Über die Ego-Terroristen vom Prenzlberg

11. Dezember 2009, 11:59 Uhr

In Berlin, Prenzlauer Berg, kleben sogenannte "Hass-Plakate", die doch eigentlich ganz vernüftig sind und sich nicht nur gegen Schwaben, sondern gleichberechtigt gegen Wessis aller Art richten. Besichtigung einer deutsch-deutschen Kampfzone. Von Holger Witzel

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Gute Heimreise: "Hass-Plakat" am Prenzlauer Berg©

Pünktlich zum Jahresende hängen wieder angebliche "Hass-Plakate" im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg. Sie kleben an Stromkästen und Mülltonnen, im Bötzowviertel und rund um die Winsstraße - überall dort, wo Touristen und Neu-Berliner den so genannten Kiez einmal für besonders kiezig hielten, bis sie unbedingt selbst dazu gehören wollten. "Wir sind ein Volk!", steht dieses Jahr auf den Plakaten. "Und ihr seid ein anderes." Unterschrieben sind sie mit: "Ostberlin, 9. November 2009."

Davon abgesehen, dass dies natürlich nicht nur für den Prenzlauer Berg, sondern für das gesamte Land gilt, handelt es sich doch weniger um "Hass" als um eine ziemlich harmlose Wortspielerei, eine Binsenweisheit eher nach 20 Jahren Clash der Kulturen. Es ist nicht so platt wie "Schwaben, verpisst euch!", was auf neuen Berliner Fassaden auch noch oft verlangt wird, oder etwa "Schnauze, Wessi!" Trotzdem weiß jeder sofort, was gemeint ist, wer das eine Volk ist und wer das andere. Die Botschaft kommt an, und das offenbar sogar bei denen, die das Leben der anderen nur aus dem Kino kennen.

*

Noch schöner ist, dass es jedes Jahr mehr werden, die Plakate selbstverständlich. Sie sind größer und aufwendiger gemacht als die kopierten DIN-A-4-Zettel der vergangenen Jahre, auf denen anonyme Widerstandskämpfer ihren neuen Nachbarn eine gute Heimreise wünschten oder sich für die erholsamen Feiertage bedankten, wenn die Saab-Karawane im Stau zur Verwandtschaft steckte. Am schönsten aber sind die öffentlichen Reaktionen darauf, jedenfalls die veröffentlichten:

Ungewohnt vorsichtig rätselt die "Bild"-Zeitung über den "Plakat-Krieg", es sei noch "unklar, was es damit auf sich hat". Für "Hass-Plakate" entscheidet sich dagegen die alte West-Berliner "B.Z." und analysiert "einem neuen Höhepunkt des innerdeutschen Rassismus". Die Berliner Morgenpost verwechselt die Ursachen, wenn sie meint, "Plakate spalten Anwohner" - als wenn Papier die Schere schneiden könnte. In der "Berliner Zeitung", sonst eher rücksichtsvoll im Umgang mit ewig gestrigen Gefühlen und Mitarbeitern, wundert sich ein Autor "über die Hartnäckigkeit einiger Ost-Berliner" und verlangt "für die Verfasser ein sofortiges Einreiseverbot nach West-Berlin".

Man könnte jetzt mit hoher Treffsicherheit sagen, woher die einzelnen Journalisten stammen, zumal Medien ein beliebtes Tummelfeld für ahnungslose Experten aller möglichen Befindlichkeiten sind. Doch so einfach ist es nicht, immerhin belegen die Kollegen ihr Unverständnis mit Umfragen unter Betroffenen und Fachleuten. "Absurd" beziehungsweise "unsäglich" findet Bezirksbürgermeister Matthias Köhne die Plakate und glaubt: "Wir waren in dieser Hinsicht schon mal weiter." Zweifellos ein Irrtum, aber das sei einem Diplompolitologen aus Schleswig-Holstein nachgesehen, der erst seit 1994 in Ost-Berlin lebt. Auch der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann wundert sich in der "Berliner Zeitung" über das "provinzielle Bewusstsein". Immerhin wohnt er schon seit 1996 am Kollwitzplatz und in seinem Alltag, so der geborene Schwabe, wären Ost-West-Differenzen kein Thema mehr. Wahrscheinlich stimmt das sogar, denn man ist am Kollwitzplatz ja im Wesentlichen unter sich, aber in einem Punkt irrt auch der Professor: Er sei froh, sagt er, dass sich die Kampagne gegen Landsleute und nicht gegen Menschen aus noch fremderen Kulturen richte. Dabei richteten sich die Plakate genau dagegen, ausdrücklich sogar. Und fremder als nach solchen Aussagen kann man sich gar nicht werden.

So zieht sich das durch alle Berichte: "Die haben wohl die Zeit verpennt", echauffiert sich in der "Morgenpost" eine Bankangestellte, die von Köln in den Prenzlauer Berg zog. Philipp Strube, der 1980 aus Westdeutschland kam und nach einer Karriere als Sozialarbeiter in Kreuzberg nun unter anderen den beliebten Wochenmarkt am Kollwitzplatz betreibt, sagt: "Ost-West spielt heute keine Rolle mehr." Auch er mag Recht haben: Die Probleme, die sein Markt derzeit mit einigen klagenden Anwohnern aus dem eigenen Kulturkreis hat, haben damit sicher nur am Rand zu tun.

*

Man kann leider nur spekulieren, warum in den Umfragen fast immer nur Anwohner zu Wort kommen, die das noch nicht all zu lange sind. Finden die Reporter doch mal einen Einheimischen, wollen die bei heiklen Ost-West-Fragen lieber namenlos bleiben. "Ich glaube, es handelt sich einfach um die Meinungsäußerung von Leuten, die hier keiner mehr versteht", zitiert die "Berliner Zeitung" immerhin "eine Frau, die schon lange vor der Wende in Prenzlauer Berg gelebt hat." Menschen, die im Westen aufgewachsen seien, sagt sie, könnten das nur nicht herauslesen. Jens-Holger Kirchner, der als Bezirksstadtrat für Öffentliche Ordnung auch für wild geklebte Plakate zuständig ist, kann seine Herkunft schon aufgrund seines Vornamens nicht leugnen und äußert sich in der Westberliner "Morgenpost" entsprechend vorsichtig: "Die Ost-Berliner haben so viele Veränderungen durchgemacht, die regen sich über den Wandel in den letzten fünf Jahren bestimmt nicht auf."

Jens-Holger legt damit einen ungeheuerlichen Verdacht nahe: Kleben die Fremden die fremdenfeindlichen Plakate womöglich selbst? Es würde ihnen ähnlich sehen: Ich selbst kenne Exemplare, die sich ungeniert beklagen, in den so genannten Szene-Vierteln sei nichts mehr so, wie es war, als sie sich dort breit machten. Eine Zeitlang haben sie noch versucht, sich mit alten Trainingsjacken der Nationalen Volksarmee zu tarnen und gleichzeitig damit verraten: Wer die tragen musste, aber das wissen sie eben nicht, würde das nie wieder freiwillig tun. Auch die verbreitete Vorliebe für alte Ost-Mopeds und anderen Quatsch aus dem Fachhandel für Nostalgie sind Indizien. Warum sollen sie also nicht auch zu denen gehören wollen, die Leute wie sich selbst nicht mögen? Solche narzisstischen Phänomene der Über-Identifikation mit Opfern kennt man auch aus der Trauma-Psychologie oder bei der Vergangenheitsbewältigung. Schaut man genau hin, stammen tatsächlich viele, die sich auch öffentlich für "Milieuschutz" in den Berliner Bezirken Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain einsetzen, gerade nicht aus diesen Milieus, sondern haben sie erst kopiert, dann okkupiert und schließlich zu Hause so lange angepriesen, bis sie ihre Zauberlehrlinge nicht mehr bremsen und die Mieten selbst nicht mehr bezahlen konnten.

*

Wie ich die Plakate verstehe, geht es nicht um arm oder reich, gegen "gentrification" oder "gegen Schwaben", wie die Nachrichtenagentur dpa und andere vermuten, weil dieses ohnehin bedauernswerte Völkchen schon zu Mauerzeiten als peinlichste Berliner galten. Sie richten sich gleichberechtigt gegen Rheinländer, Hessen, Bayern und Westfalen, ja sogar gegen Ost-Westfalen. Es geht um zugezogene Ego-Terroristen und ihre ungezogenen ADS-Kinder. Um Parkplätze, Kindergartenplätze und widerliche Dinkelplätzchen. Um die letzten Omis, die nirgendwo ein Päckchen Kaffee bekommen, das nicht zu angeblich "fairen Preisen" gehandelt wird. Um asoziale Attitüden und ein alternatives Image, das sich einen Scheiß um die letzte alternative Kultur schert, die gerade geräumt, gekündigt oder von den neuen Wohnungseigentümern wegen zu lauter Gitarren verklagt wird. Nicht zuletzt geht es natürlich auch um meine Berliner Lieblings-Kneipe, für die ich hier aus guten Gründen keine Werbung machen kann. Immerhin bewahrt sie ihre räudige Identität nur noch mühsam mit einem Schild an der Tür, auf dem kategorisch "Kein Milchkaffee!" steht.

Ein kleines Manko haben die Plakate trotzdem - die Bekenner fehlen. Ich würde nämlich gern etwas spenden, mich für nächstes Jahr freiwillig an die Kleister-Front melden und ein paar mit nach Leipzig nehmen, wo es in manchen Gegenden auch überhand nimmt. So kann ich den unbekannten Untergrundkämpfern nur zurufen: "¡No pasarán!" Und allen anderen - wie immer - Schnauze!

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KOMMENTARE (10 von 34)
 
Nadeera (14.12.2009, 11:59 Uhr)
@atticus
Das glauben Sie ja wohl selber nicht. Ich kenne keinen Schwaben, der es nötig hat, sich die Haare grün zu färben und Klamotten von der Kleidesammlung rumzulaufen, um sich cool zu fühlen. Schwaben sind per se selten alternativ angehaucht. Sie glauben doch nicht im ernst, dass diese Alternativos in den teuren Altbauwohnungen leben?
Stern007 (14.12.2009, 11:19 Uhr)
Lustig
Finde ich doch, dass der Autor und möchtegern Journalist oder wie er es selber über sich und seine Zunft schreibt, ahnungslosen Experten, sich als Sachse doch auf den Plaketen selber sehen müsste. Als "Nicht Berliner" scheint er sich ja auch in den "hippen" Bezirken aufzuhalten..... Aber was solls. Ich würde diesen Kommentar gern mit den Worten von Dieter Nuhr kommentieren: "Wer keine Ahnung hat, sollte einfach mal die Schnauze halten". Ist zwar ein Wessi, der das gesagt hat, aber trifft denke ich mal auf Ossis udn Wessis zu...
dist-bln (14.12.2009, 11:07 Uhr)
danke!
oh gott- danke für den artikel!
laketahoe (14.12.2009, 10:42 Uhr)
@Nadeera Für Berlin braucht man Humor...
Über Ihren Beitrag konnte ich wirklich gut lachen und wiedererkannt habe ich Berlin darin auch.

Viel zu viel qualvoll originelle Selbstinszenierung als hippe Welthauptstadt der Kreativen und der geistigen Elite verhindern dort, dass man mal in den Spiegel guckt und merkt, dass es der Entwicklung der Stadt zur internationalen Metropole nichts bringt, solchen selbstausgedachten Quatsch zu postulieren.

Icxh weiss schon, wahnsinnig viele Designer und anderes Kreativpersonal können nur das beste über Berlin berichten. Allerdings mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass die weiterhin in Paris, London und New York leben........
Halodri73 (14.12.2009, 10:23 Uhr)
Och, eigentlich wäre das Thema
Ossi vs. Wessi ja ganz interessant satirisch aufzuarbeiten. jeder bekäme schön links recht ein paar Watschen und der aufgeblasene Besserwessi würde neben dem Nörgelossi sein Fett mit einer Portion Humor wegbekommen.

Aber nein. Es muss ja ein zwei-Grad-zu-verbissen-um -noch-im-Ansatz-witzig-zu-sein-Autor seinen eigenen Fruist von der Seele schreiben in der Hoffnung, daß er ein Thema trifft, bei dem ihn bitte, bitte einige wenige unversöhnliche verstehen mögen!!

dickes *gähn* zum Montag Morgen.

P.S.:
Herr Witzel, wissen Sie warum sich die sogenannte Szene von Ort zu Ort bewegt? Na weil es eben die Szene ist, die sich wandelt und Ihre ist vielleicht die von gestern?

atticus (14.12.2009, 10:23 Uhr)
Liebe Nadeera,
sie schreiben: "Die denken echt, wenn sie in extra abgerissenen Klamotten rumlaufen, sich die Haare grün färben und Sonntags zum Brunch gehen sind sie anders und cool. "

"Die" sind eben genau die Zugereisten über die sich Herr Witzel hier so auslässt.
atticus (14.12.2009, 10:20 Uhr)
...
"Sie richten sich gleichberechtigt gegen Rheinländer, Hessen, Bayern und Westfalen, ja sogar gegen Ost-Westfalen. Es geht um zugezogene Ego-Terroristen und ihre ungezogenen ADS-Kinder. Um *Parkplätze*, *Kindergartenplätze* und *widerliche Dinkelplätzchen*. Um die letzten Omis, die nirgendwo ein Päckchen Kaffee bekommen, das nicht zu angeblich "fairen Preisen" (würg)gehandelt wird. Um asoziale Attitüden und ein alternatives Image, das sich einen Scheiß um die letzte alternative Kultur schert, die gerade geräumt, gekündigt oder von den neuen Wohnungseigentümern wegen zu lauter Gitarren verklagt wird."

Genau so isset. Dass das ein Zugereister so pointiert auf den Punkt bringen kann - Respekt. Alle anderen: Schnauze...
steinhaus (14.12.2009, 09:44 Uhr)
Warum immer diese "blöde" Ausgrenzerei?
Um es kurz zu fassen, ich bin die Ausgrenzerei satt. Mir ist es egal, wer dahinter steht. Mir ist egal, was die Urheber damit bezwecken wollten. Ich bin 1964 in eine ehemals mitteralterliche Stadt gezogen. Ich war 5 Jahre alt - und wurde wegen meiner Sprache massiv ausgegrenzt und auch regelmäßig verprügelt.
Heute weiß ich: meine Familie lebt in dem Ort seit 1664. Wir gehören zu der zweitältesten Familie des Ortes, zur traditionellen "Führungsschicht". Ich bin nur wo anders geboren. Welchen Sinn macht da die Ausgrenzung? Für was soll das gut sein?

Dazu fällt mir nur ein Wort ein: "Er kam zu den Seinen, aber die Seinen nahmen ihn nicht an...". Welch lange Wege müssen gegangen werden, bis Haß, Neid, Mißgunst ein Ende finden? Ich bin dankbar, dass ich wenigstens durch den Einen angenommen bin, der damals auch von seinen Verwandten und Nachbarn nicht angenommen wurde.
ganzbaf (13.12.2009, 20:32 Uhr)
Ja, Sina...

und beschwer dich wegen Lafontaine gleich mit.

Solidarischer Gruß ;-S
jaja.. (13.12.2009, 19:16 Uhr)
Lieber Herr Holger Witzel,
es gibt kein Ego-Touristen im Prenzelberg. Dieses Mode-Wort sollte man auch in der Politik etwas öfters benutzen. Anti-Terror-Merkel in Aktion. Der Terror ist überall. Vorsicht Telefon-Terror. Nur keine Angst vor dem Terror des Nachbarn. Terror auf dem Bahnsteig. Ihr Briefkasten ist nicht mehr sicher. Überwachungs-Terror. Bildungs-Terror. Verarmungs-Terror.
Wie sie schlafen schon gut?
Na, dann gute Nacht.
 
Schnauze, Wessi!

stern-Reporter Holger Witzel, 46, liegt die deutsch-deutsche Völkerverständigung am Herzen. Der jüngste Sammelband seiner Kolumnen heißt "Heul doch, Wessi"

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