder-Kolchosen: Ideale Verwertung: Frau als Gebärmaschine und Arbeitskraft" - ein Artikel über Kitaplätze. Es gibt Hassartikel gegen das Zweite Vatikanische Konzil, gegen "Protestunten", Muslime, "Linksmedien", die "Gleichschaltung" in der Europäischen Union, andererseits eine Lobpreisung der erzkonservativen Pius-Bruderschaft.

kreuz.net, eine Seite, die von sich behauptet, "katholische Nachrichten" zu verbreiten, ist, kurz gesagt, zutiefst reaktionär und menschenverachtend. Jeden Tag aufs Neue. Hunderte Strafanzeigen liegen gegen die anonymen Hintermänner der Seite vor. Und zwar nicht erst, seitdem das Portal dem verstorbenen Comedian Dirk Bach wünschte, er möge in der "ewigen Homo-Hölle" schmoren.

Der freche Herr Jolie

Bei einem Mitarbeiter der Katholischen Kirche ist nun nachweisbar, dass er in regem Kontakt mit dem Hetzportal stand: Pfarrer Hendrick Jolie aus dem Bistum Mainz, Gründer des konservativen Netzwerks Katholischer Priester, ein Endvierziger mit Halbglatze, der auf seiner Homepage berichtet, er sei schon früh als "Hardliner" verschrien gewesen. kreuz.net veröffentlichte nicht nur Artikel Jolies, der Pfarrer setzte auch Kommentare in den Foren der Seite ab. Aus der Auflistung seiner Mails der vergangenen zwölf Monate sei ersichtlich, dass Jolie zwei bis drei Mal wöchentlich an kreuz.net schrieb, sagt David Berger, der die Kampagne "Stoppt kreuz.net" leitet, zu stern.de. Das ist mittlerweile ein Problem - auch für Jolie. Die Deutsche Bischofskonferenz droht jedem Kirchenmitarbeiter, der sich an kreuz.net beteiligt, mit arbeitsrechtlichen Schritten. Heißt, im Extremfall: Kündigung.

Jolie, der für direkte Nachfragen nicht erreichbar war, stritt zunächst jede Mitarbeit an kreuz.net ab, korrigierte sich aber später. Auf der Internetseite seines Priesternetzwerks sind nun zwei Stellungnahmen zu lesen, die jegliche Diskriminierung und Diffamierung auf kreuz.net verurteilen. Jolie behauptet zudem, kein "ausgewiesener Autor" von kreuz.net zu sein. Andererseits wirft er sich "Leichtfertigkeit" vor: Er sei nicht früh genug gegen die Veröffentlichung seiner Artikel eingeschritten, die kreuz.net, so legen es die Stellungnahmen nahe, ohne Absprache übernommen hat. Immerhin räumt Jolie Postings im Kommentarbereich ein. Darin ließ er sich, so berichtet es die Süddeutsche Zeitung, abfällig über die Deutsche Bischofskonferenz aus und lobte einen Katholiken, der Gegner des Zölibats mit Hitler auf eine Stufe stellt. Abgezeichnet waren die Postings zumeist mit "der freche Jolie". Der freche Jolie hat inzwischen erkennbar kalte Füße.

Bistum Mainz will "amtliches" Gespräch

Ob Jolies Darstellung glaubhaft ist und wie die Katholische Amtskirche weiter mit ihm verfährt, blieb auch am Freitag offen. Das Bistum Mainz veröffentlichte eine Stellungnahme, wonach ein "amtliches, förmliches Gespräch" mit Jolie geführt werde, um die Vorwürfe zu prüfen. Erst danach sei die Situation zu bewerten. Es sei aber ersichtlich, dass Jolie in seinem Schrifttum nie gegen Ausländer, Muslime, Juden oder Homosexuelle gehetzt habe. Er sei vielmehr als "engagierter Seelsorger" bekannt.

Das Problem, das sich bei Jolie und anderen stellt, ist Kritikern nicht neu. Autoren aus erzkonservativen Zirkeln sind klug genug, sich nicht in strafbewehrter Hetze zu ergehen oder auch nur den Sound von kreuz.net zu imitieren. Gerade damit jedoch geben sie dem Portal einen seriösen Anstrich und machen es für einen erweiterten Leserkreis interessant. Eine aktive Mitarbeit lässt sich nur schwer nachweisen, weil im Einzelfall, wie bei Jolie, zwar Mail-Verbindungsdaten bekannt sind, nicht aber deren Inhalt. Ein vielfach praktizierter Umgang mit kreuz.net scheint zu sein, dass Konservative ihre Artikel vorab auf eigenen Homepages oder in einschlägigen Foren publizieren, diese aber mit einer "creative commons"-Lizenz versehen. Damit sind sie rechtefrei und können von jedermann übernommen werden - auch von kreuz.net. Der freundliche Tipp an die Redaktion, dass da und dort etwas Interessantes zu lesen sei, muss nicht einmal vom Autor selbst kommen. So lässt sich elegant jede Mitarbeit vertuschen.

Seite an Seite mit Goebbels

Die auf kreuz.net publizierten Autoren - neben Jolie sind fünf weitere Kirchenmitarbeiter zu finden, auch aus hohen vatikanischen Kreisen - müssen sich nur fragen lassen, ob sie gegen die Veröffentlichung auf dem Hetzportal aktiv vorgegangen sind. Oder ob sie sich zwischen Artikeln von Goebbels, geradezu psychotischen Kampagnen gegen "Kotstecher" und Beschwörungen eines vorvorgestrigen Taliban-Katholizismus vielleicht doch ganz wohlfühlen.

Von Alina Bube und Lutz Kinkel
 
 
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